# taz.de -- Extremismus und Gewalt: Rechte greifen verstärkt Linke an
> 2007 gab es weniger rechte Gewalttaten in Berlin, berichten
> Verfassungsschutz und zivile Gruppen. Allerdings hätten die Nazis neue
> Aktionsformen gefunden und gingen häufiger gegen Linke vor.
(IMG) Bild: Linke Aktivisten bekommen Gewalt von Rechts häufiger zu spüren: Kundgebung zum Jahrestag der Ermordung des Anifaschisten Silvio Meier im November 2007
Die Zahl von rechtsradikal motivierten Gewalttaten in Berlin ist im
vergangenen Jahr um 30 Prozent gesunken. Sie habe sich von 166 im Jahr 2006
auf 122 Angriffe 2007 verringert. Das geht aus dem Bericht "Berliner
Zustände" hervor, den am Mittwoch mehrere zivilgesellschaftliche Projekte
gegen Rechtsextremismus vorstellten.
Die Befunde dieses sogenannten Schattenberichts wurden in der Tendenz vom
Verfassungsschutzbericht 2007 bestätigt, den Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) ebenfalls am Mittwoch vorlegte. Der Verfassungsschutz, der in seiner
Statistik stets auf niedrigere Fallzahlen als die zivilgesellschaftlichen
Organisationen kommt, zählte 2007 nur 61 Fälle "politisch motivierter
Gewalt - rechts", wie es im Behördensprech heißt. Im Vorjahr waren es noch
96 gewesen. Statt 750 gebe es in Berlin nur noch 650 Neonazis.
Diese Entwicklung gebe aber keinen Anlass zur Entwarnung, stellt Sabine
Seyb von der Opferberatungsstelle ReachOut in ihrem Beitrag für den
Schattenbericht klar. Ein rechter Angriff beeinträchtige die Opfer oft noch
Jahre nach der Tat; die Darstellung eines Einzelfalls als abstrakte Zahl
lenke von diesem Umstand ab. Die niedrigeren Fallzahlen seien
möglicherweise allein darauf zurückzuführen, dass einige bekannte rechte
Schläger zeitweise in Haft waren. Auch sprächen die gehäuften brutalen
Übergriffe in den ersten Monaten 2008 gegen eine Trendwende.
Neben der zahlenmäßigen Abnahme der Übergriffe stellen die Autoren des
Schattenberichts für 2007 einige Veränderungen in den Mustern rechter
Gewalt fest. "Das Kameradschaftsspektrum ist relativ geschwächt und hat
kaum noch Ausstrahlungskraft", sagte Annika Eckel von der Mobilen Beratung
gegen Rechtsextremismus (MBR). Der Verfassungsschutzbericht bestätigt diese
Beobachtung: Anstelle der strenger organisierten Kameradschaften hätten
sich Aktionsgemeinschaften ohne feste Mitgliedschaften gebildet.
Nach wie vor sei die Mehrzahl gewaltsamer rechter Überfälle gegen Migranten
gerichtet, sagte Seyb. Das Opferschema verschiebe sich jedoch: "Was
tatsächlich etwas zugenommen hat, sind die Angriffe gegen politisch
Aktive", also Linke. Besonders der Ortsteil Friedrichshain sei davon
betroffen, aber auch andere Ostbezirke wie Pankow. Zu den tätlichen
Übergriffen gesellen sich mitunter massive Drohungen der Rechtsextremen
gegen ihre politischen Gegner. Seyb berichtete, dass Neonazis Aufkleber mit
der Aufschrift "Wir denken an dich" und den Fotos linker Aktivisten in
deren Kiezen geklebt hätten. "In der Massivität ist das neu."
Kritisch zeigten sich die Autoren des Schattenberichts gegenüber ihren
staatlichen Kooperationspartnern. Die Ermittlungsbehörden zeigten sich den
Betroffenen gegenüber häufig wenig sensibel und nötigten die
Beratungsstellen mitunter gar, deren Namen offenzulegen. Das gefährde das
Vertrauensverhältnis zwischen den Hilfesuchenden und den Organisationen,
die ihre primäre Aufgabe im Opferschutz sähen, so Seyb.
Auch die Geldgeber bekamen ihr Fett weg. Besonders das Bundesprogramm
"Kompetent für Demokratie", das einen Teil der Finanzierung von ReachOut
und der MBR sicherstellt, wurde mit harscher Kritik bedacht. Das Programm
ziele auf Krisenintervention, statt den Kampf gegen den Rechtsextremismus
als kontinuierliche Aufgabe zu betrachten, klagten die Autoren. "Dem
Problem ist aber nicht beizukommen, wenn man es als krisenhafte Erscheinung
begreift", sagte Eckel. Auch die Grünen-Abgeordnete Clara Herrmann
kritisierte die Ausrichtung des vom CDU-geführten Bundesfamilienministerium
initiierten Programms als "kontraproduktiv".
29 May 2008
## AUTOREN
(DIR) Georg Fahrion
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