# taz.de -- Hintergrund Erdogans "Assimilation": Mit zweierlei Maß
       
       > Erdogan hält Assimilation für ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" -
       > solange es nicht um die Türkei geht.
       
 (IMG) Bild: "Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit" - wenns nicht grad um die Türkei geht.
       
       ISTANBUL taz "Ein guter Satz", meint Ufuk Uras zu Recep Tayyip Erdogans
       Bemerkung, Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. "Ich
       hoffe, dass daraus auch in der Türkei etwas folgt", fügt der unabhängige
       linke Abgeordnete hinzu, der mit der Fraktion der kurdischen DTP
       zusammenarbeitet. Schließlich seien die Kurden in der Türkei lange einem
       enormen Assimilationsdruck ausgesetzt gewesen und genössen noch heute keine
       kulturelle Anerkennung.
       
       So habe die DTP in der Debatte um eine neue Verfassung vorgeschlagen, in
       die Präambel einen Zusatz aufzunehmen, dass die kulturellen Differenzen in
       der Türkei den Reichtum des Landes ausmachten. Doch die AKP und Erdogan
       hätten dies abgelehnt. Der Ministerpräsident mache in der Frage der
       Assimilation genau das, was er der EU in anderer Hinsicht vorwerfe: "Er
       benutzt doppelte Standards."
       
       Die Forderung nach türkischen Schulen in Deutschland könnte Erdogan noch
       Probleme bereiten. Denn in der Türkei gibt es zwar französische oder
       deutsche Schulen, kurdischer Unterricht aber ist weiterhin verboten. Das
       einzige Zugeständnis der vergangenen Jahre bestand darin, Kurdischkurse an
       privaten Sprachschulen zuzulassen.
       
       Auch Etyen Mahcupyan, der Nachfolger von Hrant Dink als Chefredakteur der
       armenisch-türkischen Wochenzeitung Agos, stimmt Erdogan "im Prinzip" zu.
       Allerdings hätten die Armenier mit anderen Problemen zu kämpfen als die
       Kurden. "Armenier waren fast nie mit großen Assimilationserwartungen
       konfrontiert, weil sie als Nichtmuslime ohnehin eher als Fremde gelten."
       Seit der Gründung der Republik habe man die christlichen Minderheiten
       "lieber verdrängen als assimilieren" wollen.
       
       Welch geringen Wert Erdogan auf den Schutz der Christen legt, wurde in den
       letzten Tagen erneut deutlich: Um im Kopftuchstreit die Unterstützung der
       rechtsextremen MHP zu bekommen, stimmte er zu, ein Gesetz, das die
       Enteignung von Liegenschaften der christlichen Minderheiten rückgängig
       machen soll, entscheidend zu verändern. Nun würden, sagt Holger Nollmann,
       der Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Istanbul, versprochene
       Verbesserungen für die Christen wieder einkassiert.
       
       JÜRGEN GOTTSCHLICH
       
       13 Feb 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jürgen Gottschlich
       
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