# taz.de -- Übers Altern im Nationaltrikot: Die Zähne der Zeit
       
       > Titelverteidiger trennen sich meistens allzu spät von den lebenden
       > Legenden in ihren Reihen. Aus "großen alten Männern" wird früher oder
       > später der erlahmende Ballast eines Teams.
       
 (IMG) Bild: Frankreichs Nationalelf: Im Durchschnitt zu alt für den Titelgewinn.
       
       Der Mensch neigt zum Status quo. Das gilt nicht nur für Anhänger eines
       plumpen Boogie-Rocks, der einer gleichnamigen Altherrencombo bis heute eine
       recht auskömmliche Existenz sichert. Das gilt auch für Fußballtrainer,
       vornehmlich für die von Nationalteams.
       
       Das Handlungsmuster ist immer dasselbe. Eine Mannschaft gewinnt einen
       Titel, die Protagonisten des Marschs zur Meisterschaft werden zu nationalen
       Denkmälern. Und die sind bekanntlich nur schwer wieder zu stürzen.
       
       Das mag beim Straßenbau ein umgehbares Problem sein, im Sport ist es fatal:
       Hier bedeutet Stillstand tatsächlich Rückschritt. Und die Erklärung ist
       denkbar simpel: Die Zeit mag, wie Mick Jagger singt, auf seiner Seite sein,
       aber sie ist definitiv nicht auf der von Fußballprofis. Auch Denkmäler,
       lebende zudem, werden älter.
       
       Das beweist ein Blick in die Geschichte von Europa- und
       Weltmeisterschaften. Die Schlüsselspieler der dort erfolgreichen Teams
       haben so gut wie immer ein Alter zwischen 25 und 30 Jahren: Alt genug, um
       bereits Erfahrung auf höchstem Niveau gesammelt zu haben, aber auch jung
       genug, um das dort vorgegebene Tempo ein Wochen dauerndes Turnier mitgehen
       zu können.
       
       Doch zwei Jahre später beim nächsten großen Turnier, erst recht vier Jahre
       später, wenn es darum geht, den Titel zu verteidigen, sind viele
       Mannschaften schon zu alt geworden. Die Denkmäler bröckeln, aber sie wollen
       nicht weichen. Das Diktat der Besitzstandswahrung, ein durch und durch
       menschlicher Zug, verhindert nach einem Titelgewinn meist den Umbau. Die
       Folge: Kein einziger Europameister hat seinen Titel bislang verteidigen
       können, und seit den Brasilianern von 1958 und 1962 ist das auch keiner
       Weltmeistermannschaft mehr gelungen.
       
       In den letzten fünf Jahrzehnten hat nur eine Mannschaft, deren tragender
       Kern im Schnitt über 30 war, einen großen Titel gewonnen: Die deutschen
       Europameister von 1996 waren eigentlich zu alt. Allerdings waren neben
       Köpke (34), Klinsmann (31), Eilts (31) und Helmer (31) wenigstens Antreiber
       Sammer (28) und Bierhoff (28), der Mann für die Tore, in einem idealen
       Alter. Zwei Jahre später, bei der WM in den USA, waren Helmer und Eilts
       zwar zurückgetreten, aber ausgerechnet die zentrale Figur Sammer durch den
       damals schon 37-jährigen, in die Nationalmannschaft zurückgekehrten
       Matthäus ersetzt worden. Das Ergebnis ist bekannt: Wenig überzeugende
       Auftritte und ein 0:3 im Viertelfinale gegen Kroatien.
       
       Ein Schicksal, das nun auch bei dieser EM die amtierenden Titelträger zu
       ereilen droht. Der Titelträger lief im ersten Spiel mit sieben amtierenden
       Europameistern auf, Rehhagels Startelf hatte, trotz einiger
       zurückgetretener Nationalhelden, ein Durchschnittsalter von 29,5 Jahren.
       
       Nicht vielversprechender sieht es bei den Italienern aus. Deren
       Leistungsträger beim WM-Gewinn in Deutschland vor zwei Jahren sind nun über
       oder zumindest an die magische 30 herangerückt: Buffon (30), Zambrotta
       (31), Gattuso (30), Pirlo (29), Toni (31). Und selbst die Zwangsverjüngung
       der Squadra Azzurra, die Chiellini (23) einzuleiten versuchte, indem er
       Kapitän und Kopf Cannavaro im Training krankenhausreif trat, war nicht
       wirklich erfolgreich: Cannavaro (34) wurde durch Materazzi (34) ersetzt.
       
       Aber hätte Roberto Donadoni, als er die Azzurri nach der WM 2006 übernahm,
       die Leistungsträger dieser Mannschaft aussortieren sollen? Wie hätte wohl
       die zur Hysterie neigende italienische Presse reagiert? Die den Fußball wie
       eine Religion verehrende Öffentlichkeit? Wer hätte Donadoni glauben sollen,
       dass die Helden von Berlin so schnell zu alt geworden waren?
       
       Doch die Zahlen lügen nicht. Natürlich: Niemand wird zwangsläufig
       Europameister, nur weil er eine U-30-Auswahl aufbietet. Aber es ist eine,
       so sagt die Statistik, unabdingbare Voraussetzung: Diese Gesetzmäßigkeit
       zieht sich durch von den westdeutschen Siegern von 1972 (Beckenbauer, 26,
       Maier, 28, Müller, 26, Netzer, 27, Schwarzenbeck, 24, Heynckes, 27) und
       1980 (Rummenigge, 24, Hrubesch, 29, Briegel, 24, Schumacher, 26, und einem
       unverschämt jungen Schuster, 20) über die Franzosen 1984 (Platini, 29,
       Battiston, 27, Tigana, 29, Bossis, 29, und ein allerdings schon 31-jähriger
       Giresse) und 2000 (Zidane, 28, Thuram, 28, Vieira, 24, Henry, 22), bis zu
       den Niederländern 1988 (Koeman, 26, Wouters, 28, Rijkaard, 25, Gullit, 25,
       van Basten, 23). Selbst die dänischen Urlaubs-Europameister von 1992 passen
       ins Schema (Schmeichel, 29, Povlsen, 25, Vilfort, 29, Laudrup, 23, Jensen,
       27).
       
       Wer wird also Europameister? Schwierig zu sagen. Die Zahlen verraten
       höchstens, wer zu reif ist, um infrage zu kommen für den Titel: nämlich
       Frankreich mit einem Trainer, der auf die alte Garde (Coupet, 35, Gallas,
       30, Thuram, 36, Sagnol, 31, Henry, 30) setzt, aber das neue Blut entweder
       auf der falschen Seite einsetzt (Ribery, 25) oder nur auf öffentlichen
       Druck bringen mag (Benzema, 21).
       
       Auch die Holländer sind wohl in einigen Schlüsselpositionen zu alt (van der
       Saar, 37, van Bronckhorst, 33, van Nistelrooy, 31), ebenso wie die
       Tschechen (Koller, 35, Galasek, 35, Ujfalusi, 30) und der selbsternannte
       Geheimfavorit Kroatien in der Defensive (Niko Kovac, 36, Robert Kovac, 34,
       Simunic, 30). Im idealen Alter dagegen die Spanier (Casillas, 27, Xavi, 26,
       Torres, 24, Villa, 26, Iniesta, 24, Fabregas, 21), mit Abstrichen die
       Portugiesen (Ronaldo, 23, Pepe, 25, Petit, 31, Deco, 30, Carvalho, 30,
       Nani, 21).
       
       Und die deutsche Mannschaft? In der klafft ein Loch zwischen schon zu alten
       Spielern (Ballack, 31, Frings, 31, Klose, 30) und noch zu jungen (Lahm, 24,
       Mertesacker, 23, Podolski, 23, Gomez, 22). Aber zumindest statistisch
       gesehen ergibt das ja wieder einen ganz erfolgversprechenden Mittelwert.
       Und zur Siegesfeier lädt der DFB dann, aus rein retrospektiven Gründen
       natürlich, Udo Jürgens (73) ein.
       
       12 Jun 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Winkler
       
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