# taz.de -- Neue "Spiegel"-Chefredaktion gefunden: Das Doppel-Ich
       
       > Der "Spiegel" hat wohl - wenn auch nicht offiziell - zwei neue
       > Chefredakteure: die Eigengewächse Mathias Müller von Blumencron und Georg
       > Mascolo.
       
 (IMG) Bild: Die Nachfolge-Charade beim "Spiegel" könnte vor bei sein.
       
       Als sich Mathias Müller von Blumencron am Mittwochabend von seinem
       reservierten Sitz erhob, um in Frankfurt den Preis als "Mann des Jahres" in
       der Kategorie Medien entgegenzunehmen, klebte ihm hinten sein Namensschild
       auf dem Jackett. Peinlich? Nicht doch. "Ist er wenigstens richtig
       geschrieben?", konterte Müller von Blumencron trocken, um danach den Fragen
       des Laudators zum Stand der Hamburger Chefredaktionssuche auszuweichen: Er
       sei schließlich nur Online-Chef. Beziehungsweise war.
       
       Zwar ist die Meldung offiziell noch nicht bestätigt, doch nach
       Informationen des NDR-Medienmagazins "Zapp" und des Hamburger Abendblatts
       sollen nämlich Georg Mascolo, derzeit Leiter des Berliner Spiegel-Büros -
       und eben Spiegel-Online-Chef Mathias Müller von Blumencron gemeinsam die
       Nachfolge von Chefredakteur Stefan Aust antreten. Offiziell gibt es
       allerdings noch keine Bestätigung. Die Beratungen seien noch nicht
       abgeschlossen, sagte eine Spiegel-Sprecherin. Sie dementierte die
       Personalie jedoch auch nicht.
       
       Austs Vertrag war auf Druck der mächtigen Spiegel-Mitarbeiter KG im
       November nicht wie ursprünglich geplant verlängert worden. Der
       Spiegel-Verlag gehört zu 50,5 Prozent seinen MitarbeiterInnen, 25,5 Prozent
       hält die Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr, der Rest liegt bei den Kindern
       von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein.
       
       Nach der Entscheidung, zu der die Zustimmung von Gruner + Jahr laut
       Insider-Einschätzung "nur noch eine Formalie ist", dürfte sich in Hamburg
       Erleichterung breitmachen: Mitarbeiter berichten von einer skurrilen
       Stimmung in der Spiegel-Zentrale, die durch das nicht eben glückliche
       Agieren von Mitarbeiter-KG und Spiegel-Verlagsgeschäftsführer Mario Frank
       seit dem Herbst immer weiter angeheizt worden sei (siehe Kasten). 
       
       Mit dieser Lösung setzt sich beim Spiegel eine der schon seit Weihnachten
       diskutierten internen Nachfolgevarianten durch: Müller von Blumencron steht
       als erfolgreicher Online-Chef für den Aufbruch und gilt als eher uneitler
       Typ, der sich lieber im Hintergrund hält. Das dürfte nun ungleich
       schwieriger werden, doch auch ganz anders als bei Aust, der breitbeinig in
       der Redaktion auftrat und seine Texte der Sekretärin in den Computer
       diktierte. Sollte ihm nun die Doppelspitze mit Müller von Blumencron und
       Mascolo folgen, wäre das also nicht nur die Ablösung einer Person, sondern
       auch einer Ära: Die Zeit der Alphamänner ist vorüber. Müller von Blumencron
       gilt als Chef mit Führungsqualitäten, der wochenends Produktionsdienst
       schiebt, nah an der Redaktion ist und - das wäre eine Neuerung für den
       Spiegel - keine Geschichten verhindert, deren Linie er nicht teilt.
       
       Georg Mascolo ist Rechercheur aus der Schule von Hans Leyendecker, der
       schon in kurzer Zeit aus dem früher vom neoliberalen Scoop-Jäger Gabor
       Steingart geführten Berliner Büro einen Ort gemacht hat, wo auch wieder
       differenzierte Zwischentöne zulässig sind. Von Mascolo werden nun klare
       Akzente in Sachen journalistischer Qualität erwartet - wohl auch deshalb,
       weil das von Müller von Blumencron verantwortete Online-Angebot seit
       längerem immer Klickzahl- und unterhaltungsorientierter daherkommt.
       Manchmal fällt hier sogar das Wort "Boulevard". Seine Zahlen allerdings
       lassen sich sehen.
       
       Leicht wird der neue Job für beide nicht, zumal noch unklar ist, wie sich
       die neue Doppelspitze ergänzen wird - und inwiefern Mascolo und Müller von
       Blumencron unterschiedliche Konzepte verfolgen. Zum Erfolg verdammt sind
       beide: Die Spiegel-Auflage sinkt weiter und nähert sich bedenklich der
       psychologisch wichtigen Marke von nur noch einer Million Exemplaren - Ende
       2006 verkaufte das Nachrichtenmagazin im Durchschnitt noch 20.000 Hefte
       mehr. Als erste Amtshandlung einem weiteren Auflagenschwund zuzusehen, hat
       in Hamburg schon manche neue Chefredaktion - zum Beispiel beim Stern -
       schnell wieder den Kopf gekostet. Mascolo und von Blumencron müssten sich
       "im Sinne des Leistungswettbewerbs ergänzen, nicht im Sinne von Kuscheln",
       sagte ein ehemaliger Spiegel-Mann. Zudem stünden sie unter der permanenten
       Beobachtung der mächtigen Spiegel-Ressortleiter, von denen einige nach wie
       vor verschnupft sind über die Art, wie Aust abgesägt wurde.
       
       Offen bleibt, was die neue Wendung für den Verlagsmanager Frank bedeutet:
       Er gilt als Mann von Gruner + Jahr im Spiegel-Verlag, ihm werfen viele vor,
       für die unprofessionelle Charade in Sachen Aust-Nachfolge mit
       verantwortlich zu sein. Ob die große Konfliktlinie, die hinter dem
       Personalwechsel steht, damit nun gebrochen ist, ist also weiter offen: Wird
       der Spiegel ein redaktionsorientiertes oder ein verlagsorientiertes Blatt?
       
       17 Jan 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) S. Grimberg
 (DIR) K. Raab
       
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