# taz.de -- Rauswurf von "Spiegel"-Chef Aust: Es war nicht alles schlecht
       
       > Auch der "Spiegel" wird irgendwann langweilig: Zuletzt interessierte sich
       > Stefan Aust nur noch für Autos, Schirrmacher und Pferde. Nun hat ihn die
       > Redaktion erlöst.
       
 (IMG) Bild: Der "Spiegel" wirkte zu oft so, als säße der Chefredakteur im Pferdestall: Stefan Aust
       
       Eigentlich ist die Angelegenheit ja undramatisch: Ein Chefredakteur wird
       nach 13 Jahren im Amt gekündigt - er kann sogar noch bis zum 31.12.2008
       bleiben. Dass diese doch eher schnöde Personalie für einen mittleren
       Aufruhr in den Medien und einen großen in der Redaktion sorgt, zeigt, dass
       der Spiegel immer noch ein besonders Blatt ist. Und das ist das eigentlich
       Verwunderliche: dass der Spiegel den Menschen trotz Austs Wirken nicht
       völlig egal geworden ist - schließlich war er es Aust zuletzt ja auch.
       
       Zumindest las sich der Spiegel zuletzt so, und die Geschichten, die man aus
       der Redaktion hörte, verstärkten den Eindruck. Im Grunde, so hieß es,
       interessiere sich Aust nur noch für eine Freundschaft zum FAZ-Herausgeber
       Frank Schirrmacher und seine Pferde, von denen er unlängst einen rassigen
       Renner für eine mittlere sechstellige Summe verkauft hat. Gern würde er
       auch für die ARD RAF-Dokus basteln.
       
       Tatsächlich wirkte der Spiegel viel zu oft so, als säße der Chefredakteur
       irgendwo in Stade im Pferdestall oder so tief in die Ledersitze eines
       VW-Touareg oder Porsche 911 versunken, dass man kaum noch rausschauen kann.
       Mal erklärte das Nachrichtenmagazin auf dem Titel Hamburg zur coolsten
       Stadt der Welt, dann entdeckte er "Second Life" oder pries die
       Klimakatastrophe als touristischen Heilsbringer für Sibirien. Die
       Strom-Industrie wurde quasi jede Woche anders bewertet: Mal klarsichtig als
       oligarchische Krake, dann wieder als letzter Hort der Vernunft in Zeiten
       der Klimahysterie. Einem ernsten Thema wie dem Erbe der 68er konnte sich
       der intellektuell ausgehöhlte Spiegel zuletzt nur noch in Herrenwitz-Manier
       nähern: "Es war nicht alles schlecht", lautet die Zeile vor wenigen Wochen,
       dazu stellte man eine schlechte Karikatur von Reiner Langhans. Das sah
       schon alles mehr nach Eulenspiegel als nach Spiegel aus.
       
       Diese Form der Wurstigkeit hat selbst den loyalsten Redakteuren
       mittlerweile klargemacht, dass etwas schief läuft beim Nachrichtenmagazin,
       und dass der Themenkanon des Chefredakteurs wohl doch nicht mehr ausreicht,
       um ein zeitgemäßes Blatt zu machen. Es gibt kein Bernsteinzimmer mehr
       auszugraben, keine Bugklappe der "Estonia" zu heben, kein Gehirn der
       Meinhof mehr zu untersuchen - das waren so die Steckenpferde des
       Spiegel-Chefs, danach wurde er irgendwie lustlos. Zumal es auch nicht
       klappte, Joschka Fischer zu stürzen.
       
       Der Spiegel brauche eine "neue, frische Kraft" - diesen Satz hat sich der
       Sprecher der Mitarbeiter-KG, Armin Mahler, nun abgerungen - und diese
       Hellsichtigkeit hätte man sich schon vor Jahren gewünscht, oder zumindest
       zu der Zeit, als Aust mit Gabor Steingart und Matthias Matussek zwei
       restaurative Großkaliber an entscheidenden Stellen installierte: Den einen
       ließ er das Berliner Parlamentsbüro von jeglicher Widerrede gegen einen
       neoliberalen Kurs und die internen Hierarchien befreien - dem anderen
       gestattete er, ausgerechnet im Feuilleton einen Hosenträger-Journalismus zu
       kultivieren, der den Aufbau des Berliner Stadtschlosses als Vision feiert
       und sich mit seiner Pop-Journalisten-WG Gedanken darüber macht, ob die
       Volksseele nicht leidet, wenn auf deutschen Bühnen zuviel Kunst-Blut
       vergossen wird.
       
       Zwar schraubt sich der Spiegel immer noch irgendwie fast jede Woche über
       die Auflagen-Million, aber seine inhaltliche Relevanz hat er längst
       verloren. Und das liegt auch an ihm selbst. Der Spiegel hat in einer immer
       ausdifferenzierteren Gesellschaft, in der etliche Lebensstile nebeneinander
       existieren, unbeirrbar ein zu großes Raster angelegt und immer neue Trends
       ausgerufen, die in Wahrheit nicht nur haarscharf an der Realität
       vorbeigingen. Der Kampf gegen die Windkraft, das Gerede vom "neuen
       Bürgertum", der nicht nachlassende Furor gehen die politischen Gutmenschen,
       die es in der Zahl, wie sie der Spiegel bekämpft, ja nie gegeben hat - wen
       interessierte das denn noch? Was hatte das mit der Realität außerhalb des
       Restaurant Borchardt zu tun, in dessen Sesseln Aust, Schirrmacher und
       Springer-Chef Mathias Döpfner einst den Sturm auf die Rechtschreibreform
       planten. Dass sich Aust in dieser Situation zum Büttel von Bild-Chef Kai
       Diekmann und dem Springer-Verlag hat machen lassen, ist eigentlich der
       größte Sündenfall in seiner Spiegel-Karriere. Mit dieser Männerbündelei,
       die sich um eine eigenständige publizistische Haltung nicht mehr scherte,
       hat er dem Ansehen des Blattes nachhaltig geschadet.
       
       Dabei sah es am Anfang noch ganz gut aus - als Augstein der Redaktion im
       Herbst 1994 mit Rücktritt drohte, wenn sie Aust nicht als Chefredakteur
       nähme. Die wollte den lieben Hans-Werner Kilz behalten, der auf das
       Erscheinen von Focus nur panische Antworten fand. Aust galt ihnen als Mann
       des Privatfernsehens, der nun gedrucktes Fernsehen machen würde - aber
       letztlich schaffte er es, den Spiegel aus dem Auflagentief zu holen - mit
       seinen geliebten Agentengeschichten wie der über den Plutoniumschmuggel
       oder Schnurren über die "Letzten Tage im Führerbunker."
       
       An den erinnerte bald auch das Klima in der Redaktion, denn Aust erlag als
       Chefredakteur schnell Allmachtsphantasien - zumal er auch noch Herr über
       Spiegel-TV war und sich längst mehr als Geschäftsmann denn als Journalist
       sah. So autokratisch, wie er dort regiert hatte, versuchte er es
       anschließend auch beim Spiegel, was viele Enthüllungsreporter, die sich
       eine eigene Meinung anmaßten, zu anderen Blättern trieb. Die Skandale
       entdeckten fortan andere.
       
       Es waren nur noch ganz wenige, die Aust an seiner Macht teilhaben ließ -
       den Berliner Parlamentsbüroleiter Gabor Steingart, der den Wunsch des Chefs
       nach wirtschaftsfreundlicher Berichterstattung an die normalen Redakteure
       durchreichte, die peu à peu zu einem Heer namenloser Infosoldaten wurden,
       die den wenigen Starschreibern beim Blatt Häppchen zuliefern dürfen. "Es
       gibt keine Schere im Kopf", hat ein Politikredakteur mal gesagt, "aber wir
       denken den Hierarchien entgegen."
       
       Auf den Höhepunkt seiner Macht geriet Aust schließlich durch den Tod Rudolf
       Augsteins, den er nutzte, um sich quasi selbst zum Herausgeber zu machen -
       auch wenn diese Personalie abgeschafft wurde. Aber genau das war der Trick.
       Der berechtigten Kritik von Augsteins Tochter Franziska, dass der Spiegel
       ein geschwätziges Blatt geworden sei, begegnete die eingeschüchterte
       Redaktion, als sei das eine Majestätsbeleidigung.
       
       Erst mit dem neuen Geschäftsführer Mario Frank, der den Aust wohlgesonnenen
       Dietrich Seikel ablöste, kam plötzlich jemand in den Verlag, der Austs
       Allmacht anzweifelte. Der sich erlaubte, über eigene Geschäftsideen zu
       sinnieren. Etwa darüber, ob es nicht neben dem Spiegel noch andere Blätter
       aus dem Haus geben könne - was beim Spiegel immer kritisch ist, weil sich
       die Mitarbeiter, denen 50,5 Prozent des Ladens gehören, immer so auf die
       jährliche Gewinnausschüttung freuen und daher wenig investieren wollen.
       Zuletzt soll die Sprachlosigkeit zwischen Aust und Frank so groß gewesen
       sein, dass sie bis in die Redaktionsstuben hineindröhnte.
       
       Es ist nun die schiere Angst vor der Zukunft, die die Mitarbeiter KG und
       den Verlag Gruner + Jahr, dem 25,5 Prozent gehören, zu der Kündigung
       getrieben haben. Denn niemand ist in den Zeiten des Internet so schnell
       gealtert wie Stefan Aust. Und mit ihm das Blatt. Nichts ist in Zeiten von
       "public publishing" so aus der Mode gekommen wie der Gestus des
       allwissenden Journalisten, der - dank der Gnade eines vermögenden Verlegers
       oder Verlags und auf keinen Fall auf eigene Kosten - sein immer
       undemokratischer werdendes Weltbild millionenhaft unter das Volk bringt. In
       einer Zeit, in der im Web massenhaft Gegenöffentlichkeit entsteht, ist Aust
       ein Mann von gestern: ein passionierter Rechthaber, der weder die
       Niederlage im Kampf gegen die Rechtschreibreform einräumen konnte, noch
       jemals verstanden haben dürfte, warum es sich für einen Spiegel-Chef nicht
       schickt, in einem Beirat der Telekom zu sitzen. Oder mit dem
       Springer-Verlag Geschäfte zu machen. Und der, in dieser Hinsicht vielen
       Politikern nicht unähnlich, einfach nicht gehen mochte - und so lange
       gewartet hat, bis man ihm den Stuhl vor die Tür setzt.
       
       Dabei hatte er sich doch schon seit Jahren mehr und mehr auf seinen inneren
       Landsitz zurückgezogen, auf dem all die schönen Pferde grasen und es einen
       Keller voller Barschel- und RAF-Akten gibt. Das wäre ihm auch kaum zu
       verübeln, hätte er nur einmal die Chuzpe gehabt, von selbst zu gehen.
       Genervt genug war er ja, und auch das ist nach fast 13 Jahren im Amt
       verständlich. Dass er das einzige Mal die Option gespürte haben soll, in
       den Sack zu hauen, als ihm beim Springer-Verlag der Job eine Vorstands
       winkte, spricht Bände.
       
       Nun wird er eben fortgejagt: Obwohl Austs Amtszeit nun noch bis Ende
       nächsten Jahres geht, wird er früher ersetzt werden - es gilt schließlich,
       den Abstand des Spiegel zu den gesellschaftlichen Realitäten wieder zu
       verringern.
       
       Denn mittlerweile ist die Gesellschaft im Zweifel links, nur der Spiegel
       ist nicht hinterhergekommen.
       
       16 Nov 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Oliver Gehrs
       
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 (DIR) Neue "Spiegel"-Chefredaktion gefunden: Das Doppel-Ich
       
       Der "Spiegel" hat wohl - wenn auch nicht offiziell - zwei neue
       Chefredakteure: die Eigengewächse Mathias Müller von Blumencron und Georg
       Mascolo.
       
 (DIR) Wer wird neuer "Spiegel"-Chef?: Die neuen Austs
       
       Stefan Aust muss gehen, das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" bleibt. Wer
       wird sein Nachfolger? Wir stellen schon ein paar mögliche Kandidaten vor.
       
 (DIR) "Spiegel Online" schweigt zu Aust: An der Brandstwiete droht "Bürgerkrieg"
       
       Aufruhr in Deutschlands Medien über das bevorstehende Aus für
       "Spiegel"-Chefredakteur Aust. Nur ein Leitmedium sitzt die Personalie
       wortlos aus: "Spiegel Online".
       
 (DIR) "Spiegel"-Chef Stefan Aust geschasst: "Freude auf den Fluren"
       
       Auf Initiative der Mitarbeiter KG wird der Vertrag des
       Spiegel-Chefredakteurs vorzeitig beendet. Mangelnde Innovationsfähigkeit
       und "tyrannischer Führungsstil" kosten ihn den Job.