# taz.de -- Teenager als Eltern auf Probe: Wenn Kinder Kinder haben
       
       > Sie sind so groß und schwer wie echte Babys, weinen viel und schlafen
       > wenig. Bei dem Projekt "Elternprobe" erleben Teenager, wie es ist, Mutter
       > zu sein.
       
 (IMG) Bild: Echt stressig: ein Babysimulator.
       
       Denise-Verena Ladewig ist ein bisschen ungeduldig. Sie hat fünf Puppen aus
       Pappkartons gehoben, hat sie auf die fünf Babydecken auf dem Tisch gelegt,
       fünf Babytäschchen mit Flasche, Windel und Strampler daneben gestellt. Und
       jetzt wartet sie. Auf fünf Mädchen, die sich für das Projekt "Deine
       Elternprobe" angemeldet haben. Frau Ladewig leitet diesen Kurs. Es ist
       Freitagmittag in Kyritz, nordöstliches Brandenburg. Ein ganzes Wochenende
       lang, bis Montagmorgen, sollen die Mädchen Mütter sein.
       
       Auch Roswitha Schreiber wartet. Sie ist eine von zwei Sozialarbeiterinnen
       an der Kyritzer Carl-Diercke-Oberschule, sie hat das Projekt mit
       Denise-Verena Ladewig vereinbart. Es ist schon einiges über die verabredete
       Zeit, aber es sind erst zwei Mädchen da. Die Sozialarbeiterin atmet tief
       durch.
       
       Schreiber und Ladewig hatten gehofft, dass alle fünf Mädchen kommen. Gerade
       erst, zum Schuljahresende, hat eine 16-Jährige aus der Diercke-Schule ein
       Baby bekommen. Die Schwangerschaft und die Geburt sind Gesprächsstoff in
       der kleinen Stadt. Eine Mutter, die noch zur Schule geht, ist nicht
       unbedingt üblich hier. Aber das ändert sich. "Teenagerschwangerschaften
       nehmen zu", sagt Denise-Verena Ladewig. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie
       ist Still- und Laktationsberaterin, wohnt auch in Kyritz und kennt im
       Landkreis viele Mädchen und Frauen, vor allem jene, die schwanger geworden
       sind. "Viele Mädchen heute nehmen alles so leicht. Aber ein Baby ist kein
       Spielzeug", sagt sie.
       
       Deshalb ist sie hier, mit ihrem Elternprobe-Projekt. Seit einigen Monaten
       zieht sie damit durch die Schulen und in soziale Einrichtungen in der
       Region, sie will, dass Mädchen und Jungen körperlich spüren, wie es ist,
       ein Baby zu haben. Dafür hat sie die Puppen mitgebracht, jede so groß und
       so schwer wie ein Neugeborenes: 50 Zentimeter und 3.200 Gramm. Gleich wird
       Denise-Verena Ladewig über einen Minicomputer die Puppen zum Leben
       erwecken, die werden dann atmen, glucksen, weinen und schreien wie richtige
       Babys. Das Computerprogramm legt fest, ob sie schläfrig oder unruhig,
       hungrig oder satt sind.
       
       Zum Kurs gekommen sind heute Patricia Moring und Annika Zinke. Patricia
       schaut ungeduldig auf die Uhr ihres Handys. Sie ist 16 Jahre alt und hat
       gerade die 9. Klasse hinter sich. Auch Annika Zinke, 15, 8. Klasse,
       drängelt: "Die anderen kommen sicher nicht mehr." Die beiden ziehen das
       hier auch allein durch. Sie wissen, was sie erwartet, sie haben den Kurs
       schon einmal mitgemacht. Vor zwei Monaten hat Denise-Verena Ladewig ihre
       Babysimulatoren zum ersten Mal in die Diercke-Schule getragen. Damals waren
       15 Mädchen - auch Jungen - Eltern auf Probe. "Eigentlich waren das zu
       viele", sagt die Stillberaterin. "Optimal sind fünf Teilnehmer."
       
       Patricia und Annika schielen rüber zu den Puppen. "Mein letztes Baby hieß
       Christoph", sagt Annika. Sie schleicht um den Tisch herum und streichelt
       einem Jungen liebevoll über den Kopf. Dann sagt sie: "Meine Mama hat sich
       gewundert, dass ich noch mal mitmache." "Meine Mutter", sagt Patricia,
       "würde es nicht schlimm finden, wenn ich jetzt schwanger wäre". "Hm", sagt
       Denise-Verena Ladewig.
       
       Dann knippert die Kursleiterin den Mädchen ein Plastikarmband ums rechte
       Handgelenk, so wie man es in manchen Diskotheken als Eintrittsmarke
       bekommt. Die Armbänder werden in den kommenden drei Tagen ein Teil ihres
       Körpers sein, darin ist ein Identifikationschip eingebaut. Der stellt den
       Kontakt zu den Babys her und zeichnet alles auf, was die Mädchen mit den
       Babys anstellen. Wann sie es füttern und wickeln, ob sie es trösten, wiegen
       und streicheln. Denise-Verena Ladewig hält den Minicomputer an die Puppen.
       Piep, angeschaltet. Jetzt sind die Puppen empfindlich wie lebendige
       Säuglinge.
       
       "Das Baby merkt, wenn es zu hart angefasst oder wenn es geschlagen wird",
       sagt Denise-Verena Ladewig. Es reagiert auf Wärme und Kälte. Patricia und
       Annika haben Decken mitgebracht, um ihre Babys einzuwickeln.
       
       Die Idee, mit programmierten Puppen ungewollten Teenagerschwangerschaften
       vorzubeugen, stammt von einem amerikanischen Ehepaar. 1993 baute Rich
       Jurmain zu Hause den ersten Babysimulator, inzwischen werden die
       RealCareBabys auf der ganzen Welt animiert. Zwei deutsche Pädagoginnen,
       Edith Stemmler-Schaich und Uta Schultz, bauten in Delmenhorst Mitte der
       90er Jahre das Projekt "Babybedenkzeit" auf. In Städten wie Rostock,
       Freiburg, Koblenz und Wiesbaden gibt es heute so genannte
       "Babybedenkzeit"-Kompetenzzentren und bundesweit über 300 Einzelprojekte.
       
       Eines davon ist das von Denise-Verena Ladewig. Sie hat sich vor anderthalb
       Jahren in Delmenhorst ausbilden lassen und wurde dann in Kyritz
       Koordinatorin des "Netzwerkes für gesunde Kinder". Sie will nicht nur
       Teenagerschwangerschaften verhindern, sie kämpft auch dafür, dass Kinder
       gut versorgt aufwachsen und manche Eltern überhaupt erst mal erfahren, was
       alles dazugehört. Man könnte auch sagen, Denise-Verena Ladewig ist die
       Ursula von der Leyen von Ostprignitz-Ruppin.
       
       "Weißt du noch, wie das mit dem Zyklus der Frau ist?" Ladewig schaut Annika
       an. Die schweigt. "Wann wird eine Frau schwanger?", bohrt die Kursleiterin.
       Annika zuckt mit den Achseln: "So in der Mitte?" Ladewig ist eine ruhige,
       empathische Frau. Mit ihren offenen Haaren, die bis über ihre schmale Hüfte
       reichen, wirkt die 36-Jährige selbst noch fast wie ein Mädchen. In diesem
       Moment aber ist ihr Ton gereizt: "Mädels, das müsst ihr euch merken, das
       ist das A und O." Also noch mal von vorn. Denise-Verena Ladewig schmeißt
       den Beamer auf dem Tisch an, auf der Leinwand erscheinen Bilder aus dem
       Biologielehrbuch: weibliche Geschlechtsorgane, Eisprung, Verhütungsmittel.
       
       Junge Mädchen werden schwanger, weil sie beim ersten Sex oft nicht oder nur
       unzureichend verhüten. Das hat eine Studie des Deutschen Grünen Kreuzes
       ergeben. Nach Erfahrung der ältesten deutschen Vereinigung zur Förderung
       der gesundheitlichen Vorsorge fangen Aufklärungskurse und -broschüren das
       Lebensgefühl junger Menschen nicht richtig ein. Das Elternzeit-Projekt ist
       der Versuch, einen neuen Zugang zu finden.
       
       "Kinder zu haben ist etwas sehr Schönes", erklärt Denise-Verena Ladewig.
       "Wenn man das richtige Alter hat und einen fertigen Beruf." Sie hat selbst
       vier, alles Wunschkinder. Das erste Baby kam, als sie 20 war, der jüngste
       Sohn ist drei. Denise-Verena Ladewig schaut die beiden Schülerinnen
       eindringlich an.
       
       "Es gibt einen eindeutigen Trend", sagt Ladewig, "die Mädchen werden immer
       jünger." Auch bei der zweiten Schwangerschaft. Die Stillberaterin trifft in
       den letzten Jahren immer häufiger auf 16-Jährige, die ihr zweites Kind
       erwarten.
       
       Die Tür zum Sozialarbeiterzimmer geht auf, Annikas Mutter kommt herein, sie
       will ihre Tochter und ihr Wochenend-"Enkelkind" abholen. Sie ist extra mit
       dem Auto gekommen. Denise-Verena Ladewig bindet auch ihr einen Chip um.
       Annika will, dass ihre Mutter diesmal mitmacht, damit sie nicht immer ganz
       allein für das Baby verantwortlich ist. "Der Computer merkt, wer das Baby
       hat", sagt die Projektleiterin. Sie zieht eine Augenbraue hoch: "Annika, es
       ist dein Baby." Das Mädchen nickt, die Mutter lächelt verschämt. Man weiß
       nicht genau, ob sie sich über den Familienzuwachs wirklich freut. Sie sagt:
       "Nicht, dass Annika nun tatsächlich ein Baby will." "Mama", sagt die
       Schülerin heftig, "ich will jetzt keins. Ich will nur besser sein als beim
       letzten Mal."
       
       Beim letzten Mal hat Annika eigentlich fast alles richtig gemacht. Nur ein
       paarmal hat sie vergessen, das Köpfchen zu stützen, zwei- oder dreimal
       nicht bemerkt, dass das Baby Hunger hatte, und sie hat es zu selten
       gewickelt. Das ergab ein Pflegelevel von 79 Prozent. "Das ist gut", sagt
       Denise-Verena Ladewig. Andere Mädchen brechen das Projekt ab, erzählt sie,
       manche schon nach wenigen Stunden, weil sie einfach nur müde sind. Aber
       Annika hat durchgehalten, die ganze Zeit. Sie ist nachts aufgestanden und
       hat das Baby gefüttert, sie hat es getröstet und umhergetragen. "Annika
       kann das", sagt Denise-Verena Ladewig. "Ja", sagt die Mutter. Sie hat noch
       drei weitere Kinder, Annikas jüngere Geschwister.
       
       Patricia hat es eilig, sie darf den Bus nicht verpassen. "Kommst du Montag
       früh mit den Öffentlichen?", fragt Denise-Verena Ladewig. "Dann schalte ich
       das Baby für sechs Uhr aus, dann weint es im Bus nicht."
       
       Montagmorgen, vor Schulbeginn. Patricia und Annika halten ihre Babys im
       Arm. Piep, ausgeschaltet. "Das sind jetzt wieder Puppen", sagt
       Denise-Verena Ladewig. "Und? Wie war es diesmal?" "Anstrengend", sagt
       Patricia. "Anstrengend", sagt Annika. Die Mädchen sehen müde aus. Die
       Kursleiterin schneidet den Mädchen die Chips ab, hält sie an den
       Minicomputer und liest die Daten ab. Auch Roswitha Schreiber ist wieder da.
       "Hat Mama viel geholfen?", fragt die Schulsozialarbeiterin Annika. Die
       schüttelt den Kopf: "Ich hab mich ganz allein gekümmert." Aber sie habe
       bestimmt wieder viel verkehrt gemacht. Am Sonntag zum Beispiel, da habe sie
       das Baby mit ins Auto genommen, die Familie war auf einem kleinen Ausflug.
       "Wir sind über Kopfsteinpflaster gefahren und es hat so geruckelt. Das war
       bestimmt schlecht", sagt Annika. Patricia hat kaum geschlafen. "Mein Baby
       hat immer nur geningelt."
       
       Denise-Verena Ladewig notiert die Daten aus Chip und Computer in
       Formblätter, eine Art Mütterzeugnis. Die Mädchen schauen erwartungsvoll zu.
       Jetzt wird es ernst, jetzt geht es um Bestehen oder Versagen. Das Leben ist
       kein Ponyhof.
       
       "Patricia", sagt Denise-Verena Ladewig. "Bis auf zwei kleine Fehler hast du
       alles richtig gemacht." Sie blickt auf das Ergebnisprotokoll der
       16-Jährigen und sagt: "Am Sonnabend, 8.36 Uhr, hast du das Köpfchen nicht
       gehalten. Was war da?" "Ich habe gefrühstückt", sagt Patricia, "mit dem
       Baby im Arm." Das kennt die Kursleiterin schon: Baby schreit, man will
       selbst etwas essen, Köpfchen wird vergessen. Aber sie sagt: "Gratulation,
       ein Pflegelevel von 98 Prozent." Nahezu perfekt. Patricia sackt zusammen,
       das hat sie nicht erwartet.
       
       Nervös rutscht Annika auf ihrem Stuhl hin und her, das kann sie doch nicht
       mehr toppen. Denise-Verena Ladewig nimmt das zweite Protokoll in die Hand:
       "Du hast 100 Prozent." Was? Annika glaubt es nicht. Denise-Verena Ladewig:
       "Es ist das beste Ergebnis, das wir je hatten." Tränen rinnen über Annikas
       Wangen.
       
       Und jetzt ist sie sich ganz sicher: Zurzeit würde sie das mit einem Baby
       niemals packen. Erst kommt die Schule, dann ein Beruf. Auch Patricia sieht
       das heute Morgen anders als noch am Freitag. Sie sagt: "Kinder erst, wenn
       ich zwanzig bin."
       
       29 Jul 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simone Schmollack
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