# taz.de -- taz-Serie "Wohnen im Welterbe" (Teil 2): Überalterte Oase im sozialen Brennpunkt
       
       > Die Siedlung Schillerpark hat sich vom Wedding abgekapselt - daran dürfte
       > auch die Unesco nichts ändern
       
 (IMG) Bild: Die Hufeisensiedlung
       
       Es ist so still, dass es unglaubwürdig wirkt. Nur 200 Meter entfernt
       peinigt das Stimmengewirr auf der Seestraße die Ohren, trübt Verkehrslärm
       die Sinne. Aber hier hat die Großstadt keinen Zutritt. In dem von
       Häuserzeilen eingerahmten Innenareal zupfen zwei Gärtner Unkraut, ein
       Spielplatz liegt verwaist, die Parkbänke sind sauber, aber ungenutzt. Die
       Siedlung Schillerpark gehört offiziell zum Wedding. Von den sozialen
       Herausforderungen des Problembezirks aber hat sie sich abgekoppelt - sie
       ist eine Oase.
       
       Aus heutiger Sicht mag die behütete Lage langweilig erscheinen. Kneipen,
       Cafés und Einkaufsmöglichkeiten - Fehlanzeige. Vor 80 Jahren aber war genau
       das gewollt, erklärt die Stadtsoziologin Christine Hannemann. "Ziel des
       Konzepts war ja im Prinzip eine Abkehr von der übernutzten Stadt der
       Kaiserzeit - im Fokus stand das Wohnen." Was nun als Leitmotiv im Städtebau
       gilt, Durchmischung und kleinteiliger Funktionsmix, war damals negativ
       besetzt: Wirtschaft, Arbeit und Einkaufen bedeuteten Lärm und Gestank.
       
       Mit der von 1924 bis 1930 gebauten Schillerpark-Siedlung erprobten der
       Architekt Bruno Taut und die Genossenschaft "Berliner Spar- und Bauverein"
       erstmals das Modell einer modernen städtischen Wohnanlage mit dem
       Fördersystem der Hauszinssteuer. Taut zog Blockrandbauten entlang der
       Bristol-, Oxforder und Corker Straße hoch, innen legte er großzügige
       Wohnhöfe an. Die Balkone öffnen sich nach draußen, mehrere Zugänge zu den
       Innenhöfen lockern das Ensemble auf. Die massiven Ziegelsteinbauten mit
       ihren Flachdächern erinnern stark an die moderne Architektur Hollands.
       
       Die Wohnungen selbst, knapp 600 sind im Lauf der Zeit entstanden, haben
       allesamt Bäder und Balkone oder Loggien. Selbst die
       Eineinhalb-Zimmer-Apartments sind mindestens 40 Quadratmeter groß, für die
       Zeit eine stattliche Größe. Die Siedlung bekam ein gemeinschaftliches
       Waschhaus und einen Kindergarten. Sie war perfekt für die arbeitende und
       gutbürgerliche Familie, die mit wenig Geld erstmals angenehm wohnen wollte.
       
       Von diesem Aufbruchsgeist ist heute nichts mehr zu spüren. "Das ist hier
       ganz klar überaltert", sagt Herbert Löffelmeyer. Der Pfarrer der
       benachbarten Kirche St. Aloysius hat den Vergleich: Er ist auch für St.
       Joseph in der Müllerstraße, ganz im Herzen des Weddings, verantwortlich.
       Dort füllen junge Familien dutzender Nationalitäten das Gemeindeleben, im
       Pfarrheim am Schillerpark kredenzt nachmittags der Seniorentreff.
       
       Die Turbulenzen aus dem Kiez auf der anderen Seite des Schillerparks
       schwappen höchstens am Wochenende herüber. Wenn Jugendliche abends im
       Grünstreifen feiern, verirre sich schon mal der eine oder andere in die
       potenzielle Welterbe-Siedlung, sagt Löffelmeyer. An der Tagesordnung sei
       das nicht.
       
       Der katholische Seelsorger bedauert, dass das Quartier allein durch die
       Zuordnung zum problembehafteten Bezirk Wedding für viele indiskutabel ist.
       Die kämen gar nicht erst auf die Idee, hier nach einer Wohnung zu suchen -
       dadurch gehen wertvolle Impulse verloren. Dabei ist das Ensemble
       hervorragend gepflegt, "fast verträumt", wie der Pfarrer sagt. "Wir haben
       den Park vor der Haustür, oben gleich die Kleingärten, es ist ruhig und im
       Prinzip eine Toplage."
       
       Nahezu die Hälfte der Bewohner seien älter als 60 Jahre, bestätigt Sylvia
       Walleczek von der Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 (bbwo).
       "Es ist nicht gutbürgerlich, aber bestimmt auch nicht multikulti", sagt
       sie. Ein Migrantenanteil von 30 Prozent, wie im eigentlichen Wedding, wird
       in der Siedlung nicht erreicht. Tatsächlich wahrt schon das
       Genossenschaftsmodell den sozialen Standard: Wer einziehen will, muss sich
       zunächst einkaufen. Für eine Dreizimmerwohnung werden zum Beispiel 2.400
       Euro fällig. Laut Genossenschaft wohnen im Schillerpark auch
       Hartz-IV-Empfänger, ihr Anteil ist aber überschaubar. Für Migranten scheint
       das System ebenfalls nicht attraktiv - auch in anderen Vierteln halte sich
       der Zuwandereranteil in Grenzen, sagt die Genossenschafts-Sprecherin.
       
       Bei der demografischen Struktur sieht sie jedoch eine Trendwende. "Gerade
       die Taut-Wohnungen sind auch von jungen Familien nachgefragt." In Kürze
       solle ein Kindergarten eröffnet werden. Und unlängst habe ein Mediator
       zwischen älteren Bewohnern und Familien vermitteln müssen, weil sich einige
       über Fußball spielende Kinder im begrünten Innenraum ärgerten. "Kinder gibt
       es da also schon", so Walleczek.
       
       Die bis heute eigenständige bbwo ist an der "Initiative Welterbe"
       beteiligt, die den Antrag des Landes Berlin mit einer Internet-Plattform
       unterstützt (siehe Kasten). Im Kiez selbst gibt es bislang kaum Anzeichen
       auf die bevorstehende Entscheidung. Ein einziges Plakat hängt windschief an
       der zur Barfusstraße gewandten Häuserzeile. "Bei uns ist das kein Thema",
       sagt Pfarrer Löffelmeyer. Er kann sich nicht vorstellen, dass eine Aufnahme
       ins Welterbe das Mit- oder Nebeneinander der Menschen in seiner Gemeinde
       beeinflussen würde.
       
       Ob der besondere Schutz der Unesco auf den gesamten Problembezirk
       ausstrahlen würde, ist generell fraglich. "Wenn der Wedding eine
       Schlagzeile mit positivem Image erhält, könnte das für die
       kulturinteressierte Mittelschicht schon interessant werden", sagt die
       Stadtsoziologin Hannemann. Es wäre ihrer Ansicht nach auf jeden Fall gut
       für den Bezirk, über den es im aktuellen Monitoring zur sozialen
       Stadtentwicklung heißt: "Wedding hat Kreuzberg als Gebiet mit der höchsten
       Problemdichte abgelöst." Vielleicht wirke dank neuer Aufmerksamkeit ja der
       "Exoten-Effekt", überlegt Hannemann: "Manche denken sich womöglich, das
       kann man sich einmal anschauen."
       
       Bis zu einem Umzug ins Schillerpark-Ensemble wäre das immer noch ein weiter
       Weg, bis zu einer Imageverbesserung des gesamten Bezirks ein noch weiterer.
       Mieterhöhungen und neue Bevölkerungsstrukturen dürften auch mit
       Welterbe-Stempel bis auf weiteres ausbleiben. "Wenn etwas an einer Stelle
       glänzt, sagt das noch nichts über die Kehrseite", sagt Hannemann.
       
       Entscheidender für eine langfristige Aufwertung der Gegend seien ohnehin
       das Angebot an Schulen und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr -
       und da ist im Wedding keine Besserung in Sicht.
       
       23 Jun 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kristina Pezzei
       
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