# taz.de -- Werbung für das neue Weltkulturereb: "Berlin sollte seine moderne Architektur mehr betonen"
       
       > Der Unesco-Status für sechs Berliner Siedlungen kann helfen, in
       > Deutschland mehr Bewusstsein für die Bauten des 20. Jahrhunderts zu
       > schaffen, sagt Annemarie Jaeggi, Direktorin des Bauhaus-Archivs.
       
 (IMG) Bild: Die Hufeisensiedlung
       
       taz: Frau Jaeggi, die sechs Berliner Reformsiedlungen haben es geschafft,
       sie genießen seit Montagabend den Schutz der Unesco. Freuen Sie sich? 
       
       Annemarie Jaeggi: Ich freue mich sehr! Es ist ein langer Weg bis zur
       Anerkennung des Welterbe-Status, und mit den sechs Siedlungen der
       1920er-Jahre kann das Bewusstsein für die Moderne gestärkt werden. Sie
       ergänzen die modernen Welterbestätten des Bauhauses in Weimar und Dessau,
       die Völklinger Hütte und die Zeche Zollverein.
       
       Sie haben im Bauhaus-Archiv im Herbst die Reformsiedlungen vorgestellt. Was
       haben die Ensembles eigentlich mit dem Bauhaus zu tun? 
       
       Die Architekten Bruno Taut und Walter Gropius kannten sich schon vor dem
       Ersten Weltkrieg. Sie waren beide Mitglieder der Architektenvereinigung
       "Ring". Aber mit dem Bauhaus haben die Siedlungen der Moderne streng
       genommen nicht viel zu tun. Zwar hat Gropius an der Siemensstadt mitgewirkt
       - aber als Privatarchitekt.
       
       Warum dann die Schau im Bauhaus-Archiv? 
       
       Die überwiegende Zahl unserer Besucher kommt aus dem Ausland. Wir
       beobachten, dass seit einigen Jahren auch immer mehr ausländische
       Schulklassen in unser Museum kommen. Das hat - ohne Werbung - enorm
       zugenommen. Außerhalb Deutschlands haben die Phänomene der Moderne einen
       ganz anderen Stellenwert. Wir fanden also, das reiche Erbe des sozialen
       Wohnungsbaus soll gezeigt werden - und wussten, dass wir bei unserem
       Publikum auf Interesse stoßen. Es sind in Berlin ja nicht nur die sechs
       Siedlungen. Die Stadt ist voll davon: Wir haben einen Gürtel des sozialen
       Wohnungsbaus mit höchster Qualität.
       
       Für den sich die meisten Einheimischen aber anscheinend wenig
       interessieren, genauso wie für die Bauhaus-Architekturschule. Woran liegts? 
       
       In Deutschland gehört Bauhaus oft nicht zum Lehrplan der Schulen. Das
       heißt, viele Schüler bekommen davon nichts mit. Ich würde nicht von einer
       generellen Abkehr sprechen, aber die Verwechslung mit der gleichnamigen
       Baumarkt-Kette ist erschreckend hoch. Wir erhalten immer wieder
       fehlgeleitete Post und Anrufe zum Sortiment! Der Name Bauhaus wird mehr
       damit verbunden als mit der Dessauer Kunstrichtung. Das kann schon
       befremden; manchmal fühlt man sich nachgerade als Dogmatiker. Dazu kommt,
       dass viele Bauhaus als Stil sehen - und nicht mehr als das, was es war:
       eine Avantgarde-Schule, die mit großem Sendungsbewusstsein die Welt
       modernisieren wollte.
       
       Wie erklärt sich die Auswahl für den Welterbe-Vorschlag, in der etwa die
       berühmte Onkel-Tom-Siedlung in Zehlendorf nicht berücksichtigt ist? 
       
       Man muss bedenken, dass die Auswahl bereits vor zehn Jahren getroffen
       wurde. Damals hat man einiges noch anders gesehen als heute, aber man kann
       einen Antrag nicht nachbessern. Er hätte zurückgezogen und gänzlich neu
       eingereicht werden müssen - das hätte Berlin um Jahre zurückgeworfen. Bei
       den Onkel-Tom-Häusern gibt es das Problem, dass durch zahlreiche
       individuelle Veränderungen kein einheitliches Erscheinungsbild mehr da ist.
       
       Hilft gegen solche Entwicklungen bei den Welterbe-Siedlungen nun der neue
       Status? 
       
       Der Welterbe-Status der Unesco ist in allererster Linie eine moralische
       Autorität. Er bringt kein Geld - im Gegenteil, die zuständige Regierung
       verpflichtet sich, Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen eigenständig zu
       finanzieren und regelmäßig über den Zustand ihrer Welterbestätten zu
       berichten. Das ist meines Erachtens gerade bei den Siedlungen der
       1920er-Jahre ein wichtiger Aspekt, denn hier ist der Veränderungsdruck in
       den letzten Jahren sehr stark gestiegen.
       
       Was muss jetzt in Berlin passieren? 
       
       Die Unesco wird stärker wahrgenommen, als wir denken. Berlin sollte sein
       Potenzial moderner Architektur und Stadtkultur stärker in den Vordergrund
       stellen - die Unesco-Siedlungen werden diesen Prozess beflügeln. Es gilt,
       auf die Qualitäten dieses Erbes aufmerksam zu machen, auch bei den
       Bewohnern. Touristen fragen bei uns schon seit Jahren nach den Bauten der
       Moderne und den Siedlungen. Am Bauhaus-Archiv sind wir diesem Interesse mit
       der Herstellung eines Stadtplans entgegengekommen, in dem insgesamt 79
       Bauten der Moderne vorgestellt und verzeichnet sind.
       
       Es wird neue Angebote für Besucher brauchen. Bisher kommen die ja kaum in
       die entlegenen Gegenden, in denen die Siedlungen stehen. 
       
       Absolut. Ein touristisches Konzept ist vonnöten: Touren, Spaziergänge und
       Werbematerial in verschiedenen Sprachen und so weiter. Die Eigentümer der
       Siedlungen haben bereits eine Initiativgruppe gebildet und wollen vor Ort
       Informationszentren einrichten. In der Wohnstadt Carl Legien und der
       Hufeisensiedlung gibt es schon Musterwohnungen, die man besichtigen kann.
       Die Unterstützer des Unesco-Antrags stehen in den Startlöchern. Wir wollen
       klarmachen: Die Architekten von damals, die haben die Stadttypen der
       Moderne geschaffen.
       
       9 Jul 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kristina Pezzei
       
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