# taz.de -- Hintergrund "Türkische Schulen": "Deutsch ist die Basis"
> Erdogans Forderung in der Praxis: Schulen, an denen Türkisch unterrichtet
> wird, empfehlen, der deutschen Sprache Vorrang zu geben.
(IMG) Bild: "Deutsch muss die Basis sein. Dann kann man Türkisch lernen."
BERLIN taz Was der türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan
forderte, ist an einigen Berliner Schulen bereits Realität: Kinder
türkischer Herkunft erhalten Unterricht in ihrer Muttersprache. Doch auch
an diesen Schulen gilt meist das Prinzip: Deutsch geht vor.
Das Kreuzberger Robert-Koch-Gymnasium etwa bietet Türkisch als zweite
Fremdsprache an. Mit der Einführung dieses Angebots stieg die Anzahl von
Schülern türkischer Herkunft. Doch Schüler deutscher Muttersprache gibt es
kaum noch. "Wir kämpfen darum, dass unsere Schüler ordentlich Deutsch
sprechen und schreiben", sagt deshalb Schulleiter Rainer Völkel. Die
Beherrschung der Muttersprache sei ein gutes Fundament für das Erlernen
weiterer Sprachen. "Aber Deutsch muss die Basis sein. Dann kann man
Türkisch lernen." Zwar solle niemand seiner Identität beraubt werden. Doch
die deutsche Schule bilde "für das Leben in Deutschland aus, nicht für das
Leben in der Türkei".
Türkischunterricht bietet auch die vor drei Jahren in Berlin-Spandau
eröffnete private Oberschule. Träger ist ein Verein namens Tüdesb, der von
türkischen Migranten gegründet wurde. 180 Schüler besuchen derzeit die
Schule - nicht nur türkischer Herkunft, wie Horst-Helmut Köller, der
Vorstandssekretär von Tüdesb, betont.
Die Eltern, die ein Schulgeld von 180 Euro im Monat bezahlen, kämen aus
einfachen Verhältnissen ebenso wie aus der Mittelschicht. "Es sind oft
Eltern, die ihre Kinder lieber nicht in Kreuzberg oder Neukölln in die
Schulen schicken möchten", berichtet Köller. Viele wünschten aber, dass
ihre Kinder Türkisch und Deutsch lernten. Türkisch wird deshalb als zweite
Fremdsprache bis zum Abitur gelehrt. "Aber das ist Nebensache", so Köller.
"Unsere Amtssprache ist Deutsch, wir leben in Deutschland, und die Schüler
integrieren sich am besten, wenn sie die Landessprache einwandfrei
beherrschen." Man kann deshalb auch Französisch als zweite Fremdsprache
wählen und auf den Türkischunterricht ganz verzichten.
Die Aziz-Nesin-Schule in Kreuzberg, eine staatliche deutsch-türkische
Europaschule, erteilt nicht nur Türkischunterricht. Hier werden Biologie,
Erdkunde oder Geschichte in türkischer Sprache gelehrt - von der ersten
Klasse bis zum Abitur. Die meisten der hier tätigen Lehrkräfte stammen aus
der Türkei und wurden dort ausgebildet.
An Erdogans Worten sei schon etwas, meint Heidi Riehm, die stellvertretende
Schulleiterin. "Wer seine eigene Muttersprache beherrscht, lernt eine
zweite Sprache leichter." Aber die Bedingungen dafür müssten stimmen: "Das
erfordert eine Lernsituation mit ausreichendem Personal und
wissenschaftliche Begleitung." Dies sei in Berlin jedoch abgebaut worden.
Es sei für die Kinder wichtig, zu sehen, dass ihre Muttersprache "geschätzt
wird und erwünscht ist", sagt die Lehrerin. Vollauf zufrieden mit dem, was
die Schüler bis zur sechsten Klasse erlernt haben, ist sie aber nicht. Im
Deutschen ebenso wie im Türkischen. "Zweisprachige Erziehung dauert
länger", meint Riehm. "Zunehmend sagen aber auch türkische Eltern, Deutsch
sei ihnen wichtiger."
Von den drei Klassen der Europa-Grundschule bleibt deshalb an der den
deutsch-türkischen Unterricht weiterführenden Oberschule meist nur noch
eine übrig. "Erdogans Ansatz hat nichts mit dem zu tun, was wir uns hier
unter Integration vorstellen", sagt deren Leiter Gerhard Rähme. Integration
bedeute, die deutsche Gesellschaft mitgestalten zu können. "Dafür ist die
deutsche Sprache unerlässlich." Wer sich auf seine Muttersprache oder
ethnische Community zurückziehe, könne nicht mitgestalten. "Separation
führt nicht zu Integration."
In Berlin werden Erdogans Vorschläge also wohl wenig Resonanz haben - bei
Pädagogen ebenso wie bei türkischen Migranten. Selbst in der privaten
Islamischen Grundschule, die von Erdogans islamischer Bewegung durchaus
nahestehenden Migranten gegründet wurde, wird auf Deutsch unterrichtet. Der
Türkischunterricht ist freiwillig.
12 Feb 2008
## AUTOREN
(DIR) Alke Wierth
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