# taz.de -- Ausländer: Urlaub von der Migration
       
       > Integrationsgipfel und Dialog verbessern die Situation von
       > aufstiegswilligen Einwanderern nicht. Familie Özturk wandert deshalb
       > jetzt aus - nach Belgien.
       
 (IMG) Bild: Deutsche geworden sind, sind sie Fremde geblieben - Berliner mit Migrationshintergrund.
       
       Vor dem Laden steht ein bescheidener Kleinwagen, ein zehn Jahre alter Fiat
       Cinquecento, auf dem Dachträger sehr viel Gepäck, davor steht Hasan Özturk
       und sinniert. Auf das Schaufenster klebt er schließlich zügig ein
       Papierband: "Günstig weiterzuvermieten", in Druckbuchstaben,
       handschriftlich fügt er die Mobilnummer hinzu. Es sieht nur auf den ersten
       Blick in diesen ersten Ferientagen aus wie ein Beitrag zu den Staus auf den
       Autobahnen Richtung Süden, denn der Familienvater will nicht ans
       Mittelmeer, nicht zu den Verwandten bei Diyarbakir - sondern nach Belgien,
       in die Nähe von Antwerpen.
       
       Ein seltsamer Urlaubsort für ihn, seine Frau und seinen Sohn? "Ist es ja
       auch nicht, Ferien. Wir wandern aus." Dann erzählt er, und solche Berichte
       hört man in jüngster Zeit öfter in diesem Viertel im Berliner Bezirk
       Neukölln, das durch die rowdyhaften Vorkommnisse in der Schülerschaft wie
       den Bekenntnissen einer verzweifelten Lehrerin an der Rütlischule unschön
       berühmt wurde. Herr Özturk nämlich hat die Schnauze voll. Nichts gegen
       Deutschland hat er, aber die Verhältnisse, die seien für einen wie ihn, für
       eine wie seine Frau in Belgien entschieden besser.
       
       Die "ungünstigen Umstände" 
       
       Dabei hatte er Erfolg. Sein Bistro am Anfang der Weichselstraße, mitten im
       Gazastreifen Neuköllns, in Wurfweite des Rathauses, ging prächtig. Morgen
       für Morgen stand Hasan Öztürk auf, sehr früh, so gegen fünf. Bereitete das
       Geschäft vor und zeichnete sich seiner Kundschaft gegenüber mit einer
       unfassbar gleichmütigen Freundlichkeit aus. Vor sieben Jahren waren er und
       seine Frau aus der Türkei nach Deutschland eingewandert. Was niemand
       wusste, war, dass die Öztürks mit akademischer Qualifikation einwanderten.
       Sie ist Physikerin, er Mathematiker, aber als Lehrer fanden sie keine
       Anstellung. Die Umstände mögen ungünstig gewesen sein, aber richtig
       verstanden, galten ihre Diplome bei den Berliner Verwaltungen nicht sehr
       viel.
       
       Dann kam ihr Sohn zur Welt, ein prächtiges Geschöpf mit den
       beeindruckendsten Henkelohren wie glühendsten Kulleraugen des Viertels.
       Öztürks hatten keine Chance, weiterhin ihren Traum vom akademischen
       Aufstieg in Deutschland zu träumen, pragmatischerweise ging es nur noch
       darum, der Familie finanziell eine Grundlage zu geben, die über staatliche
       Alimentationen hinausgehen würde. So kamen sie zum Bistro, das zum
       Geheimtipp von Neukölln wurde, des schlichten, aber köstlich zubereiteten
       Frühstücks wegen.
       
       Was sie beide auch anstellten, stiftete Wohlgefallen. Das mag sentimental
       klingen, aber zugleich auch eine Tatsache: Öztürks ackerten wie die Teufel,
       um neue Deutsche zu werden, fleißig, gewitzt, kundenorientiert, freundlich,
       fern jeder Onkelökonomie, in der ein Patriarch das Sagen hat über einen
       Gemüseladen und von der halben Verwandtschaft unterstützt wird, wenn sie
       beim Kürbisschleppen hilft.
       
       Öztürks wollten nie ein Teil von dem sein, was als Parallelgesellschaft
       bekannt ist, nie ein Rädchen im arabisch-türkischen Selbstlaufgetriebe von
       Neukölln. Sie hatten Rosinen im Kopf, und sie hatten sie zu Recht. Sie sind
       eine moderne Familie, was man auch daran merkte, dass Frau Öztürk sich doch
       öfter, als das Muslimische erlaubt, sich mit ihren Verwandten anlegte und
       einmal sogar zu hören war mit den Worten, das Leben ihres Mannes, das ihres
       Sohnes und ihr eigenes ginge andere nichts an, schon gar nicht Tanten und
       Onkel.
       
       Der Filius hätte leicht auf die benachbarte Grundschule gehen können, aber
       das wollten beide nicht. Wenigstens einige blonde Kinder in der Klasse, das
       wäre schon besser gewesen. Der Kleine sollte doch Deutsch und Englisch
       lernen, nicht nur das Fluchen und Hetzen auf Türkisch. Der Ton auf dem
       Schulhof zu schroff, die Anmutung der Lehrer allzu kapitulantenhaft, in
       einer Szenerie, die von Hass auf die Schule geprägt ist. So schickten
       Öztürks ihr Kind auf eine internationale Schule in Berlins Mitte - was den
       Verdacht nahelegt, dass diese Familie eine schnöselige ist, aber das wäre
       ein Missverständnis.
       
       Beide entstammen eher arbeitssam-proletarischen Familien - und der Aufstieg
       zu Besserem sollte immer über Bildung gehen. Das Kochen war sein Hobby,
       erprobt viele Jahre als Cateringmann für die türkische
       Ringernationalmannschaft, Herr Öztürk wusste als Kampfsportler selbst, was
       die Athleten an Nahrung nötig haben. Nur wollte er nicht ewig köcheln und
       kneten, er wollte als Mathematiker arbeiten.
       
       Was die Rede bringt auf das, was vorige Woche noch mächtig Gewitter machte,
       und zwar in allen Medien. Integrationsgipfel hieß der Anlass, und wieder
       war nur im Mittelpunkt alles, was absolut zur schlechten Laune beiträgt,
       vor allem bei interessierten Einwanderern, denen Türkisches, Arabisches
       oder Exjugoslawisches möglicherweise eine Grundierung ist, aber keine
       Zukunft. Öztürks sagten immer, Deutsche sein zu wollen, was sonst.
       
       Aber sie hatten keine Chance, man wollte sie nicht, Frau Öztürk hat Mühe,
       dem Zuhörer ihren Kummer zu benennen, aber dann gibt sie ihn doch zu
       Protokoll: Sie seien nicht anerkannt. Eigentlich bräuchten sie keine warmen
       Worte, aber dauernd wäre nur die Rede von Terrorismus und von Sicherheit,
       andererseits von den lieben Ausländern, deren Töchter so schöne Kopftücher
       zur Mode machten. Frau Öztürk sagt lapidar, sie verabscheue diesen
       religiösen Kult, und in Belgien, hat man ihnen gesagt, könnten sie als
       gewöhnliche Menschen, wie Herr Öztürk sagt, leben, nicht als Ausländer oder
       mögliche Terroristen.
       
       Was sie beide sich gewünscht hätten, wäre ein Leben, das ihnen nicht
       aufgezwungen hätte, in Neukölln nur Armut zu finden - und abgestempelt zu
       werden durch all die unfreundlichen Menschen, seien sie aus Deutschland
       oder von sonst wo. Frau Öztürk sagt noch, dass sie keine Kraft mehr habe,
       immer und immer wieder sich zu bewerben - und doch immer nur Absagen zu
       bekommen, obwohl ihre Zeugnisse und Diplome prima sind.
       
       Was wiederum die Sprache zu bringen hat auf den Integrationsgipfel, auf die
       Zumutungen von Ministern wie Wolfgang Schäuble und anderen, die in
       Migration nach wie vor kaum mehr als Risiko und Sicherheitsgefährdung
       erkennen und zur gleichen Zeit keine Worte der Anerkennung für die neuen
       Deutschen finden. Anerkennung und Respekt meint, nach ganz schlichten
       altdeutschen Kriterien, öffentlich zu bekunden, dass der Wohlstand dieses
       Landes ohne seine neuen Bürger oder die Flüchtlinge nicht so gedeihlich
       ausfiele, dass ohne die neuen BürgerInnen das Land eine Wüste wäre, die man
       schon aus Angst vor Krähwinkeligkeit und Provinzialität eilig verlassen
       müsste.
       
       Fehlender Protest der Mehrheit 
       
       Das Wunder an den tatsächlich fragwürdigen Protesten gegen das neue
       Ausländerrecht war ja eigentlich dieses: dass der Protest sich lesen ließ
       wie ein Wunsch nach weiteren Lizenzen zum Import von minderjährigen
       Ehefrauen und nicht wie eine Klage über die Verwahrlosung der sogenannten
       Problemviertel mit ihren Parallelgesellschaften. Eine Wut, die der
       schlechten Behandlung von neuen Deutschen hätte gelten können, dem Unmut,
       die Kinder von aufstiegsorientierten Eltern tüchtig zu fördern und sie zu
       ermutigen, Leistung zu bringen.
       
       Herr und Frau Öztürk werden mit ihrem Sohn Hakan nach Belgien auswandern.
       Die meisten anderen verreisen alle Jahre wieder in ihre alten Heimaten. Das
       sollte niemand wundern: Dort müssen sie keine Fremden sein.
       
       19 Jul 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Feddersen
       
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