# taz.de -- Georgien und der Kaukasus-Krieg: Angst vor russischem Einmarsch
       
       > In Georgiens Hauptstadt Tiflis demonstrieren ein paar hundert Menschen
       > für Frieden. Die Widersprüchlichkeit der Informationen verunsichert sie.
       
 (IMG) Bild: Schon seit einigen Tagen demonstrieren die Menschen in Tifilis gegen die "russische Aggression".
       
       TIFLIS taz Seit dem Beginn des Krieges zwischen Georgien und Russland um
       Südossetien herrscht Angst in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Wer kann,
       bleibt tagsüber zu Hause und verfolgt die Nachrichten im Fernsehen oder
       Radio. Nur am späten Abend finden sich einige hundert Menschen vor der
       russischen Botschaft und auf dem zentralen Platz in Tiflis ein, um für
       Frieden zu demonstrieren.
       
       Auch Natalja ist zutiefst beunruhigt. Die 35-Jährige arbeitet bei der
       Milizverwaltung in Tiflis und sitzt ununterbrochen vor dem Fernseher. "Die
       Residenz unseres Präsidenten ist nicht weit von meiner Wohnung entfernt,
       und wenn Bomben auf Tiflis fallen, sind wir hier besonders gefährdet", sagt
       sie. "Meine Freundin hat sich schon überlegt, vielleicht nach Tschechien zu
       fliehen, aber ich glaube nicht, dass wir jetzt noch so einfach aus der
       Stadt rauskönnen. Außerdem will ich bei meinen Eltern bleiben." Und ein
       Mann meint: "Am meisten Angst habe ich davor, dass die Russen in Tiflis
       einmarschieren. Ich hoffe, dass sich die Welt einmischt und uns dann das
       Schlimmste erspart bleibt."
       
       Derweil läuft das alltägliche Leben in Tiflis normal weiter. Die Geschäfte
       sind geöffnet und öffentliche Verkehrsmittel verkehren ohne Einschränkung.
       Auch das Internet funktioniert noch. Gerüchten zufolge bereiten die Russen
       jedoch die Bombardierung der Anlagen von Mobilfunkbetreibern vor, was die
       Telefonverbindungen sofort kappen würde.
       
       Mit am meisten verunsichert sind die Menschen in Georgien durch die
       Widersprüchlichkeit der Informationen. So hat, russischen Angaben zufolge,
       in der Nacht zu Sonntag ein russisches Flugzeug eine Bombe auf den
       Militärflughafen von Marneuli im Südwesten Georgiens abgeworfen. Das
       georgische Fernsehen berichtete jedoch von drei russischen Bombenabwürfen
       auf einen Hafen und Marinestützpunkt. Dabei sollen zahlreiche Menschen
       getötet oder verletzt worden sein.
       
       Zuvor hatte die georgische Führung erklärt, die Flugabwehr hätte zehn
       russische Flugzeuge abgeschossen. Das russische Verteidigungsministerium
       dementierte diese Nachricht zunächst, räumte dann am Samstagmittag aber
       ein, dass man tatsächlich zwei Flugzeuge verloren habe. Einer der Piloten
       habe sich retten können und sei in den Händen der Georgier.
       
       Schon zu Beginn des Krieges - über die Anzahl der Opfer gibt es bislang
       keine gesicherten Ergebnisse - zeichnete sich ab, dass es sehr schwierig
       werden wird, gesicherte Informationen über den Kriegsverlauf zu erhalten.
       So hatten beispielsweise georgische Medien am 8. und 9. August berichtet,
       dass die südossetische Hauptstadt Zchinwali von georgischen Truppen
       kontrolliert würde. Gleichzeitig hieß es in russischen Medien, russische
       Truppen hätten die Stadt von georgischen Streitkräften befreit.
       
       Einer kaum beachteten Nachricht auf russischen Internetseiten zufolge
       erklärte der Präsident der "unabhängigen" Republik Abchasien, dass seine
       Truppen in Richtung der georgischen Grenze vorrücken würden. Diese hätten
       nur wenige Kilometer vor der Grenze haltgemacht. Am gleichen Tag
       berichteten georgische Medien vom Beschuss georgischer Dörfer in der
       abchasischen Kodori-Schlucht. Eine Zuspitzung der Situation in Abchasien
       gilt in Georgien als eines der schlimmsten Szenarien.
       
       Der Ausbruch eines Kriegs zwischen Georgien und Russland kommt für die
       Menschen in Georgien nicht unerwartet, allenfalls der Zeitpunkt. Denn eine
       mögliche Eskalation zeichnete sich bereits in den vergangenen Monaten ab.
       Die Erklärung des georgischen Parlamentes, einen Nato-Beitritt anzustreben,
       und das georgische Bemühen, in die Europäische Union aufgenommen zu werden,
       erbosten die russischen Machthaber besonders. In dieses Bild passt auch,
       dass eine der ersten Erklärungen des russischen Außenministers Lawrow nach
       Ausbruch dieses Konfliktes war, Georgien sei der Aggressor und verdiene
       daher auch keine Mitgliedschaft in der Nato.
       
       Mehrfach hatte Russland zudem seinen Unmut über die Aufrüstung und
       Modernisierung der georgischen Streitkräfte geäußert. Der
       Verteidigungshaushalt Georgiens ist seit 2005 um das 30fache gestiegen und
       beträgt derzeit 9 bis 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Am 15. Juli
       2008 beschloss das georgische Parlament eine Aufstockung der Streitkräfte
       von 32.000 auf 37.000. Einen beträchtlichen Teil seiner Militärhilfe
       erhielt Georgien aus dem Ausland. Der überwiegende Teil der georgischen
       Offiziere und Soldaten wurde entweder in den USA oder von ausländischen
       Militärberatern ausgebildet.
       
       Moskau will Georgien schon lange "bestrafen". 2005 wurde der Import von
       georgischen Zitrusfrüchten in Russland verboten, 2006 von georgischem
       Mineralwasser. Die Verkehrsverbindungen sind ebenfalls weitgehend gekappt.
       
       Firmen, die Georgiern gehören, werden in Russland besonders streng von den
       Behörden kontrolliert, Kinder mit georgischen Familiennamen häufig der
       Schule verwiesen. Georgische Staatsbürger, die die Visa- und
       Aufenthaltsbestimmungen verletzt hatten, wurden demonstrativ des Landes
       verwiesen. Doch eine derartige offene militärische Aggression wie heute
       hatte es bisher nicht gegeben.
       
       "Warum bombardiert Russland ausgerechnet Georgien und nicht
       Aserbaidschan?", fragt eine Frau, die an der Universität für Fremdsprachen
       in der Hauptstadt Tiflis tätig ist. "Weil es nirgends so dilettantisch
       arbeitende Politiker gibt wie in Georgien. Ich mag Russland auch nicht.
       Aber warum mussten unsere Politiker Russland ständig reizen? Ich hab
       Staatspräsident Eduard Schewardnadse nie geschätzt, doch unter ihm wäre es
       nicht so weit gekommen. Der hätte sich mit Russland einigen können."
       
       11 Aug 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Archil Abashidze
       
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