# taz.de -- Revolution ohne Randale: 1. Mai wird wieder politisch
       
       > Dieses Jahr könnte der 1. Mai recht entspannt werden: Statt mit
       > Gewaltritualen beschäftigen sich die Demonstranten mit Kritik an
       > Mediaspree und Gentrifizierung. Die Polizei glaubt nicht an Krawalle.
       
 (IMG) Bild: Aus Tradition politisch: Mayday-Aktivisten beim Kurzprotest am 11. April 2008
       
       Es wird schon Absicht gewesen sein, dass McDonalds seine erste Filiale in
       Kreuzberg nicht direkt an der Skalitzerstraße gebaut hat, sondern ein paar
       Meter nach hinten versetzt. Auch der Zaun um das Gelände herum dient wohl
       nicht nur der Zier, sondern soll auch potenzielle Benutzer von
       Wurfgeschossen fernhalten. Nun steht der im September 2007 eröffnete
       gläserne Kasten vor seiner ersten Bewährungsprobe. Die Organisatoren der
       abendlichen Revolutionären-1.-Mai-Demonstration haben angekündigt, dass sie
       vor dem McDonalds eine Zwischenkundgebung abhalten werden.
       
       Die Filiale der US-amerikanischen Fastfoodkette sei ein "weiteres Projekt
       der Umstrukturierung im Kiez" und trage dazu bei, dass arme
       Bevölkerungsschichten verdrängt werden, sagte Jonas Schliesser, ein
       Organisator des Revolutionären-1.-Mai-Bündnisses. Die Veranstalter haben
       ihren Protest unter das Motto "Zusammen gegen Kapital und Krieg" gestellt,
       wollen aber vor allem gegen Verdrängungsprozesse im Zuge des Stadtumbaus
       durch das Projekt "Mediaspree" demonstrieren. Ihre Demonstration soll um 18
       Uhr am Kottbusser Tor beginnen und unter anderem durch das zeitgleich
       stattfindende Myfest ziehen.
       
       Umstrukturierung, Gentrifizierung und soziale Ausgrenzung sind die
       Schlagwörter des diesjährigen 1. Mai. Lange Zeit haben nur die
       sinnentleerten Gewaltrituale die Debatten rund um den "Tag der Arbeit"
       dominiert; doch bereits im vergangenen Jahr war zu spüren, dass die
       politischen Forderungen der Demonstranten wieder mehr in den Vordergrund
       rücken.
       
       Dabei scheint die radikale Umgestaltung auf beiden Seiten des Spreeufers
       zwischen Jannowitz- und Elsenbrücke zu Mediaspree und damit einhergehend
       der befürchtete Bevölkerungsaustausch die linken Gruppen momentan besonders
       zu beschäftigen. "In Friedrichshain und Kreuzberg leben viele Menschen, die
       von dem Abbau sozialer Rechte in den letzten Jahren besonders betroffen
       sind", sagt auch Mayday-Sprecher Philipp Stein.
       
       Die Mayday-Parade ist neben der Revolutionären-1.-Mai-Demo die zweite große
       Demonstration an diesem Tag in Kreuzberg; sie findet in diesem Jahr zum
       dritten Mal statt. "be.Streik.Berlin - organisiert das schöne Leben",
       lautet das Mayday-Motto. Die Zielgruppe: Genau jenes Publikum, das zur
       Gentrifizierung durchaus mit beiträgt: StudentInnen, KünstlerInnen,
       Freiberufliche und PraktikantInnen. "Auch Selbstausbeutung ist selten
       freiwillig", so Stein. Die Mayday-Parade richte sich "gegen miserable
       Arbeitsverhältnisse und Prekarisierung". Mit thematischen Wagen wollen die
       AktivistInnen zeigen, "dass Widerstand gegen antisoziale Politik bunt,
       offen und kreativ sein könne", erklärt der Mayday-Sprecher. Die Parade
       beginnt um 14 Uhr und soll vom Boxhagener Platz in Friedrichshain über die
       Oberbaumbrücke bis zum Spreewaldplatz nach Kreuzberg führen.
       
       Doch so groß der Zorn der wachsenden Zahl an Mediaspree-Gegnern zu sein
       scheint: Die Polizei rechnet nicht damit, dass am 1. Mai von den
       politischen Demonstrationen Randale ausgehen wird. Die hat es allerdings
       auch in den vergangenen Jahren nicht mehr gegeben. Und auch sonst gebe es
       bislang keine Hinweise auf organisierte Krawalle, teilten die Ordnungshüter
       mit. Allenfalls, so die Gefahrenprognose, könnte es voraussichtlich zu
       vereinzelten Gewalttätigkeiten von besoffenen Feiernden nach Einbruch der
       Dunkelheit kommen.
       
       Bei McDonalds hat man aber offensichtlich doch Muffensausen. Der Sprecher
       des Fastfoodkonzerns war jedenfalls nicht bereit, der taz Auskunft zu
       erteilen, ob die Filiale in Kreuzberg am 1. Mai geöffnet hat.
       
       30 Apr 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Lee
       
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