# taz.de -- Debatte: Die Börse steht nackt da
> Nicht nur die Aktienkurse trudeln - die neoliberale Theorie wird gerade
> widerlegt. Die Finanzmärkte gelten als die freiesten Märkte und
> funktionieren überhaupt nicht
Bei der aktuellen Finanzkrise lautet die gängige Erklärung, Banken und
Hedgefonds hätten sich übermäßig an US-Hypothekarkrediten beteiligt. Viele
der Schuldner seien finanzschwach und hätten in jüngster Zeit ihre Kredite
nicht mehr bedienen können.
Warum aber sollten in wenigen Wochen Eigenheimbesitzer in den USA
massenweise insolvent werden? Tatsächlich sind die Immobilienpreise noch
nicht nennenswert gesunken - sie steigen nur nicht mehr so stark. Auch
Zinsniveau und Wachstumstempo haben sich nicht verändert. Hauptursache der
Vertrauenskrise an den Börsen ist eher der "Des Kaisers neue
Kleider"-Effekt" (im Folgenden KNK-Effekt): Man entdeckt, dass hinter einem
"Financial Asset" weniger realer Wert steckt, als das Nominale verheißt.
Dieser KNK-Effekt erfasste auch die Aktienkurse. So ist etwa der DAX seit
2003 um mehr als 250 Prozent gestiegen, angesichts der mäßigen
Wirtschaftsentwicklung ein leicht grotesker Wertgewinn. Je länger eine
solche Hausse andauert, desto wahrscheinlicher wird es, dass sie in eine
Baisse kippt. (Die Kurseinbrüche vom März und Juni 2007 waren Vorboten.)
Professionelle Investoren warten nur auf einen Auslöser. Wer rechtzeitig
auf einen Abwärtstrend spekuliert, macht hohe Gewinne - und verstärkt damit
noch den Sog nach unten. So wurden zwischen 2000 und 2003 in Deutschland
fast die gesamten Kursgewinne der 1990er-Jahre eliminiert.
Die Hypothekenkrise ist also nur der Auslöser des KNK-Effekts, der
inzwischen nicht nur die Aktienbörsen erreicht hat. Gleichzeitig ist die
Bonität der US-Auslandsschulden insgesamt in Zweifel geraten. Das zeigt
sich bei den chinesischen und russischen Staatsfonds, die lieber nicht mehr
in Dollaranleihen investieren, sondern stattdessen versuchen, sich direkt
an US-amerikanischen und europäischen Unternehmen zu beteiligen. Denn die
Investoren fürchten, dass der Dollar an Wert verliert - was durch
Zinssenkungen in den USA verstärkt wird. Erst gestern hat die US-Notenbank
den Diskontsatz überraschend um einen halben Prozentpunkt auf 5,75 Prozent
herabgesetzt. Die Nettoauslandsfinanzschuld der USA beträgt fast 7
Billionen Dollar - und sie wächst täglich um mehr als 2 Milliarden Dollar
-, da sind mittelfristige Dollar-Abwertungen wahrscheinlicher als
Aufwertungen. Überdies leisten die USA keine Zinsen für ihre Finanzschuld:
Seit 1984 übersteigt die Kreditaufnahme den Zinsendienst für die
Auslandsschulden in jedem Jahr, gegenwärtig etwa im Verhältnis von 4:1.
Diese Entwicklung hängt direkt mit der Beteiligung deutscher Banken an
faulen Hypothekarkrediten zusammen: Die USA haben ein chronisches Defizit
in ihrer Leistungsbilanz - sie importieren weit mehr, als sie exportieren.
Doch da der Dollar die Leitwährung darstellt, können die USA ihr Defizit in
eigener Währung finanzieren. Sie bezahlen ihre Einfuhren einfach in
Dollars, die sie ad libidum produzieren können. Folge: Jene Länder, die
besonders hohe Überschüsse mit den USA erzielen, sitzen auf besonders hohen
Dollarforderungen - so auch der Exportweltmeister Deutschland.
Konkret: Wenn etwa Porsche in die USA exportiert, dann erhält die Firma
dafür Dollars, die sie bei ihrer Hausbank in Euros umtauscht. Aber
irgendwer muss die Dollars halten. Das sind zum Teil Bundesbank und EZB,
zum Teil die Geschäftsbanken. Diese müssen die Dollars möglichst profitabel
anlegen. Da Deutschland besonders stark steigende Exportüberschüsse
erzielte, hat auch der Anlagebedarf enorm zugenommen. Entsprechend
dynamisch entwickelten sich deutsche Banken und Hedgefonds. So hat sich die
Deutsche Bank in nur wenigen Jahren von einer lediglich der Realwirtschaft
dienenden Bank zu einem Global Player gewandelt: Ihre Gewinne stammen
nunmehr in erster Linie aus dem "Trading", also dem Eingehen kurz- oder
mittelfristiger Spekulationspositionen.
Was nun sind die systemischen Ursachen für diese "manisch-depressiven"
Schwankungen, die alle fundamentalen Preise der Weltwirtschaft erfasst
haben - ob Aktienkurse, Wechselkurse, Zinssätze oder Rohstoffpreise?
- Erstens: Die Deregulierung der Finanzmärkte in den 70er und
Finanzinnovationen der 80er-Jahre eröffneten immer mehr Gewinnchancen für
kurzfristig-spekulative Transaktionen.
- Zweitens: Mit den kurzfristigen Spekulationen wurden die Aktien- und
Wechselkurse sowie die Rohstoffpreise instabiler - doch genau diese
zunehmenden Kursschwankungen erhöhten die Chancen auf profitable
Spekulationen. Diese Wechselwirkung hat die Märkte weiter destabilisiert.
- Drittens: Technische Spekulationssysteme wie Charts oder gleitende
Durchschnitte fanden immer weitere Verbreitung. Diese setzen auf
Preistrends und verstärken so die Trends (Rückkoppelung).
- Viertens: Die Renditeansprüche der Unternehmen stiegen; Realinvestitionen
wurden entsprechend reduziert und Finanzinvestitionen ausgeweitet. Wie aber
sollen Renditen von 10 oder 20 Prozent realisiert werden, wenn die
Wirtschaft kaum um 2 Prozent wächst?
- Fünftens: Immer mehr Amateure wurden von den Verlockungen des schnellen
Geldes erfasst. Die Banken bemühten sich, dieses Interesse durch
Einführungs- und Fortbildungsseminare in der Kunst des profitablen Trading
zu fördern.
- Sechstens: All diese Entwicklungen ließen den Wert von
Finanztransaktionen in Industrieländern auf mehr als das Hundertfache (!)
des Bruttoinlandsprodukts anschwellen. Nirgendwo stiegen die
Finanztransaktionen in den letzten zehn Jahren rascher als in Deutschland.
Allein an der Frankfurter Derivatbörse (Xetra) wird das deutsche
Bruttoinlandsprodukt etwa 50-mal umgeschlagen.
Diese Entwicklungen werden von Mainstream-Ökonomen ignoriert. Blättert man
etwa die Gutachten des Sachverständigenrats der letzten Jahre durch, so
findet man nicht einmal den Versuch, das Verhalten auf den Finanzmärkten zu
analysieren und ihre Auswirkungen auf Aktienkurse, Wechselkurse und
Rohstoffpreise einzuschätzen.
Der ökonomische Mainstream kann die Realitäten des Finanzkapitalismus nicht
wahrnehmen, weil die kognitive Dissonanz unerträglich wäre. Wenn die
"freiesten" aller Märkte, die Finanzmärkte, systematisch falsche
Preissignale setzen, dann kollabiert das gesamte Theoriegebäude. Man stelle
sich vor: Alle gängigen Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik - von der
Senkung der Arbeitslosenunterstützung, der Rückführung der Staatsquote bis
zur Förderung der kapitalgedeckten Altersvorsorge - sie alle hätten ihre
wissenschaftliche Fundierung verloren! Da schaut man lieber weg und
schreitet mit festem Expertentritt in der Sackgasse voran. An ihrem Ende
könnte es krachen. Die Köpfe werden sich andere blutig schlagen, die
Ökonomen sicher nicht. Lediglich der KNK-Effekt wird auch sie erfassen.
17 Aug 2007
## AUTOREN
(DIR) Stephan Schulmeister
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