# taz.de -- Kommentar Bankenkrise: Das Ende der Wall Street
       
       > Die Investmentbanken selbst rufen nach mehr Kontrolle. Doch die Politiker
       > zögern noch. Dabei hätten diese schon lange handeln müssen.
       
 (IMG) Bild: Befürwortete staatliche Eingriffe früher als sein Herausforderer McCain: Barack Obama.
       
       Es waren acht Tage, die die Wall Street erschütterten. Angefangen mit dem
       Bankrott der viertgrößten Investmentbank der USA, Lehman Brothers, und dem
       Verkauf der Nummer drei, Merrill Lynch, an die Bank of America. Dann hieß
       es, auch Morgan Stanley wolle sich in die Arme einer Universalbank aus der
       Provinz retten. Gestern gab es die Gewissheit: Der
       US-Investmentbankingsektor löst sich komplett selbst auf.
       
       Höchste Zeit ist es. Die Idee, die in den USA zur Trennung von Investment-
       und Geschäftsbanken führte, war längst pervertiert worden - ein Opfer der
       neoliberalen Deregulierungswut. Sie stammt aus einer Zeit, die der heutigen
       nicht ganz unähnlich ist. Nach dem Börsencrash von 1929, dem Run auf die
       Banken und der darauf folgenden Weltwirtschaftskrise wurde, wie heute, der
       Ruf nach strenger Regulierung laut. Unter anderem sorgte die Regierung
       dafür, dass die normalen Geschäftsbanken mit ihren zahlreichen Konten
       kleiner Leute isoliert wurden von den Risiken des Investmentbankings, also
       den großen Deals mit den Konzernen. Doch in späteren Boomzeiten empfand man
       Regeln nur noch hinderlich.
       
       1999 wurden die meisten Auflagen abgeschafft, die Wall Street wurde zur
       Goldgrube. Das Ende des Internetbooms erschien da nur als temporärer
       Rückschlag. Schnell schwenkte man um, etwa zum lukrativen Weiterverkauf von
       Krediten und zum Spekulieren auf Pump. Doch die Gier nach beständig
       wachsenden Profiten machte blind gegenüber den mitwachsenden Risiken.
       Winselnd ruft jetzt der Finanzsektor selbst nach dem Staat. Die
       Investmentbanken begeben sich freiwillig unter seine Kontrolle.
       
       Erschütternd daran ist eigentlich nur, dass es die Banken waren, die jetzt
       handelten - während der Staat von Durchgreifen bislang nur redet. Zwar ist
       die Selbstaufgabe der Investmentbanken auf den europäischen Markt nicht
       übertragbar, weil es das Modell hier so nicht gab. Aber die Notwendigkeit
       einer strikten Regulierung des Marktes, die die Ereignisse der letzten acht
       Tage demonstrierten, besteht diesseits des Atlantiks genauso wie jenseits.
       Wenn schon die Banken selbst das so sehen, fragt sich, worauf die Politik
       noch wartet.
       
       22 Sep 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nicola Liebert
       
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