# taz.de -- Kirchner und Kamerun: Ernas Bettpfosten
> Das Frankfurter Museum der Weltkulturen zeigt, wie Ernst Ludwig Kirchner
> von der Kultur Kameruns lernte, ohne das Drama ihrer Kolonialisierung zu
> reflektieren.
(IMG) Bild: Von kamerunischen Einflüssen kaum etwas zu sehen: Kirchners "Straßenszene".
Auf dem Weg zu Gertrude Stein kaufte Matisse im Herbst 1906 ein
"Negerobjekt" für wenige Francs. Die Statuette hinterließ bei dem ebenfalls
eingeladenen Picasso Eindruck und öffnete ihm wohl die Augen für die klaren
Formen der afrikanischen Plastik. Es war der Beginn einer großen Liebe,
ohne die 1907 seine "Demoiselles dAvignon" so nicht entstanden wären.
Die nun einsetzende, durch die außereuropäische Kunst angestoßene
Entwicklung weg vom klassischen Schönheitsideal vollzog sich in den
europäischen Zentren zunächst unabhängig voneinander. Sie fiel in die hohe
Zeit des Kolonialismus. Expeditionen, Soldaten, Missionare und
Handelsvertreter der sich selbst als zivilisiert begreifenden Länder
"erwarben" exotische Schöpfungen zuhauf. Sie füllten die Völkerkundemuseen
der Metropolen und die Pavillons der Weltausstellungen, während die
schwarzafrikanischen Kulturen ausbluteten. Schon bei seiner Eröffnung 1886
beherbergte das Berliner Museum für Völkerkunde 10.000 Stammesobjekte
allein aus Afrika, deren Zahl ständig stieg, besonders als die Briten 1897
den Palast von Benin plünderten und 1.000 Bronzetafeln auf den Markt
warfen.
Auch die Zahl der deutschsprachigen Künstler, die sich motivisch oder
formal von den "Primitiven" anregen ließen, ist endlos. Man denke an Max
Ernst, Paul Klee und die Expressionisten, vor allem Ernst Ludwig Kirchner,
der 1911 nach Berlin zog. In Dresden, wo der 1880 geborene Bürgersohn nach
seinem Architekturdiplom 1905 Mitinitiator der Künstlergruppe Die Brücke
wurde, existierte ebenfalls ein Ethnografie-Museum. Hier entdeckte der
seinen Stil Suchende nicht nur die Palau-Balken aus der Südsee, sondern
auch die elementaren, aus einem einzigen Holzstock herausgearbeiteten
Objekte aus der deutschen Kolonie Kamerun.
Sie waren sein Wegweiser zu neuen Ufern. Bereits 1906 verrät ein
Holzschnitt-Deckblatt ihren Einfluss. Kirchner rahmt denSchriftzug
Künstlergruppe Brücke oben und unten mit einer stilisierten Figur, die mit
ihren seitlich abgewinkelten Beinen fast identisch mit den
Karyatiden-Figuren einer Holzschale aus Kamerun ist. In der Ausstellung
"Ernst Ludwig Kirchner und die Kunst Kameruns" im Frankfurter Museum der
Weltkulturen sind beide Exponate gegenübergestellt, so dass man die
verblüffende Ähnlichkeit erkennt.
Die über 30 Ausstellungsobjekte, die vorher im Museum Rietberg gezeigt
wurden, sind sowohl Originalplastiken aus Kamerun als auch Zeichnungen,
Holzschnitte und Plastiken Kirchners, die den enormen Einfluss der
afrikanischen Kunst auf den Expressionisten dokumentieren. Als Kunst adelte
man allerdings die exotischen Schnitzereien erst, nachdem sich der
Schriftsteller und Kulturhistoriker Carl Einstein 1915 in seinem Buch
"Negerplastik" mit ihnen beschäftigt hatte. Vorher sah sie das breite
Publikum mit seinen rassistischen Vorurteilen eher als Kuriositäten einer
am Beginn ihrer Entwicklung und daher weit unter den Weißen stehenden
Rasse. Als Beweis verwies man auf die völlig "falschen" Körperproportionen.
Der koloniale Blick konnte nicht erkennen, dass die unbekannten
afrikanischen Meister absichtsvoll die Bedeutung einzelner Teile
unterstrichen, so dass Kopf, Busen oder Bauch meist hervorgehoben, die
Beine aber vernachlässigt sind.
Heute gibt es andere Skrupel bezüglich des Kunstbegriffs: Die Objekte, die
in Afrika rituellen Zwecken dienten, wurden allesamt aus ihrem kulturellen
Kontext gerissen und mutierten erst im Museum zu Artefakten.
Kirchner und seinen Künstlerfreunden war der ursprüngliche Zweck egal, die
kraftvollen Formen faszinierten sie. Im Vergleich zur französischen
Avantgarde ließen sie diese formale Klarheit weniger deutlich in ihren
Malstil einfließen, dafür aber die exotischen Objekte oder Menschen selbst
auf ihren Bildern erscheinen. Es ist vor allem der "Leoparden-Hocker", der
bei Kirchner auf gemalten Postkarten oder Aktszenen im Atelier immer wieder
auftaucht. Der herrschaftliche runde Sitz ruht auf einem gefleckten
Leoparden, der als Symbol für Stärke gilt. Dieser Hocker befand sich im
stolzen Besitz Kirchners, der ihn auf Fotos seiner üppig dekorierten
Ateliers gut sichtbar präsentierte. Nackte Modelle räkelten sich nun auf
dem Möbel, das einst Stammesfürsten vorbehalten war.
Da der Künstler, wie andere seiner Zeit auch, seltsam blind für den
sozialen Kontext der bewunderten Objekte war, entging ihm wohl, dass sich
ihre Schöpfer nur innerhalb der traditionellen Regeln frei entfalten
durften, die vermutete entfesselte Ursprünglichkeit also Grenzen hatte.
Ebenso übersah er, darin ganz seiner Zeit angepasst, dass die Kolonie
Kamerun auf grausame Art unterworfen und unbotmäßige Einwohner von den
Soldaten des Kaisers kurzerhand abgeknallt, ihre Dörfer zerstört wurden.
Las er überhaupt Zeitungen, in denen monatelang der gewaltfreie Widerstand
der Douala gegen ihre Umsiedlung kommentiert wurde? Deren Eingaben an den
Reichstag wurden überwiegend als "Unverschämtheit des Negercharakters"
diffamiert, ihr in Ulm ausgebildeter Häuptling Rudolf Manga Bell und sein
Sekretär Adolf Ngoso Din am 9. August 1914 in Douala von den Kolonialherren
gehängt.
Nun ist der Leoparden-Hocker als Original in Frankfurt zu sehen, recht
niedrig, weil sich Afrikas Alltag in Bodennähe abspielt, und durch das
arbeitende Holz etwas ramponiert. In robuster Frische präsentiert sich
dagegen ein von Kirchner selbst um 1921 aus Arvenholz geschnitzter und mit
Ochsenblut lasierter Sessel mit figürlichen Motiven. "Wie viel weiter sind
doch die Neger in diesen Schnitzereien", klagt der Künstler in seinem
Tagebuch. Doch Chapeau! Es gelang ihm ein prächtiges, wenn auch unbequemes
Stück mit den für Kamerun typischen Schnitzspuren. Die Haltung der
stämmigen nackten Frauenfiguren entspricht ganz den exotischen Vorbildern,
das ergibt der Vergleich mit einem vielfigurigen Häuptlingssessel aus dem
Kameruner Grasland.
Für die Brücke-Expressionisten, die nicht nur dem klassischen
Schönheitsideal entkommen, sondern ihr gesamtes Leben antibürgerlich führen
wollten, war die überseeische Kunst ein Ausdruck ursprünglichen, einfachen
Lebens. Als Kirchner 1917 mit seiner Frau Erna Schilling in ein Bauernhaus
bei Davos zog, blieb es nicht bei diesem Schnitzmöbel und einer schon 1911
nach kamerunischem Vorbild gefertigten Schale. Nur als Großfoto ist der
Pfosten des selbst gebauten Bettes für Erna in Frankfurt vertreten,
gestaltet natürlich als Frauenfigur. Die Stützpfeiler der Vordachmarkise
bildeten doppelfigurige Holzpfosten, die auf den ersten Blick denen eines
afrikanischen Palasts täuschend ähnlich sahen, sich aber in die
ursprüngliche Schweizer Gegend gut einfügten.
Nur Gauguin war noch konsequenter, indem er direkt in die Südsee zog. Die
in Frankfurt gezeigten, ganz mit bunten Glasperlen überzogenen Objekte
unbekannter Bamileke-Meister finden allerdings keine Entsprechung in
Kirchners Domizil. Erna, die wie Marcs Frau Maria viele Entwürfe ihres
Mannes stickte, verweigerte wohl diesen allzu arbeitsintensiven Einsatz für
ein stilgerechtes Ambiente.
Christine Stelzig vom Museum der Weltkulturen, das glücklicherweise nicht
mehr Völkerkundemuseum heißt, hat die Exponate geschickt auf die acht
kleinen Räume der Villa verteilt, so dass Vergleiche der Werke aus Kamerun
mit denen von Kirchner möglich sind. Die einzige Kritik dieser schönen und
wichtigen Ausstellung bezieht sich auf den Katalog, der zwar ansprechend
gestaltet ist, aber nicht weit genug ausholt. Wer die immense Bedeutung der
überseeischen Kunst für die Entstehung und Entwicklung der gesamten
europäischen Moderne voll erfassen will, muss den von William Rubin
herausgegebenen Wälzer "Primitivismus in der Kunst des zwanzigsten
Jahrhunderts" aus dem Prestel-Verlag zur Hand nehmen. Oder die
interessanten Begleitvorträge des Museums besuchen.
6 Aug 2008
## AUTOREN
(DIR) Ursula Wöll
## TAGS
(DIR) wochentaz
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