# taz.de -- taz-Serie "Haben Sie noch Feuer?" (Teil 2): "Nicht rauchen wäre ein schmerzlicher Verlust"
> Der Neurochirurg Christian Sprung weiß, wie Raucherlungen auf dem
> Seziertisch aussehen. Trotzdem fragt er sich, warum er auf das Vergnügen
> verzichten soll.
(IMG) Bild: Christian Sprung ist zuversichtlich: "Als ich das letzte Mal beim Röntgen war, war ich erstaunt, dass meine Lunge noch relativ gut aussieht"
taz: Herr Sprung, Sie sind Neurochirurg und damit Gehirnspezialist. Wie
viele Menschen haben Sie in Ihrem Leben schon operiert?
Christian Sprung: Zurzeit operiere ich circa jeden dritten Tag, früher
öfter. 1.000 Menschen werden es insgesamt schon gewesen sein.
Sie sind Raucher. Beeinträchtigt das die Skalpellführung?
Nicht, dass ich wüsste. Ich hatte immer ruhige Hände. Auch in den Phasen,
in denen ich nicht geraucht habe, habe ich keinen Unterschied festgestellt.
Neben einer ruhigen Hand muss der Chirurg eine gewisse Selbstsicherheit
haben. Der Augenarzt Professor Gasteiger hat mal gesagt: "Man kann als
Operateur ruhig zittern. Man muss nur wissen, wann man zustechen muss."
Rauchen in der Neurochirurgie des Virchow viele Ärzte?
Ich gehöre zu einer ganz kleinen Minderheit. Von 25 Kolleginnen und
Kollegen meiner Abteilung rauchen außer mir, glaube ich, nur noch zwei
andere.
Nach Angaben der Gesellschaft für Nikotinforschung rauchen von den
deutschen Ärzten circa 20 Prozent. Am meisten die Psychiater, die Chirurgen
bilden das Mittelfeld, die Hausärzte das Schlusslicht.
Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, wo bei der Morgenbesprechung die
große Mehrzahl der Kollegen geraucht hat. Dass muss so Mitte der 70er,
Anfang der 80er gewesen sein. Jetzt bin ich unter meinen Kollegen, die
praktisch alle jünger sind als ich, fast der Einzige.
Worauf führen Sie das zurück?
Das Bewusstsein des Gesundlebens hat sich unwahrscheinlich durchgesetzt.
Ich finde es immer wieder überraschend, wie viele Kollegen mit dem Fahrrad
zur Arbeit kommen und dabei auch weite Strecke zurücklegen. Oder wie viele
Kollegen sich zum Joggen verabreden. Früher wäre keiner auf so eine Idee
gekommen.
An Ihnen ist diese Entwicklung vorbeigegangen?
Das würde ich nicht so sagen. Meine Geschichte ist ein bisschen
komplizierter.
Wann haben Sie angefangen zu rauchen?
Als ich 13, 14 Jahre alt war. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie
ich die Kippen auf der Straße zusammengesucht habe, ohne die geringste
Ahnung, dass das schädlich sein könnte.
Sie sind in Eschwege, einer nordhessischen Kleinstadt, aufgewachsen.
Alle meine Kumpels rauchten. In den Sportvereinen wurde geraucht. Mein
Vater war starker Raucher.
Was war er von Beruf?
Warengroßhändler. Garne und Wolle für Strickfabrikanten. Er kaufte billig
und verkaufte teuer.
Die Bude zu Hause war also immer vernebelt?
Vernebelt nicht gerade. Mein Vater war ein sehr angenehmer, gemütlicher
Mensch. Er rauchte starken Tobak. Ein für mich wunderbarer Geruch lag immer
über der Wohnung. Er hat bis ins hohe Alter geraucht.
Wie alt ist er geworden?
72. In den letzten Jahren hatte er Bluthochdruck. Das war bestimmt eine
Folge seines starken Rauchens. Er hatte größte Schwierigkeiten aufzuhören.
Er war ein genussvoller Mensch, der sehr gern geraucht hat.
Welche Marke haben Sie in Ihrer Jugend geraucht?
Reval ohne Filter, aus Angabe, um mich von den Roth-Händle-Rauchern
abzuheben. Roth Händle war hart, Reval exotisch. Gleichzeitig habe ich aber
immer viel Sport getrieben. Ich war ein guter Tennisspieler. Bis zum Alter
von 45 hatte ich deshalb eine ausgesprochen gute Kondition. Das hat mir ein
moralisches Recht gegenüber meiner Gesundheit gegeben. Als Mediziner kann
man die Folgen des Rauchens ja nicht leugnen, zumal man die Raucherlungen
aus dem Anatomieunterricht kennt.
Was unterscheidet eine Raucherlunge auf dem Sektionstisch von anderen
Lungen?
Sie hat eine schwarzdunkle Färbung. Gesunde Lungen sind rosa.
Und Ihre Lunge?
Als ich das letzte Mal beim Röntgen war, war ich erstaunt, dass sie noch
relativ gut aussieht. Ich hatte auch noch nie Beschwerden. Mein großes
Problem ist, dass ich seit ein paar Jahren keinen Sport mehr machen kann.
Im Jahr 2000 hatte ich in Australien einen schweren Motorradunfall, bei dem
mein rechtes Bein zertrümmert wurde. Damit ist jeder Ausgleich zum Rauchen
weggefallen. Mit 50 bin ich noch auf den Kilimandscharo gestiegen und durch
den Himalaja gewandert. Auch Tennis und Joggen geht jetzt wegen der
Schmerzen im Kniegelenk nicht mehr. Eigentlich kann ich nur noch spazieren
gehen.
Wie oft haben Sie versucht, das Rauchen aufzugeben?
Ich würde sagen, fünf ernsthafte Versuche habe ich hinter mir. Das Längste,
was ich geschafft habe, waren fünf Monate.
Woran scheitert es?
Ich rauche, weil das Nikotin oder die anderen Stoffe bei mir eine Sucht
erzeugt. Rauchen beruhigt mich aber auch. Ich bin ein Mensch, der schlecht
warten kann. Das war schon bei meiner Großmutter und meinem Vater so. Es
treibt mich fast zum Wahnsinn, wenn ich im Stau stehe. In solchen
Situationen spannt sich in mir eine Feder an. Wenn ich dann das Radio
anmache und eine rauche, geht es. Oder um Spannungen abzubauen. Zum
Beispiel vor großen Operationen.
Warum gerade dann?
Das Schlimmste an der neurochirurgischen Tätigkeit sind die Nachtdienste,
wo man um drei Uhr morgens zu einer lebensgefährlichen Operation in die
Klinik gerufen wird, weil ein Mensch ein Schädelhirntrauma erlitten hat,
zum Beispiel nach einem Autounfall, man ihm den Kopf aufmachen muss -
trepanieren - die Gefahr besteht, dass es ihm nach der Operation nicht
besser geht oder er sogar in tabula - auf dem Tisch - stirbt. Bei der
Autofahrt zur Klinik kann Rauchen äußerst spannungsabbauend sein. Seit ich
60 bin, brauche ich allerdings keine Nachtdienste mehr zu machen.
Haben Sie wirklich ernsthaft versucht aufzuhören?
Ich habe alles durch. Nikotinpflaster, Kräuterzigaretten, Akupunktur. Ich
bin bei der mildesten Zigarettensorte gelandet, die noch einigermaßen
schmeckt. Jetzt trage ich mich mit dem Gedanken, eine Hypnose zu machen.
Meine Ratio sagt mir, hör auf. Ich bin nah dran. Ich habe auch
verschiedenste Bücher gelesen, von der Art: Wie werde ich Nichtraucher. Die
Autoren tun so, als werde man als Nichtraucher ein wahnsinnig glücklicher
Mensch. Das regt mich auf. Auch aus wissenschaftlicher Sicht finde ich das
unlauter. Das zweifelsohne vorhandene Krankheits- und Krebsrisiko wird
nicht fair abgewogen gegen die meiner Meinung nach eindeutigen Vorzüge des
Rauchens.
Welche sind das?
Rauchen ist für mich auch Ausdruck von Lebensqualität. Aus dem Theater oder
Kino kommen und eine anstecken. Schön! Auf dem Gipfel eines Berges oder
nach dem Tennis, wenn man 7:6, 6:7, 7:6 gewonnen hat. Herrlich! Leute, mit
denen ich mich gut verstehe, sind Genussmenschen, die einem Glas Wein oder
Bier, einem Zigarettchen oder einer Zigarre nicht abgeneigt sind, wenn sie
Zeit haben. Die sind mir näher als diese militanten Nichtraucher, die von
morgens bis abends asketisch leben.
Und was würden Sie gern in Nichtraucherbüchern lesen?
Dass es Raucher wie mich gibt, für die es immer ein schrecklicher Verlust
sein würde, auf die Zigarette zu verzichten. Klar werde ich ohne besser
durchatmen können. Aber ich werde nie, was in den Büchern steht, eine irre
Freude empfinden.
Was halten Sie vom Rauchverbot in Kneipen?
Ich verstehe, dass ich als Raucher Nichtrauchern einiges zumute. Ich hoffe,
dass es vielen Restaurants gelingt, getrennte Räume einzurichten. Aber dass
in einer Bar nicht mehr geraucht werden darf, kann ich mir überhaupt nicht
vorstellen. Dass kommt mir vor wie ein Schwimmbad im Hochsommer ohne
Menschen.
Wie reagieren Ihre Patienten darauf, dass Sie rauchen?
Die sehen mich nicht rauchen. Das tue ich in der Klinik nur in meinem
privaten Arztzimmer, wo keine Untersuchungen stattfinden. Höchst selten
werde ich mal darauf angesprochen, wenn jemand die Packung in meinem Kittel
entdeckt. Je nachdem, ob der Patient raucht oder nicht, heißt es dann: Ach
Doktor, das find ich aber aber toll! Oder: Um Gottes Willen, wie können Sie
nur? Ich habe aber nie erlebt, dass jemand gesagt hätte: Von einem Raucher
lasse ich mich nicht operieren. In Amerika existiert da ja ein regelrechter
Hass.
Raten Sie Ihren Patienten aufzuhören?
Was mein Fachgebiet betrifft, hat noch niemand behauptet, Gehirntumore
kämen vom Rauchen. Oder Bandscheibenschäden. Das wird vermutlich auch noch
kommen. Natürlich rate ich jedem Patienten - nicht nur dicken, keuchenden
Menschen - dass es besser ist, aufzuhören. Das wirkt vielleicht
schizophren. Aber meiner elfjährigen Tochter sage ich auch, dass sie besser
nicht damit anfängt, damit es ihr nicht so ergeht wie mir.
Berühmte Ärzte wie Freud und Alzheimer haben auch geraucht. Freud hat sogar
nach einer Krebsoperation am Gaumen weitergepafft. Wie erklären Sie sich so
ein Verhalten?
Heinrich Böll hat trotz schwerer Gefäßleiden weitergequarzt. Es gibt
unzählige Beispiele. Hartnäckige Raucher wie Helmut Schmidt wissen, was sie
mit sich anrichten. Philosophie als Erklärung dafür wäre wohl ein zu großes
Wort. Ich sage mir: Sterben muss jeder. Warum soll ich Qualen auf mich
nehmen und auf alle Vergnügungen verzichten. Sehr wahrscheinlich ist es
auch eine Charakterschwäche von mir. Es gibt auch die These, dass Rauchen
genetisch bedingt ist.
Glauben Sie, jede weitere Zigarette verkürzt Ihr Leben?
Natürlich. Die Statistik ist da unbestechlich. Wenn ich morgen aufhören
würde zu rauchen, wären meine Chancen entschieden größer, das 80.
Lebensjahr zu erreichen, als wenn ich so weitermache wie bisher.
Herzkreislauferkrankung, Bluthochdruck - ich nehme die möglichen Folgen so
wie Herr Böll und Herr Schmidt sehenden Auges in Kauf.
Wagen Sie eine Prognose. Werden Sie als Raucher oder als Nichtraucher ins
Grab gehen?
Ich hoffe, als Nichtraucher. Aber ich befürchte, dass ich als Raucher ins
Grab gehe.
27 Dec 2007
## AUTOREN
(DIR) Plutonia Plarre
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