# taz.de -- Finanzmarktkrise: "Tobin-Steuer wäre viel zu wenig"
       
       > Die Kreditbranche ist dem Renditewahn verfallen und die Aufsichtsbehörden
       > sind überfordert, sagt Heiner Flassbeck. Er fordert, Finanzgeschäfte zu
       > besteuern.
       
 (IMG) Bild: Heiner Flassbeck will die Caiman-Steueroase austrocknen.
       
       taz: Herr Flassbeck, ist die Krise an den internationalen Finanzmärkten
       jetzt ausgestanden? 
       
       Heiner Flassbeck: Vorerst ist das Gröbste vorbei. Aber die Krise kann
       jederzeit wieder ausbrechen, weil niemand weiß, wie viele faule Kredite und
       hohe Risiken die Banken und Fonds in ihren Bilanzen noch angehäuft haben.
       Es fehlt jede Transparenz.
       
       Wieso? Es gibt doch eine staatliche Bankenaufsicht. Außerdem hat jede Bank
       einen Aufsichtsrat, der die eigenen Manager kontrollieren soll. 
       
       Aufsichtsräte gucken immer nur auf die Endbilanz. Und die gesamte
       Kreditbranche ist dem Renditewahn verfallen. Inzwischen glaubt ja sogar die
       Postbank, dass sie eine Eigenkapitalrendite von mindestens 20 Prozent
       erwirtschaften muss. Das ist unter normalen Bedingungen nicht zu schaffen.
       Also geht man immer riskantere Geschäfte ein, indem man sich zum Beispiel
       indirekt an den faulen Krediten auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt
       beteiligt.
       
       Schon seit Jahren wird gewarnt, dass es nicht ewig gut gehen kann, dass in
       den USA wahllos Kredite vergeben wurden, ohne zu prüfen, ob die Hauskäufer
       diese Schulden auch abzahlen können. Wieso ist die Bankenaufsicht nicht
       längst eingeschritten? 
       
       Die Aufsichtsbehörden haben glatt versagt. Offenbar sind sie damit
       überfordert, die vielen neuen Finanzinstrumente zu verstehen, die die
       Banken und Fonds ständig erfinden. Das gilt übrigens nicht nur für faule
       Kredite, die dann in Wertpapiere umgewandelt und weiter verkauft werden.
       Ganz gefährlich sind die globalen Zahlungsungleichgewichte, mit denen die
       hoch spekulativen Hedgefonds das weltweite Finanzsystem destabilisieren.
       
       Das müssen Sie erklären. 
       
       Bei den so genannten Carry Trades nutzen die Hedgefonds die extremen
       Zinsunterschiede zwischen verschiedenen Ländern. So haben sie zum Beispiel
       Kredite zu 0 Prozent in Japan aufgenommen, um sie dann in Brasilien zu 12
       Prozent anzulegen. Der Effekt: Der Yen wurde immer billiger und die
       japanischen Waren weltweit immer günstiger - gleichzeitig wurde die
       brasilianische Exportwirtschaft ruiniert. Den Schaden haben die
       brasilianischen Unternehmer und Arbeiter. Real- und Finanzwirtschaft sind
       vollständig entkoppelt. Das ist eine grandiose Fehlentwicklung.
       
       Und was schlagen Sie vor? 
       
       Die Finanzmärkte sind außer Kontrolle geraten. Der Staat muss endlich
       massiv eingreifen. Bisher läuft das Spiel doch so: Im Aufschwung wollen die
       Banken und Fonds allein verdienen, da soll sich der Staat heraushalten -
       aber sobald es zur Krise kommt, rufen sie alle nach den Notenbanken.
       
       Fordern Sie also auch eine Tobin-Steuer wie die Globalisierungskritiker,
       die jedes Devisengeschäft mit etwa 0,5 Prozent belasten wollen, um die
       Spekulation einzudämmen? 
       
       Man muss die Finanzgeschäfte sogar noch viel stärker besteuern! Die
       Tobin-Steuer allein wäre zu billig.
       
       Und das heißt? 
       
       Man muss massiven Druck auf Finanzoasen wie die Cayman-Inseln ausüben,
       Hedgefonds und deren Erträge zu besteuern und ihre Bücher offenzulegen.
       
       Bisher zeigen sich die Cayman-Inseln aber nicht besonders einsichtig. 
       
       Die Fonds-Besitzer wohnen ja nicht auf den Cayman-Inseln, sondern meist in
       New York oder London und sie machen ihre Geschäfte mit Geld aus den
       wirtschaftlichen Zentren der Welt.
       
       Diese beiden Börsen-Plätze sind aber auch dagegen, Hedgefonds zu
       regulieren. 
       
       Noch schlimmer: Die US-Notenbank hat faule Hypothekenkredite sogar als
       Sicherheit akzeptiert. Trotzdem muss man den öffentlichen Druck erhöhen.
       
       Steuern für Hedgefonds - das ist doch bestimmt nicht Ihre einzige
       Forderung? 
       
       Ganz generell muss man bei allen Transaktionen die Veräußerungsgewinne
       besteuern. Damit würde das Hin-und-her-Schieben von Aktien nachlassen.
       Zudem müsste es Eigenkapitalvorschriften für alle Arten von Anlagen geben.
       Bisher können Private-Equity-Fonds Unternehmen kaufen, ohne eigenes Geld
       einzusetzen, indem sie Kredite aufnehmen. Das macht sie extrem anfällig für
       Zinserhöhungen.
       
       Man wird Ihnen entgegenhalten, dass die Fonds und die neuen
       Finanzierungsinstrumente nicht nur gefährlich sind - sondern auch
       Sicherheit schaffen, indem sie etwa Kreditrisiken auf viele verschiedene
       Anleger verteilen. 
       
       Dieses Gerede von "Risiken auffangen und splitten" ist weitgehend dummes
       Zeug. Tatsächlich produzieren die unregulierten Finanzmärkte vor allem
       Risiken, weil die Anleger zum Herdentrieb neigen und von dem gleichen
       irrationalen Verhalten geprägt sind. Bei jedem Aufschwung werden die
       Gefahren systematisch unterschätzt. Da muss der Staat eingreifen.
       
       INTERVIEW: ULRIKE HERRMANN
       
       14 Aug 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrike Herrmann
       
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