# taz.de -- Autor und Soziologe Alexander Mitscherlich: "Nicht direkt gelogen"
       
       > Vorsicht vor moralischen Urteilen: ein Gespräch mit dem Historiker Martin
       > Dehli über Alexander Mitscherlich.
       
 (IMG) Bild: Von links: SDS-Vorstandsmitglied Juergen Krahl, Schriftsteller Martin Walser und Prof. Dr. Mitscherlich bei einer Kundgebung zu den Notstandsgesetzen am 28.05.68
       
       taz: Herr Dehli, warum ist Alexander Mitscherlich 2008 noch interessant? 
       
       Martin Dehli: Mitscherlich war einer der Intellektuellen, die das Bild der
       Bundesrepublik von sich selbst stark geprägt hat. Er ist 1982 nach seinem
       Tod in Vergessenheit geraten - aber er war einer der intellektuellen
       Gründerväter der Republik. Und auch die 68er haben in ihn als eine Art
       Gründervater ihrer Bewegung angesehen.
       
       Mitscherlich war vor 1945 mit Ernst Jünger und dem Nationalbolschewisten
       Ernst Niekisch befreundet, politisch im Dunstkreis der Konservativen
       Revolution. Hat Mitscherlich das verschwiegen? Oder wollte es in der
       Bundesrepublik niemand wissen? 
       
       Beides ein bisschen. Niemand hat wirklich gefragt. Die Republik brauchte
       einen wie Mitscherlich, der unerbittlich die NS-Zeit thematisierte.
       Mitscherlich selbst hat seine Kontakte zu Jünger und Niekisch nicht
       verschwiegen, aber eine Version entworfen, in der diese Zeit als
       vorübergehend und eher unwichtig erschien.
       
       Hat er in seiner Biographie "Ein Leben für die Psychoanalyse" gelogen? 
       
       Nicht direkt gelogen. Aber er hat behauptet, dass er 1932 seine
       Dissertation in Geschichte nicht beenden konnte, wegen des heraufziehenden
       Nazismus. Das stimmte so nicht. Außerdem hat er berichtett, dass er 1937
       acht Monate wegen seiner Kontakte zu Niekisch in Haft war. Es waren aber
       nur drei.
       
       Er hat sich also in Details mehr zum Antinazi stilisiert als es den Fakten
       entsprach. 
       
       Ja, Mitscherlich hat zum Beispiel betont, dass er bei Niekischs Zeitschrift
       "Widerstand" mitgearbeitet hat. Vielen wussten nicht, dass dieser
       Widerstand zuerst der verhassten Weimarer Republik und dem Vertrag von
       Versailles galt - und erst später auch Hitler.
       
       Ein Biograph hat Mitscherlich "einen Antifaschisten der ersten Stunde
       genannt". Das ist falsch? 
       
       Ja, bestimmt.
       
       Aber 1944 weiht Karl Jaspers Mitscherlich in den Plan ein, wie Jaspers
       jüdische Frau vor den Nazis gerettet werden soll. Das ist doch ein
       eindeutiger Beweis für antifaschistische Vertrauenswürdigkeit. 
       
       Ja, es erscheint uns heute als Widerspruch, erst Ernst Jünger zu bewundern
       und dann von Jaspers ins Vertrauen gezogen zu werden. Für Mitscherlich war
       das kein Widerspruch, sondern eine Entwicklung. Er entfernt sich in den
       frühen 40er Jahren von dem antidemokratischen Denken von Jünger und
       Niekisch.
       
       Warum tut Mitscherlich sich in der Bundesrepublik schwer, diese Entwicklung
       präzise nachzuzeichnen? Warum glättet er seine Biographie? 
       
       Aus vielen Gründen. Wir versuchen ja alle eine Konsistenz in unserem Leben
       und Denken zu konstruieren. Umso mehr, wenn es darin Brüche gibt. Ich
       finde, deswegen sollte man mit moralischen Urteilen vorsichtig sein. Das
       Interessante an Mitscherlich ist ja gerade, dass er sein Denken dauernd
       umformt, weiter schreibt, anpasst. Sein bedingungsloses Ja zur Demokratie
       entwickelt sich langsam, nicht auf einen Schlag.
       
       Mitscherlichs Denken war bis 1945 von einem typisch deutschen
       Kulturpessimismus geprägt, der auch zur Ideologie der Rechten zählt. Wo
       sind die Verbindungslinien zwischen dem Mitscherlich, der in den 30ern der
       Konservativen Revolution nahe steht und dem Linksliberalen der 60er Jahre? 
       
       Die Technikkritik ist ein roter Faden, ein weiterer die Diagnose, dass
       Traditionen verloren gehen.
       
       Klingt wertkonservativ. 
       
       Sein Denken hat etwas davon, sein Habitus nicht. Er hatte etwas
       Bohemehaftes, Antibürgerliches, in den 30er und in den 60ern. Das war die
       Grundlage für seine anfängliche Sympathie für die Studentenbewegung. Zum
       Wertkonservativen passt auch das spontane Engagement nicht. Sich auch ohne
       Rücksicht auf eigene Verluste öffentlich zu engagieren, dies ist sein
       Kennzeichen. Und vielleicht sein größtes Verdienst: unermüdlich Debatten
       anzustoßen. Das brauchte die Republik nach 1945.
       
       Mitscherlich hat 1946 den Prozess gegen NS-Ärzte verfolgt und darüber das
       Buch "Medizin ohne Menschlichkeit" geschrieben. Die intensive Befassung mit
       den Menschenversuchen der Nazis hält Mitscherlich selbst für das Wendepunkt
       in seinem Denken und Leben, an dem sich seine Sichtweise zentral
       verschiebt. Stimmt das? 
       
       Das Buch selbst kann man kaum überschätzen. Es ist eines der wichtigsten
       Bücher über Medizin im 20. Jahrhundert, mit dem Mitscherlich sich mit der
       Ärzteschaft überwirft und bekannt wird. Für sein Denken ist das Buch eher
       eine Etappe. Es ist kein radikaler Bruch. Die NS-Verbrechen begreift er
       1946 noch als Ergebnis einer materialistischen Medizin und ordnet sie in
       seine Kritik derselben ein. Die Argumente dieser Kritik stammen jedoch aus
       den 20er Jahren. Mitscherlich wird nicht erst durch den NS- Ärzteprozess
       zum Kritiker der naturwissenschaftlichen Medizin. Diese Kritik ist viel
       älter.
       
       "Die Unfähigkeit zu trauern" war sein wichtigstes Buch. Die Hauptthese war:
       Die Deutschen haben Hitler als Ich-Ideal geliebt, doch anstatt seinen
       Untergang zu betrauern, haben sie verdrängt, sich in den Wideraufbau
       gestürzt und die Sieger, vor allem die USA, als neues Über-Ich angenommen.
       Ist das falsch? 
       
       Nicht falsch, aber undifferenziert. Wie sich die Deutschen Hitler gegenüber
       im konkreten Einzelfall wirklich verhalten haben, kommt in diesem
       psychologischen Blick kaum vor. Außerdem ist Mitscherlichs Standpunkt in
       dem Buch unklar und wechselhaft. Mal urteilt er scharf moralisch, dann wie
       ein Therapeuten Einzelner, dann als Therapeut der Gesellschaft.
       
       Sie schreiben: "Wo Mitscherlichs eigene Biographie hätte zur Sprache kommen
       müssen, herrscht Schweigen." Ist das nicht zu scharf geurteilt? Er hat doch
       in der NS-Zeit ja keine Schuld auf sich geladen. Er musste doch nichts
       verdrängen - oder? 
       
       Ob er etwas verdrängt hat, das wage ich nicht zu beurteilen. In seiner
       Autobiographie geht er ja auf schonungslose Weise der Frage nach, warum er
       Jünger und Niekisch so nah war. Allerdings blendet er den politischen
       Kontext dabei aus - trotz dieser wahrhaftigen Selbstbefragung.
       
       Sie schreiben, dass "Die Unfähigkeit zu trauern" eine Waffe war, mit der
       die Kinder ihre Eltern verurteilen konnten. Stimmt das? Das Buch ist doch
       gerade mehr als eine bloß moralische Verdammung der Eltern, weil es auch
       von Wünschen spricht. Da steckt doch die Perspektive drin: Man muss die
       Eltern erstmal verstehen. 
       
       Ist es so gelesen worden? Das bezweifele ich. Das Problematische ist, dass
       Verurteilungen und dieses einfühlende Verständnis so stark vermischt
       werden. Die Leser konnten sich aussuchen, was sie davon wollten. Der Titel
       hat sich außerdem verselbstständigt: Dass die Unfähigkeit zu trauern,
       Trauer um Hitler meinte, verblasste. Allein der Titel wurde zu einem
       moralischen Urteil über eine Generation.
       
       INTERVIEW: STEFAN REINECKE
       
       29 Apr 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stefan Reinecke
       
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 (DIR) Zum Werk Alexander Mitscherlichs: Die Unfähigkeit zu würdigen
       
       Alexander Mitscherlich war eine der intellektuellen Gründungsfiguren der
       Bundesrepublik. Bei einem Symposion in Jena drängt sich der Eindruck auf:
       Es geht um einen kompletten Denkmalabriss.