# taz.de -- Aus dem taz-Magazin: Refugium der Utopien
       
       > Der Monte Verità ist die Schweizer Teststrecke der Erzählung von Freiheit
       > und Flucht. Die Geburtsstätte der Alternativbewegung. So soll das für
       > immer bleiben. Kann das gut gehen?
       
 (IMG) Bild: Einer der Großen des Monte Verità: Hermann Hesse.
       
       Offenbar soll niemand auf die Idee kommen, sich den Weg ins Himmlische
       leicht vorzustellen, unbeschwerlich. "Benvenuti in Paradiso", heißt es auf
       der ersten Seite des Leporellos, mit dem dieses Stück Überirdisches wirbt,
       "Willkommen im Paradies". Vom Postbusbahnhof ist es nicht zu sehen, auch
       von der Seeseite aus liegt es verdeckt. Der Hügel, der nun erklommen werden
       muss, sieht, alles in allem, auch nicht höher aus als gewöhnliche
       Erhebungen jenseits der Alpen. Wir sind im Tessin, das Städtchen heißt
       Ascona, dort campiert in diesen Tagen die deutsche
       Fußballnationalmannschaft, und der See heißt Lago Maggiore. Aber weder ist
       das Trainingslager als Paradies zu begreifen, noch geht es hier um Fußball,
       auch wenn es der Zufall will, dass dieser überirdische Flecken quasi
       oberhalb des Camps von Joachim Löw thront. Der meteorologisch fassbare
       Himmel ist jedenfalls fett verhangen, es könnte bald schütten, es hat gar
       keinen Anschein von Dolce Vita, und wie sich im Laufe von zwei Tagen
       erweisen wird, ist dies nicht falsch prophezeit. Im Gegenteil, im
       lauschigen Tessin kann und wird es regnen, wie man es sonst nur in
       Norddeutschland vermutet. Aber was solls. Paradies ist Paradies, da sollen
       durchnässte Klamotten und spontan abgekühltes Gemüt doch bitte nicht
       stören.
       
       Hoch über dieser Siedlung wird nun das Paradies liegen, und es kann doch
       nicht so schwer sein, es zu erreichen. Doch der Marsch hinauf, ungefähre
       viertausend Stufen hinter sich lassend, keinen Meter ohne ebenen Gang,
       dieser Aufstieg ist das Allerletzte. Paradies - es nimmt sich aus, als
       müsse ein Aufenthalt dort mit Mühen erkauft werden. Möglicherweise trägt zu
       dieser stark empfundenen Last des Aufstiegs bei, dass die Fußgängerzone vom
       Omnibusbahnhof, den man passiert, kommt man mit der Eisenbahn bis zur
       Endstation Locarno, mit Geschäften gepflastert ist, die auf einen gewissen
       Wohlstand ihrer Kundschaft setzen, Juwelen, Uhren, Porzellan, Kunst und
       Kunstgewerbe, Bäderzubehör und eine Buchhandlung. Fehlte nur noch ein
       Treppenliftgeschäft, das würde passen, denn die Menschen, die vor den
       Schaufenstern stehen bleiben, haben ihre erste Lebenshalbzeit doch sehr
       hinter sich. Insofern musste der Aufstieg enttäuschen. Steil führt er nach
       oben, empörend steil. Zwischendurch ein Stück Straße von vielleicht
       zweihundert Meter Länge, aber sie auch nicht plan, zur zweiten Treppe
       führend.
       
       Oben, endlich, verborgen hinter Gebüsch und Bäumen mit ziemlich hohen
       Kronen, das, was uns gepriesen ist. Der Monte Verità, der Berg der Wahrheit
       - Anfang des vorigen Jahrhunderts das Mekka der allerersten
       Alternativbewegung, das "Paradies", das andere Leben, das
       Experimentierfeld, die Teststrecke einer großen Erzählung vom Ausstieg aus
       allen Zwängen, aus bürgerlichen Korsetts und spießigen Traditionen. Es war,
       falls die Überlieferung nicht irgendwann noch etwas anderes behauptet, das
       erste Aussteigerprojekt der europäischen Moderne. Und dass es hier am
       südlichen Rand der italienischen Schweiz angesiedelt wurde, hat eben damit
       zu tun, so mutmaßt Andreas Schwab, der wichtigste Chronist dieses Hauses,
       dass damals das Tessin einerseits zwar eidgenössisch noch war, aber eben
       noch nicht Italien. Es fand sich in der sicheren Schweiz - und dieses
       Tessin hatte noch fast nichts vom Mondänen, das in den Fünfzigerjahren mit
       palmengeschmückten Orten wie Lugano, Bellinzona, Locarno oder eben Ascona
       fantasiert wurde. Dieser Teil, selbst aus Zürcher Sicht weit hinter den
       Alpen, war noch nicht befleckt von den Segnungen der Moderne. Dass Ascona
       keinen Bahnanschluss hatte, sprach in den Augen der Pioniere des Monte
       Verità für ihre Wahl, es war jedenfalls kein Hindernis. Es musste nur weit
       weg sein - ganz weit weg, kein weltstädtischer Bazillus sollte es
       verseuchen, kein bürgerlicher Schmutz es heimsuchen.
       
       Das alles wäre als Wissen im Übrigen längst versunken, hätte es nicht in
       den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts einen neuerlichen Anlauf
       gegeben, eine Welt zu kreieren, die sich als aus der Welt aussteigend
       verstand. "Macht kaputt, was euch kaputt macht", hieß es in jenen Jahren,
       aber das Credo war nicht neu, das erkannte niemand besser als der
       Kunstkurator und Documenta-Chef des Jahres 1972, Harald Szeemann. Ihm, dem
       1933 in Bern geborenen Schweizer, verdankt der Monte Verità eine gewisse
       Unsterblichkeit. Szeemann war es, der diesen Berg als Geburtsstätte der
       Alternativbewegung überhaupt erfand, er gab diesem Topos den nötigen
       erzählerischen Schwung, er konstruierte aus einem Haufen von Details ein,
       nun ja, Kunstwerk. Das präzise Datum einer Gründung dieser Siedlung auf dem
       Wahrheitsberg ließ sich nämlich gar nicht recht nennen, aber Szeemann nahm
       alle möglichen Zufälligkeiten zusammen und buk daraus einen Strang von
       Folgerichtigkeit. 1978 nannte er eine Ausstellung "Monte Verità". Es war
       ein perfekter Zeitpunkt. Das Jahr nach dem Deutschen Herbst, die Zeit, als
       Verena Stefans Frauenselbsterfahrungs- und -behauptungsbuch "Häutungen"
       erschienen war, als die kommunistischen Subkulturen abgewirtschaftet hatten
       und überall in der westlichen Welt Worte wie Selbsterfahrung,
       Ganzheitlichkeit und Utopie zu magischen Vokabeln wurden.
       
       Szeemann aber guckte sich die Sache genau an, ließ seine Assoziationen
       schweifen - und befand, eine Geschichte der alternativen Geschichte ließe
       sich nicht erzählen, hielte man sich unnötig mit Details auf, wer genau
       welche Baupläne zu realisieren in Auftrag gab. Der Kunsthistoriker nahm
       einfach zusammen, was offenkundig nicht getrennt wahrzunehmen ist. So schuf
       er die Legende vom Monte Verità. Die davon berichtet, dass sich der
       russische Anarchist Michail Bakunin 1869 in Locarno niederließ und von der
       herrschaftslosen Gesellschaft träumte; dass Lebensreformer um das Jahr 1900
       um Ascona herum eine Sonnenkuranstalt planten, vom dritten Weg zwischen
       Kapitalismus und Kommunismus träumten, dass von Kooperativen die Rede war,
       von Individualität, der Liebe zum Tier und zum Menschen, weshalb in der
       Tessiner Urbevölkerung rasch von den Gemüsemenschen die Rede war, von den
       Irren, die murmelnd an Wegen anzutreffen waren, betend, der Sonne entgegen.
       
       Szemann war ein kluger Mann, er wusste darum, dass ein Ort erst zum
       Fluchtpunkt von Träumen wird, wenn man ihm die Aura des Magnetischen
       verleiht: wohin alle Späne treiben. Der Monte Verità hatte ja auch allen
       anderen Bohemetreffpunkten gegenüber einen unschätzbaren Vorteil.
       Worpswede? Bei aller Liebe zu Modersohn, Modersohn-Becker, Rilke und
       Vogeler - aber das Teufelsmoor bei Bremen war doch die meiste Zeit des
       Jahres ein entsetzlich öder, triefend kalter Platz. Viel Nebel, jede Menge
       Nieselregen, keine Verbindungen zur weiten Welt. Oder Skagen? Die dänische
       Künstlerkolonie an der Spitze Jütlands litt während ihrer großen Zeit
       Anfang des vorigen Jahrhunderts immer unter den gleichen Nachteilen wie
       alle alternativen Kommunen nördlich der Alpen - zu weit weg von allem, was
       dann doch das bohemistische Leben ein wenig komfortabel macht, von
       Kopenhagen zum Beispiel mehr als eine Tagesreise auf meist sandigen Wege
       entfernt.
       
       Ascona, Locarno und Minusio, über ihnen eben der Monte Verità, lagen da
       viel, sehr viel näher. Zugverbindungen gab es dank des Gotthardtunnels von
       Zürich und München allenthalben; es war für die europäischen Bohemes
       andererseits ins Tessin keine Reise in die Nachbarschaft, doch es war nicht
       ganz aus der Welt. Die Riviera nicht fern, das Italienische quasi vor der
       Tür, das Klima hatte für alle, die aus kühleren Gegenden kamen, etwas
       Verführerisches.
       
       Und so sammelte Szeemann geistes- und kulturwissenschaftlich alles an
       Indizien, was seinem Herzen nahelag: ein Personen- und Sachverzeichnis der
       alternativen Prominenz jener Zeit. Alles, was damals Rang und Namen hatte,
       so legte der Kurator nahe, musste sich auf den Monte Verità und seine Magie
       beziehen; er fertigte für seine beim alternativen Publikum in Berlin,
       Frankfurt am Main und Hamburg sehr beliebten Ausstellungen eine
       Ahnenschaft. Denn wollte nicht auch die alternative Bewegung der jüngsten
       Zeit einen dritten Weg, eine Welt der Kooperationen, Sonnenduschen und den
       ganzheitlicheren Körper? War nicht auch sie ein Aufschrei gegen die
       Zumutungen der Moderne, gegen Lohnarbeit, überhaupt gegen Arbeit und das
       Elend des Lebens an sich? Auf dem Monte Verità ist dies alles fein erprobt
       worden, wenngleich Andreas Schwab, der Chronist dieses Milieus, zu bedenken
       gibt, dass Szeemann intellektuell alles zusammenrührte, was vielleicht
       nicht zusammenpasste. In Ascona, noch auf Seehöhe, zeigt er ein Lokal, in
       dem die Sünder des wahrhaftigen Lebens Platz nahmen. "Erich Mühsam", sagt
       er, "aß dort zu Abend, auch Fleisch." Tierisches als Nahrung aber war in
       den Hütten und Speisesälen des Monte Verità etwa so erlaubt wie eine
       Teufelsverehrung mitten im Vatikan.
       
       Es war ein Whos who der tonangebenden Geisteslandschaft in Wartestellung,
       was ins Tessin reiste. Nicht alle mochten sie auf dem Monte Verità Herberge
       nehmen, aber wer auf sich hielt, fuhr dorthin, nach Ascona, Locarno, oder
       wurde gleich, wie Hermann Hesse nur etwas weiter weg bei Lugano, in
       Montagnola sesshaft. Liest man all die Werke, Traktate, Hervorbringungen
       künstlerischer Art jener Jahre von Männern und Frauen, die zur Community
       des Monte Verità gezählt werden können, kommt ziemlich viel Weltschmerz,
       Weltenkummer und Weltuntergangslyrik zusammen. Eine Atmosphäre der
       Vergeblichkeit und zugleich des ästhetischen Protests gegen alle Moderne.
       
       Aber man schätzte die Schweiz eben nicht nur als Land, um der inneren
       Emigration so etwas wie geistiges Unterfutter einzunähen, sondern auch
       praktisch als Heimstatt des echten, des politischen Exils. Während des
       Ersten Weltkriegs wird Ascona einer der beliebtesten Zufluchtsorte. Bloß
       weg von der Kriegsmaschinerie, wer in die Schweiz floh, wollte mit
       soldatischen Körpern sich nicht gemein machen und keineswegs Kanonenfutter
       werden. Das machte die neutrale Schweiz ja überhaupt so attraktiv: Freisinn
       als Credo, gemäßigt neugierig, fern von weltanschaulicher Mission im
       Verständnis seiner Bürger. Wer seinen Aufenthalt bezahlen kann, wird
       bleiben können - und die Jüngerschar, die es ins Tessin zog, verfügte ja
       über die Mittel, sich das Extraweltliche trotzdem behaglich zu machen. Das
       Museumhaus, in dem die Ausstellung von Harald Szeemann konserviert ist und
       das dringend der Renovierung bedarf, wirkt auf den ersten Blick so schlicht
       und natürlich, wie es sich für ein Gebäude der alternativen Architektur
       gehört. Aus Holz die Fassade - aber in den Räumen bereits Zentralheizungen.
       Nein, die Boheme hing glühend dritten Wegen und natürlichen Lebensweisen an
       - aber bitte ohne Frieren und Zittern!
       
       Es war ein Wellnessniveau, das sich in den Niederungen des Tessin, bei der
       Urbevölkerung, nicht eben spiegelte. Dort heizte man mit Holz, wenn
       überhaupt. Und es war ja zugleich eine Differenz in den Lebensumständen,
       die durchaus zu erzielen beabsichtigt war. Man wollte in Ruhe gelassen
       werden, man suchte das Abgetrennte, doch eben, so Monte-Verità-Interpret
       Andreas Schwab, "um dabei beobachtet zu werden", auf dass es anderen zum
       Vorbild gereiche. Auch dies, kann angefügt werden, ist heftig verwandt mit
       unseren Alternativen der Siebziger- und Achtzigerjahre. Deren Ausruf
       lautete ja, falls man die Jahre des ökoalternativen Neuaufbruchs so fassen
       darf: "Wir sind anders, wir wollen nicht sein wie ihr - nehmt euch uns als
       Vorbild."
       
       Viele wollten es damals nicht. Was aus Zeitungsschnipseln sich erschließt,
       ist vor allem dies: Die Tessiner nahmen die Pilgerer auf den Spuren ihrer
       neuen Welten keineswegs klaglos hin, sprachen von "Irren" und "Wirren",
       aber, nun ja, die Schweiz ist eben die Schweiz, man übergeht sich im
       Ungefähren. Eiferer, die die Bauten auf dem Monte Verità hätten planieren
       wollen, gab es keine. Warum auch? Historische Fotos in der
       Erinnerungsstätte zeigen ein Ascona, das eher weltverloren wirkte, die
       sträucher- und gestrüppgarnierten Hügel bar jeden menschlichen Eingriffs.
       
       Die Boheme, sie brachte eben auch diesen Flecken Schweiz auf die
       Wahrnehmungswandermappe der frühen alternativen Kreise - und mit der Zeit
       eben auch Geld. Und trotzdem verhielt man sich kopfschüttelnd,
       desinteressiert oder pragmatisch. Irgendwann gehörte der Monte Verità zu
       Ascona wie eine Mütze zum Kopf. Es wärmte das Selbstbewusstsein der
       kommunalen Räte sehr, nicht mehr im letzten Winkel zu leben, sondern,
       wenigstens irgendwie, am Puls der Zeit.
       
       Auf der anderen Seite hatte man mit den Phantasmen der Gäste nichts zu
       schaffen. Mit den spökenkiekerischen Obsessionen der Künstler, die dort
       Quartier nahmen. Die sich mit Genuss unter Sonnenduschen stellten, die
       immer noch zu sehen sind, freilich verrostet. Ein mächtiges Ölbild hängt im
       Museum, das den ganzen Grusel, der auf dem Wahrheitshügel kultiviert wurde,
       vielleicht am stärksten einfängt. Zu sehen sind ein Mann und eine Frau
       unter einem Baum; an ihrer rechten Seite sieht man eine giftige, schmutzige
       Stadt; links von ihnen, gemalt in einem Lichtkegel, äsen drei Rehe, ein
       Urbild der natürlichen Familie. Der Horror sei die Stadt, aus der ein
       jeder, der rechtschaffen ist, sich nur kontaminiert retten kann. Hinter dem
       Adam-und-Eva-Paar steht ein Sensenmann, eine Todeswarnung, die wahr würde,
       fänden sie durch allerlei Sündenangebote hindurch nicht zum Pfad der Tugend
       zurück. Davon abgesehen, dass sich gerade dieses Gemälde wie eine Karikatur
       grünalternativen Naturglaubens ausnimmt, ist ihm auch der Kinderglaube an
       die Unschuld, ja Körperlosigkeit der eigenen Eltern eingeschrieben - ein
       heterosexueller Propagandaschinken, dessen Nähe zu
       Blut-und-Boden-Gemütshaltungen verblüfft. Geht man aber den Monte Verità
       noch ein paar Treppen höher, kommt man an ein Haus, das nur selten geöffnet
       ist. Es nennt sich Elisarium und muss ein Schrein genannt werden, ein Haus,
       in dem alle Exponate mählich zu verstauben oder gar zu verschimmeln drohen.
       Kein Geld ist vorhanden, um es zu bewahren. Man sieht eine Art
       übermannshohes Panoramabild, gemalt von Elisar von Kupffer - mit immer
       gleichem Motiv, eben vorgeschlechtsreifen Knaben in einer Welt, frei von
       Verhüllung und Soldatentum, unschuldig ihr Gestus, bar allen sexuellen
       Interesses. Auch dies war der Monte Verità, ein "Sanatorium der Sehnsucht",
       wie Andreas Schwab ihn nennt, für alle Ideen und Fantasien, die mit den
       damals geltenden bürgerlichen Standards von Sitte und Anstand nicht im
       Einklang waren.
       
       Ob diese Schätze, in welchem Teil des Monte Verità auch immer sie noch
       geborgen sind, im Museum vor allem, je wieder glänzen können, steht
       freilich dahin. Der Mann, der für die Zukunft des Konferenzortes angeheuert
       wurde, heißt Claudio Rossetti und wirkt wie der freundlichste Mann, aber
       nicht wie ein Manager. Aber als solcher hat er schon eine Menge geleistet
       für diesen Laufsteg der antibürgerlichen Boheme des frühen vorigen
       Jahrhunderts. Das Hotel ist renoviert, das Haupthaus mit einem
       Konferenzsaal ausgestattet, ohne dass es die späte Bauhausform verloren
       hätte. Er hat Wege anlegen lassen und sucht immer noch nach drei Millionen
       Franken, um das Museum und noch andere Teile des Ensembles aufpolieren zu
       lassen. Er sagt: "Ohne ganz normalen Konferenzbetrieb wird aus dieser
       Anlage nichts mehr, wir müssen einfach akquirieren als gewöhnlicher
       Tagungsbetrieb." Um die Magie des Monte Verità - wäre es dann um sie nicht
       geschehen? Rossetti lächelt und kommt mit einem schlagenden Argument, dem
       wichtigsten: "Die Magie muss sich auch in rentablen Zahlen ausdrücken."
       
       Womit er ja recht hat. Die alternativen Zirkel wissen ja längst nicht mehr
       automatisch vom Monte Verità, sie gehen ins Engadin Ski fahren, nach
       Salecina, eine linksradikal inspirierte Herbergsgründung, prominent
       geworden in den Siebzigerjahren. Oder gleich nach Davos, zu den
       alternativen Veranstaltungen des Weltwirtschaftsforums - die Schweiz hat ja
       immer neue Orte, um Sehnsucht nach dem Besinnlichen zu kanalisieren. Die
       alternativen Menschen von heute wollen es wie ihre Ahnen ja nicht unbequem
       haben. Insofern ist der Monte Verità nicht die allerbeste Adresse. Man muss
       eben in Locarno aussteigen, mit dem Omnibus nach Ascona und dann zu Fuß
       sehr hoch nach oben.
       
       Schließlich fehlt diesem historischen Platz so etwas wie eine Eigenheit:
       Ascona ist längst kein Fischer- und Bauernörtchen mehr, mit edlen Wilden
       als Einwohnern, sondern eine touristisch kalkulierende Gemeinde, die schon
       in den Fünfzigerjahren still dafür Sorge trug, dass sich in diesem Teil des
       Tessins nur das gediegene Publikum ansiedelt, keine Menschen mit Spleens
       oder Ticks, Irre oder Wirre. Kein Wunder, dass Opel Ascona, erstes Baujahr:
       1970, eine Automarke war, die niemand fuhr, der für cool gehalten werden
       wollte. Für den musikalisch entscheidenden Fortschritt hält man in Ascona
       bereits, dass sommers ein Jazzfestival gegeben wird - natürlich nicht so
       bedeutend wie das in Montreux. Nun, das auch auf keinen Fall: Man lässt
       Dixieland spielen, eine Stilart, die direkt aus den wirtschaftswunderlichen
       Fünfzigern importiert wurde. Ein Festival als Statement gegen alle
       Versuchungen. Nein, Ascona will solide und bieder bleiben - und das ist für
       den Monte Verità in gewisser Hinsicht der vorweggenommene endgültige Tod.
       
       So kann nämlich aus einer Renaissance des wichtigsten Treffpunkts der
       ersten Ökos und Weltverbesserer überhaupt nie mehr was werden. Da müssen
       sich selbst die Versuche des Claudio Rossetti, auf seinem Berg eine
       Kultstätte des Grünen Tees zu etablieren, wie längst verlorene Liebesmüh
       ausnehmen.
       
       Gleichwohl: Prominenz aus heutiger Zeit war ja schon da, das lässt sich
       nicht leugnen. Der Vizeaußenminister von Afghanistan, Rigoberta Menchú,
       Friedensnobelpreisträgerin von 1992, sogar Bill Clinton soll kurz überlegt
       haben, dort eine Friedenszeremonie zu begleiten: kein schlechtes
       alternatives VIP-Portfolio, um in der der "Da musst du gewesen sein"-Liga
       ganz oben gelistet zu werden. Doch möglicherweise können Rossettis Pläne
       zur Verwandlung in einen Konferenz- und Seminarplatz unter vielen anderen
       gelingen - der Monte Verità könnte damit werben, mal etwas sehr Besonderes
       gewesen zu sein.
       
       Doch dieses Refugium hat immer davon gelebt, dass man nicht Krethi und
       Plethi Einlass gewährte. Man hielt doch auf Eingeweihtheit und Distanz zum
       gemeinen Volk. Insofern vertragen sich Projekte wie die Rossettis nicht gut
       mit allen Wünschen, dass der Monte Verità seine anekdotenreiche Historie um
       aktuelle Geschehnisse bereichern könnte. Doch was bleibt diesem Ort übrig?
       Es könnte doch auch sein, dass die Schweiz als Lieblingsexil von
       Flüchtlingen aus allen Lebenslagen, aus Krieg und Hunger, nicht mehr diesen
       Rang hat. Dass sich der ideologische Mehrwert, den das wilde Tessin und
       sein Monte Verità versprach, längst verflüssigt hat. Weil nämlich
       inzwischen alle Welt auf Ganzheitlichkeit, Utopie und Grenzenlosigkeit des
       Selbst hält, weil das Lebensreformprojekt oberhalb von Ascona nie etwas
       anderes war als Wellness mit geistigem Anspruch und der Attitüde von
       Weltbeglückung. Dieser ganze übernervöse Kram, der einst Monte Verità zum
       Paradies für Aussteiger bürgerlichsten Zuschnitts machte, ist doch lange
       schon Teil des modern bürgerlichen Lebensentwurfs schlechthin. Montessori,
       Antiautorität, Demeter, alle Arten von asiatisch anmutender
       Körperertüchtigung wie Tai-Chi bis zu Meditation, auch der Ausdruckstanz
       als Antwort auf großbürgerlichen Walzer und adliges Schreiten nach einem
       Menuett - eingeebnet ins große Ganze der modernen Lebensformen. Vegetarisch
       zu essen ist auch längst üblich geworden und allenfalls noch ein fahles
       Zeichen von Gesundheitsbewusstsein.
       
       Geblieben ist - was für eine Leistung! - das Bewusstsein derer, die Harald
       Szeemann dem europäischen Gesamtprojekt namens Monte Verità zuschlug. Diese
       hysterische Sorge um die ganze Welt, diese Verachtung für alles, was die
       Moderne hervorgebracht hat und die Inanspruchnahme aller Nützlichkeiten,
       die die ansonsten geschmähte Welt so bereithält: Man fliegt als
       Globalisierungsgegner ja recht gern um den Globus, um sich um die Natur zu
       sorgen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts fuhr man gern ins Tessin, um
       dort die Welt zu geißeln. Der Monte Verità zeigt, dass eine solche Boheme
       vor allem dies hinterlässt: viel Staub, um den bei feuchten Wetterlagen
       jede Menge Mücken kreisen.
       
       12 Jun 2008
       
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