# taz.de -- Forschungsobjekt Demonstrant: "Viele von uns sind komplett arbeitslos"
       
       > AktivistInnen des Mayday fragen die Demonstranten nach ihren
       > Lebensumständen. Nur wenn man die kenne, könne man Widerstand
       > organisieren, sagt Hanna Schuster von FelS.
       
 (IMG) Bild: Am 1. Mai arbeiten, am 2. Mai feiern: Polizeipräsident Glietsch wird am Tag nach dem Tag der Arbeit 61
       
       taz: Frau Schuster, die Gruppe FelS als Teil der Mayday-OrganisatorInnen
       will dieses Mal während der Parade mit Fragebögen herumlaufen. Warum? 
       
       Hannah Schuster: Die Idee, am 1. Mai mit dem Mayday Prekarisierung zum
       Thema zu machen, hat ganz viel damit zu tun, unsere eigenen
       Lebensverhältnisse zu thematisieren. Tatsache ist aber, dass wir gar nicht
       so genau wissen, wer mit welchen Anliegen zur Mayday-Parade kommt. Mit
       dieser Umfrage wollen wir mehr darüber erfahren und mit den Leuten ins
       Gespräch kommen.
       
       Der Mayday wird zur wissenschaftlichen Studie? 
       
       Nein, es gibt einen ganz gravierenden Unterschied. Unsere Umfrage ist eine
       Selbststudie mit einem konkreten politischen Anliegen: Wir wollen nicht nur
       wissen, aus was für Leuten wir uns zusammensetzen, sondern wir wollen auf
       dieser Basis darüber diskutieren, wie wir uns gemeinsam organisieren und
       für ein schönes Leben kämpfen können. Dafür ist es natürlich wichtig zu
       wissen: Wie viele Kinder haben die Leute? Wie wohnen sie? Wie würden sie
       gerne arbeiten? Inwiefern sind sie von Prekarisierung betroffen? Was ist
       für sie überhaupt ein schönes Leben?
       
       Was werden Sie mit diesen Ergebnissen machen? 
       
       Wir werden die Ergebnisse auf einer Veranstaltung präsentieren, um dann
       anschließend mit Interessierten zu diskutieren, was sie für uns bedeuten
       und was sie für weitere Organisierungsprozesse aussagen.
       
       Sind die Ergebnisse nicht erwartbar? Es werden typisch linke Studis der
       sogenannten Generation Praktikum antworten, die ohne Lohn oder fast umsonst
       ihre Arbeitskräfte anbieten und trotzdem nicht wissen, wie man sich zur
       Wehr setzt. 
       
       Das sind sicher die Leute, an die auch wir oft als Erstes denken. Aber
       vielleicht ist genau das unser Problem. Bestimmte Biografien werden der
       linken Szene zugeschrieben: studentisch, für eine bestimmte Zeit rebellisch
       und bürgerlichen Ursprungs. Dabei sind auch viele von uns komplett
       arbeitslos, andere leiden unter den "normalen" Arbeitsverhältnissen,
       verdienen aber einigermaßen okay, und wieder andere müssen sich noch über
       ihre Eltern finanzieren lassen. Unser Eindruck auf den letzten beiden
       Mayday-Paraden war, dass das Spektrum breiter ist und nicht nur aus Leuten
       besteht, die normalerweise auf linksradikalen Demos herumspringen. Wenn dem
       nicht so ist, ist das auch eine wichtige Erkenntnis. Abgesehen davon wollen
       wir ja nicht nur Sozialdaten wie finanzielle Situation oder Beruf erfassen,
       sondern interessieren uns besonders dafür, was für die Leute ein schönes
       Leben ist und wie sie sich dafür organisieren möchten.
       
       Der Arbeitgeberverband sieht in Ihrer Kritik auf der Mayday-Parade noch
       keine konkrete Bedrohung. Wie wollen Sie das ändern? 
       
       Wenn es tatsächlich Leute gibt, die deswegen enttäuscht sind, wäre das eine
       maßlose Überschätzung dessen, was wir mit dem Mayday ausrichten können. Es
       ist zunächst ein wichtiger Schritt, Prekarisierung am 1. Mai überhaupt zum
       Thema zu machen. Wir sagen immer: Der Mayday ist ein Prozess. Zunächst
       einmal geht es uns darum, die Leute anzusprechen, die von prekären
       Lebensbedingungen betroffen sind. Wir wollen deutlich machen: Auch wenn
       viele von uns vereinzelt globalisiert vor sich hin arbeiten oder sich in
       Form einer Ich-AG durch die Arbeitswelt durchschlagen - es ist dennoch
       möglich, sich zusammenzuschließen und kollektiven Protest zu organisieren.
       Wir wollen Widerstandsmöglichkeiten schaffen in Zeiten des erodierten
       Normalarbeitsverhältnisses. Erst wenn das gelingt, wird auch der Arbeit-
       oder Auftraggeber vielleicht mal aufhorchen.
       
       INTERVIEW: FELIX LEE
       
       30 Apr 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Lee
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Berlins Polizeipräsident: Der Reformer, der Widerstand nicht duldet
       
       Dieter Glietsch hat aus der Polizeitruppe mit Korpsgeist eine moderne
       Behörde gemacht. Doch sein Führungsstil ist intern stark umstritten.
       
 (DIR) Revolution ohne Randale: 1. Mai wird wieder politisch
       
       Dieses Jahr könnte der 1. Mai recht entspannt werden: Statt mit
       Gewaltritualen beschäftigen sich die Demonstranten mit Kritik an Mediaspree
       und Gentrifizierung. Die Polizei glaubt nicht an Krawalle.
       
 (DIR) Arbeitsmarkt und Arbeitstag: Berlin macht mächtig Arbeit
       
       Am 1. Mai werden die Gewerkschaften mehr Arbeitsplätze und höhere Löhne
       fordern. In Berlin darf man darauf kaum hoffen: Die Wirtschaft wächst
       langsam, der Strukturwandel stockt, Fachkräfte fehlen.