# taz.de -- Tonträger: Die Achse des Queer Hop
       
       > Dre neue Alben aus Jütland, Okaland und Londoner online-Musik: Neues von
       > Gravy Train, Junior Senior und Molloy
       
 (IMG) Bild: Die kanadische Sängerin Peaches, hier bei einem Auftritt in Berlin im November
       
       ## Den Mittelfinger fürs Hetero-Klischee
       
       Gravy Train!!!! aus Oakland - die vier Ausrufezeichen stehen für die
       Bandmitglieder Chunx, Funx, Junx und Hunx - stürzen sich auf Amerikas
       liebste Obsessionen: Sex und Fressen. Sie nehmen diese Themen in eine
       dermaßen versaute, verque(e)re Mangel, dass sich John Waters eigentlich vor
       Begeisterung in die Hosen kacken müsste. Der machte sich in seinem
       Trash-Meisterwerk "Pink Flamingo" auf die Suche nach der "schmutzigsten
       Person der Welt", das Lo-Fi-Quartett tut seit seinem Debüt "Hello Doctor"
       alles dafür, die dreckigsten Lyrics aller Zeiten aufzubieten.
       
       Auch noch auf dem dritten Album der zwei Frauen und zwei (offensiv
       schwulen) Männer, wenn auch etwas weniger aggressiv: Sollen wir gemeinsam
       rollerskaten oder masturbieren? Wie kriege ich den schwulsten Typen der
       Stadt dazu, für mich als Frau zu strippen? Musikalisch haben die vier, die
       auf der Bühne am liebsten aus schrillen Kostümen platzen oder gleich, wie
       der einzige Afroamerikaner der Band, Junx, ganz nackt sind, ihre Palette
       des "Chipmunk Punk" deutlich erweitert. Wo früher Booty-Raps über billigen
       Synthies dominierten, gibt es nun zusätzlich Referenzen an Glamrock, funky
       Disco, Punk-Blues und French Pop. Aber der Mittelfinger ins Gesicht
       einbetonierter Hetero-Klischees, der bleibt ausgefahren.
       
       Gravy Train: "All The Sweet Stuff" (Cochon/Cargo Records) 
       
       ## Gay Schrank mit Gute-Laune-Fach
       
       Auch wenn Senior, der schwule Schrank des dänischen gay/straight Jungsduos
       Junior Senior, für Gravy Train beim Stück "Club Situation" mitgewirkt hat -
       das zweite Album der beiden Jütländer ist meilenweit von deren Garagensound
       entfernt. Wo es bei Gravy Train rumpelt und scheppert, glänzt auf "Hey Hey
       My My Yo Yo" der blank gewienerte Partysound. Spätestens seit dem Ohrwurm
       der ersten Platte, "Move Your Feet", den alle im Ohr hatten, ohne
       vermutlich je zu wissen, dass er von Junior Senior war, hat man das Pärchen
       dort einsortiert, wo man sich eigentlich nicht mehr hintraute: im
       Gute-Laune-Fach.
       
       Junior Senior klingen wie das sympathische Update dessen, was sich im
       letzten Jahrtausend als "Big Beat" analog zur Dot.com-Blase aufblähte. Doch
       statt wie weiland Fatboy Slim mit leicht konsumierbaren Beatmischungen aus
       Hiphop und Acid ganze Fußballstadien in Wallung zu bringen, mixen Junior
       Senior die Attitüde von Hiphop mit Disco. Das ist ebenso bekömmlich, drückt
       aber ein bisschen weniger auf die Prolltube - und schafft es zusätzlich,
       mit harmlosen Texten über heiße Girls und Boys (und einem Gesangsbeitrag
       von Le Tigres Lesben-Ikone JD Samson) auch Homos explizit in die Party mit
       einzubinden. Das ist vielleicht nicht revolutionär, wird aber vom Restpop
       bis heute viel zu selten geleistet.
       
       Junior Senior: "Hey Hey My My Yo Yo" (Crunchy Frog/Cargo Records) 
       
       ## Im Chor über Dykes schreien
       
       Molloys erstes Album wird in Deutschland nur digital veröffentlicht. Dies
       hat aber wohl weniger mit einem avantgardistischen Digi-Boheme-Konzept zu
       tun, als vielmehr mit der schieren ökonomischen Notwendigkeit, die kleinere
       Labels in der Zange hält. Das ehemalige Berliner Vorzeige-Label Kitty-Yo
       bringt nur noch online Musik heraus, beweist aber mit der Verpflichtung der
       Londoner Neulinge, dass man sich von diesem Umstand nicht einschränken
       lässt. Angeblich schrie das euphorisierte britische Publikum Molloy bei
       Auftritten entgegen: "This is fucking brilliant!" - daher der Albumtitel.
       
       Die drei Frauen und zwei Männer schwimmen enthusiastisch auf der immer noch
       erfolgreichen Dance-Punk-Welle mit. Sie mögen energetischen, im Chor
       geschrienen Punkpop, der seine Wurzeln in den späten 70ern und frühen 80ern
       hat. Bei Blondie, Kim Wilde und Duran Duran fühlen sich die bevorzugt in
       Grün und Orange gekleideten Kids genauso zu Hause wie bei CSS, Le Tigre und
       Peaches, obwohl ihnen im Vergleich vielleicht noch der ultimative
       musikalische und sprachliche Biss fehlt. Aber mit Lyrics über Faggots,
       Dykes, Faghags und Drag Queens wird das noch - auf ihrer Myspace-Seite
       nennen sie schon "Hairspray" als Lieblingsfilm, und der ist schließlich von
       Genderbender John Waters.
       
       Molloy: "This Is Fucking Brilliant" (Kitty-Yo Digital; nur Download!)
       
       2 Aug 2007
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Queer
       
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