# taz.de -- Hauptschule in der Krise: Schulleiter fordern Abschaffung
> In Baden-Württemberg haben 400 Rektoren die Nase voll: Sie appellieren an
> die Landesregierung, das Elend der Hauptschulen zu beenden.
(IMG) Bild: Im Ländle todgeweiht: Hauptschulen. Hier, die in Amtzell (Landkreis Ravensburg)
Als Günther Bader 1967 seine erste Hauptschulklasse übernahm, hatte er
nicht das Gefühl, vor Kindern zu stehen, die die Gesellschaft als Verlierer
betrachtet. Über 60 Prozent eines Jahrgangs besuchten die Hauptschule. Dann
wurden Realschule und Gymnasium beliebter. Die Eltern wollten ihre Kinder
möglichst weit oben sehen in der Bildungspyramide. Das Image der
Hauptschule litt, aber Bader versuchte sie zu retten, als Rektor und
Funktionär beim Schulamt. Jetzt ist Schluss. Bader sagt: "Die Hauptschule
brauchen wir nicht mehr."
Der 66 Jahre alte Pensionär aus Friedrichshafen gehört seit kurzem zu einer
Bewegung, die die Hauptschule kippen will - ausgerechnet im reichen
Baden-Württemberg, wo die Schulen mehr Geld haben als anderswo. Seit April
haben sich Schulleiter im Land zu einer Rebellion gegen ihren Dienstherrn
zusammengefunden. Mittlerweile sind es 400 Rektoren. Hinzu kommen
neuerdings Fachleute wie Bader, die jahrelang für die Hauptschule gekämpft
haben. Sie nehmen Kultusminister Helmut Rau (CDU) in den Schwitzkasten, der
die Hauptschule unbedingt kurieren will.
"Können Sie sich vorstellen, sehr geehrter Herr Minister Rau, was in einem
Kind vorgeht, das als einziges eine Hauptschulempfehlung erhält, während
die anderen in den Nachbarort zur Realschule oder zum Gymnasium fahren?",
hat Bader an den Minister geschrieben. Die Kinder müssten zusammen lernen,
damit stärkere Schüler schwächere mitziehen und zugleich soziale
Verantwortung einüben. Er verstehe nicht, warum die schwächeren Schüler die
kürzeste Schulzeit hätten. Nach dem Abschluss in der 9. Klasse müssten sie
dann mit älteren Realschulabgängern oder sogar mit Abiturienten um
Ausbildungsplätze konkurrieren.
Der Initiative "Länger gemeinsam lernen" haben sich inzwischen nicht nur
DGB und Städtetag Baden-Württemberg angeschlossen, sondern auch der frühere
Chef des Eliteinternats Salem, Bernhard Bueb, ein überaus konservativer
Pädagoge. Zudem ist die Zahl der beteiligten Rektoren groß, wenn man
bedenkt, dass Beamte zur Loyalität gegenüber ihrem Minister verpflichtet
sind. Trotzdem haben 400 von 2.650 Grund- und Hauptschulchefs den Appell
zur Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems unterschrieben. Der
Sprecher der Initiative, Bernd Dieng, zieht sogar den Vergleich mit der
Berliner Rütli-Schule, deren Hilferuf 2006 Aufsehen erregte: "Beides ist
ein Ruf aus der Praxis: So kanns nicht weitergehen."
Der Kultusminister hat ein "Fitnessprogramm" eingeleitet und im Sommer 26
Millionen Euro für "pädagogische Assistenten" und die Besetzung von
Lehrerstellen bereitgestellt. Bringt nichts, schimpfen die Schulrebellen.
Ganz egal, wie hoch die Qualität der Hauptschulen sei, die Eltern setzten
alles daran, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken. Der Ruf der
Hauptschule sei nicht zu reparieren.
Eigentlich ist es erstaunlich, dass Rau nicht einlenkt. Rheinland-Pfalz
schafft die Hauptschule ab. Und Raus Vorgängerin, Bundesbildungsministerin
Annette Schavan, spricht längst öffentlich über gemeinsames Lernen.
Allerdings kann Schavan die Südwest-CDU auch wurscht sein. Rau dagegen,
heißt es im Landesvorstand seiner Partei, werde die Abschaffung der
Hauptschule nie durchsetzen können. CDU-Würdenträger auf dem Land hätten
die Hauptschule noch lange nicht abgeschrieben. Keiner wolle der
Bürgermeister sein, unter dem die einzige Schule im Ort dichtgemacht würde.
Rau selbst sagte dazu: "Nicht nur die Schulleistungsstudien, sondern auch
die Untersuchungen der Bildungsforscher belegen, dass es keinen Grund gibt,
das gegliederte Schulsystem aufzugeben." Auch CDU-Landtagsfraktionschef
Stefan Mappus erklärte kürzlich, wer Hauptschulen mit anderen Schularten
zusammenlege, "trägt zu einem Massensterben von kleinen Schulen im
ländlichen Raum bei".
Das könnte aber auch so passieren. Auf vielen Hauptschulen gibt es nicht
mal mehr die 17 Schüler, die es nach einer Richtlinie des Ministeriums pro
Klasse braucht. Auch junge Lehrer meiden die "Restschule".
Zumindest hat im Ministerium Nachdenken eingesetzt. Eine Arbeitsgruppe
berate nun über "Kooperationsmöglichkeiten zwischen Haupt- und
Realschulen", sagt eine Ministeriumssprecherin. Auch gemeinsamer Unterricht
und der Austausch von Lehrkräften seien im Gespräch. Dennoch: An der
Hauptschule werde festgehalten.
24 Nov 2007
## AUTOREN
(DIR) Sarah Sticker
(DIR) Georg Löwisch
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Baden-Württemberg
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