# taz.de -- Afghanistan-Einsatz: Eine Soldatin will den Krieg nicht
> In Afghanistan sollte sie Sanitäterin sein, dann Kämpferin. Christiane
> Ernst-Zettl hat diesen Widerspruch nicht aushalten können. Die Bundeswehr
> schickte sie nach Hause zurück.
(IMG) Bild: Auf dem Weg zum Helfen und Schießen
Sie wird es nicht tun. Sie ist Sanitäterin. Keine Kämpferin. Sie trägt die
Binde mit dem roten Kreuz am Oberarm. Sie zeigt dem Oberleutnant ihre
Sanitätskarte. Wer diese Karte trägt, heißt es darauf, steht unter dem
Schutz des Genfer Abkommens von 1949. Sanitäter dürfen nicht angegriffen
werden, dafür dürfen sie auch nicht kämpfen. Aber jetzt soll sie
afghanische Frauen auf Sprengstoff durchsuchen, hier am Eingang von Camp
Warehouse in Kabul. Das gehört für sie zum Kämpfen. Das fällt nicht unter
den sanitätsdienstlichen Auftrag. Der Oberleutnant ist verunsichert. Ein
Kamerad mit einem G 36 baut sich vor ihr auf. Sie wird es nicht tun.
München. Christiane Ernst-Zettl, 37, Hauptfeldwebel der Bundeswehr, ist
überzeugt, dass eine Menge nicht in Ordnung ist mit dem Einsatz der
Deutschen in Afghanistan. Sie fasst sich an den Kopf, wenn sie den
Verteidigungsminister sagen hört, dass die Tornados zur Aufklärung
eingesetzt werden, obwohl Luftbilder zum militärischen Kampf gehören wie
Jagdbomber und Maschinengewehre. Sie ärgert sich, wenn Politiker den
Unterschied zwischen der mit UN-Mandat ausgestatteten Isaf-Truppe und der
von den USA geführten Antiterroroperation "Enduring Freedom" verklären.
Wenn sie so tun, als sei die Isaf nur für den Wiederaufbau zuständig. Als
führten nur die OEF-Einheiten den Krieg. Christiane Ernst-Zettl sagt, das
es all diese Widersprüche sind, die es den Bundestagsabgeordneten schwer
machen werden, im Herbst die Mandate der Bundeswehr zu verlängern. Die
Widersprüche und die Toten.
Wer als Hauptfeldwebel so redet, könnte Probleme bekommen. Sie betont, dass
sie ihre persönliche Meinung vertritt, nicht die der Bundeswehr. Natürlich
nicht. Kein Vertreter der Bundeswehr würde sich so äußern. "Tausende
Verletzte, Verwundete und Tote", sagt sie. "Frauen, Kinder, Greise. In
diesem Land herrschen Zustände wie im Irak."
So knapp sind ihre Sätze oft. Sie will keine Zweideutigkeiten dulden. Sie
kontrolliert ihre Gesten, wenn sie über den Krieg und ihre
Auseinandersetzung mit der Bundeswehr spricht. Es hört sich kühl an, als
sie sagt, dass sie nicht mehr mit einer Beförderung rechnet. Aber wenn sie
von ihren Kameraden spricht oder von "dem Haufen", dann löst sie ihre
verschränkten Arme und lächelt.
Sie ist mit 21 zur Bundeswehr gekommen. Damals hatte sie den ersten Job als
Arzthelferin in einer Sportarztpraxis in Herzogenaurach gefunden, einer
fränkischen Kleinstadt, wo die Adidas-Schuhe herkommen. Verbände, Labor,
Diabetesbehandlungen. Sie hat sich gefragt, ob das reichen wird, um ein
ganzes Berufsleben zu füllen. Ihr Bruder ist Soldat, und die Bundeswehr
öffnet zu dieser Zeit gerade die Laufbahn der Unteroffiziere für Frauen.
Sie macht die Grundausbildung in Kempten im Allgäu. Sie lernt, wie man
Verwundete birgt und ein Bein mit Schussverletzung abbindet. Auch das
Schießen gehört zur Ausbildung. Der Hauptgefreiten wird beigebracht, dass
Sanitäter keine Kämpfer sind, sondern Nichtkombattanten. Sie müssen die
Waffe offen tragen und das rote Kreuz gut sichtbar am linken Oberarm.
Schießen dürfen sie nur, um sich oder ihre Patienten zu verteidigen.
Sie meldet sich beim Kommandeur. Der Oberstarzt führt die Vernehmung, ein
Protokollant macht Notizen. Sie ist die Beschuldigte. Wegen der
Vorkommnisse am Morgen. Sie wird das Protokoll nicht unterschreiben. Was
wird ihr hier überhaupt vorgeworfen? Dass sie nicht gegen das Völkerrecht
verstoßen wollte? Sie wird aus dem Dienst herausgelöst. Rückversetzung nach
Deutschland und 800 Euro Geldbuße, weil sie den Zugführer verunsichert und
unkameradschaftlich gehandelt habe.
Helfen und schießen
Afghanistan war nicht der erste Auslandseinsatz von Christiane Ernst-Zettl.
Als sie 1998 zum ersten Mal einen Zug übernimmt, fühlt sie sich vollauf in
der Lage, die etwa 70 Männer und Frauen zu führen. In der Theorie macht ihr
niemand was vor. Aber einige der anderen Unteroffiziere sind schon im
Ausland gewesen, sie kennen die Realität. Ein Jahr darauf ist sie in
Bosnien. Sie lernt ein Land kennen, das von Minen übersät ist. Später im
Kosovo muss sie sich zum ersten Mal in ihrer Laufbahn um tote Kameraden
kümmern.
Als sie im Februar 2005 in Afghanistan eintrifft, hat es schon so viele
Selbstmordanschläge gegeben, dass die Neuen im Panzer vom Flughafen
abgeholt werden. Im Camp Warehouse sind die Soldaten abgeschottet, von
draußen hören sie Schusswechsel. Bei sich zu Hause in München hat
Ernst-Zettl Fotos von damals. Ein vereiterter Oberarm, ein abgerissenes
Bein, eine Holzkiste, in dem für Todesfälle Sarg und schwarzrotgoldene
Flagge aufbewahrt werden. Es gibt auch Bilder von Christiane Ernst-Zettl
wie sie mit locker angewinkelten Beinen auf einem Holztisch im Camp sitzt.
Sie schaut froh aus und entspannt.
Eigentlich ist sie Teil der Bundeswehr, die kranken afghanischen Kindern
hilft. Jener Truppe, die nicht mit Arroganz durch die Straßen patrouilliert
wie viele US-Soldaten. Beim Sanitätsdienst achten sie darauf, dass tote
Muslime mit einem weißen Tuch bedeckt und ihren Angehörigen nicht mit
gefalteten Händen übergeben werden. Das ist die Bundeswehr am liebsten: die
bewaffneten, aber landeskundigen Entwicklungshelfer. Ernst-Zettl weiß, dass
sich gerade Bundeswehrärzte und -sanitäter eignen, verzerrende Bilder zu
erzeugen. Der Sani mit dem Kind auf dem Arm. Dennoch ist sie stolz auf die
Hilfe, die sie und die Kameraden geleistet haben.
Wir helfen und wir schießen. Vermutlich liegt ihr Problem darin, dass sie
die zwei Dinge nicht zusammenbringt. Doch obwohl sie eigentlich auch nicht
zusammenpassen, lautet genau so das Konzept der westlichen Streitmacht in
Afghanistan: Helfen und schießen.
Einer von den Sanis hat sie gefragt. Sie haben ihn beim Sicherungsdienst
ans MG auf dem Turm gesetzt. Es fehlen Leute, seit die Georgier abgezogen
sind. Wenn einer auf das Camp zurennt und ich schieße, ist das doch eine
Kampfhandlung, oder? Ich kann das Ding doch gar nicht bedienen. Sie fragt
einen Vorgesetzten. Schriftlich. Keine Antwort. Sie kommt selbst in den
Sicherungsdienst.
"Ich wusste doch: In dem Moment, wo ich selbst die Sicherungsaufgabe
durchführe, die darin bestand, den Feind und irreguläre Kräfte bereits bei
Erkennen der Gefahr zu bekämpfen, bin ich Kombattantin", sagt Ernst-Zettl.
Genau das verbiete die Genfer Konvention. Lazarette dienen ausschließlich
zur Patientenversorgung und werden dafür nicht bombardiert. Sanitätslaster
transportieren keine Munition und werden nicht angegriffen. Soldaten mit
dem roten Kreuz schießen nicht und werden nicht beschossen.
Ohne Schutzzeichen an die MG
Das Verteidigungsministerium sieht es anders, jedenfalls was Afghanistan
betrifft. Bis heute würden Sanitäter dort für Sicherungsdienste eingesetzt,
teilt das Ministerium auf Nachfrage mit. In dem Land befinde sich die
Bundeswehr schließlich nicht in einem internationalen bewaffneten Konflikt.
Außerhalb eines solchen Konflikts müsse nicht zwischen Nichtkombattanten
und Kombattanten unterschieden werden. "Völkerrechtliche Besonderheiten
gelten für Angehörige des Sanitätsdienstes nicht im Frieden, sondern nur in
Zeiten internationaler bewaffneter Konflikte."
Hans-Joachim Gießmann, Professor am Hamburger Institut für
Friedensforschung, sagt, dass die Genfer Konvention und die Bestimmungen
für Sanitäter sehr wohl für den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr gelten.
"Deutsche Soldaten sind dort ja in Kampfhandlungen involviert." Er sagt
aber auch, dass Sanitäter Sicherungsaufgaben wahrnehmen können, wenn sie
das Schutzzeichen ablegen. So praktiziert es inzwischen auch die
Bundeswehr.
Rotes Kreuz ab, auf den Turm, ans MG, danach wieder Rotes Kreuz dran.
Christiane Ernst-Zettls Gesichtszüge wirken angespannter, wenn sie darüber
redet. Sie will genau argumentieren und sachlich bleiben. Aber die
Auseinandersetzung dauert schon zwei Jahre, und für einen Moment wird sie
sarkastisch. "Wenn ich Pech habe, liegen Patienten auf meinem OP-Tisch, die
ich oder meine Sanitätskameraden nicht getötet, sondern nur verwundet
haben." Sie lächelt gequält. "Wir schießen unsere Patienten selbst, hat
einer von uns gesagt."
Sie erzählt, dass sie Verständnis fand, als sie im April 2005 ins
Sanitätsamt nach München zurückgekommen ist. Dann ist es schwerer geworden.
Vorgesetzte begegneten ihr anders, sagt sie vorsichtig. Sie will
weitermachen. Ihre Eltern haben auch durchgehalten.
Sie lebten in Löbau in der Oberlausitz und hatten die Ausreise aus der DDR
beantragt. Der Vater war Automechaniker, die Mutter Sekretärin beim Rat des
Kreises. Sie hatten ein Eigenheim mit Swimmingpool. Aber die Ernsts wollten
nicht, dass die Kinder in der DDR groß werden. Mit 14 Jahren wurde
Christiane Ernst-Zettl zum ersten Mal von der Stasi befragt. Schließlich
durfte die Familie ausreisen. "Ich hab von meinen Eltern mitbekommen, dass
man die Sachen, die man anfängt, zu Ende bringt. Egal wie sie ausgehen,
aber zu Ende."
Zurzeit liegt ihr Fall beim Bundesverwaltungsgericht. Sie macht beim
Darmstädter Signal mit, einer Gruppe von 130 Soldaten, die die deutsche
Sicherheitspolitik kritisch beobachten. Im April haben sie in einem offenen
Brief gegen den Einsatz deutscher Tornados protestiert. "Christiane hat
Stehvermögen", sagt der pensionierte Oberstleutnant Helmuth Prieß, der das
Darmstädter Signal gegründet hat. "Die Gemeinheiten haben sie nicht
verhärtet."
"Ich bin Kriegsgegnerin", sagt Christiane Ernst-Zettl. Der Satz klingt
unspektakulär, aber was hat eine Kriegsgegnerin, zumal eine widerspenstige,
bloß beim Militär verloren?
Sie hat ihr halbes Leben in der Bundeswehr verbracht. Ihr Mann ist
Bundeswehrarzt. Sie findet den Satz nicht merkwürdig. Sie hat sich zum
Dienst in einer Parlamentsarmee verpflichtet, in der Soldaten nicht machen
können, was sie wollen. Sie ist überzeugt von der Idee der
Verteidigungsarmee. Nur hat sich die Rolle dieser Armee verändert im Kosovo
und in Afghanistan, auch wenn Peter Struck von der SPD die Formel gefunden
hat, dass am Hindukusch Deutschland verteidigt wird.
Ein Kamerad hat ein Foto gemacht an ihrem letzten Tag im Camp Warehouse.
Christiane Ernst-Zettl steht im Kampfanzug da. Sie drückt das Kreuz durch,
reckt das Kinn und salutiert. Man meint, ein Lächeln zu erkennen hinter der
Sonnenbrille. Am linken Oberarm trägt sie die weiße Binde mit dem roten
Kreuz.
30 Jun 2007
## AUTOREN
(DIR) Georg Löwisch
## TAGS
(DIR) Bundeswehr
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