# taz.de -- Krieg im Gazastreifen II: "Nachts hasst du jede Sekunde"
> Der Kriegsalltag der Familie Naim. Am schlimmsten sind die Nächte, wenn
> die ganze Familie in den Keller zieht und nicht weiß, was oben los is.
> Familie Naim berichtet am Telefon.
(IMG) Bild: Zerbombte Gebäude und israelische Panzer im Norden des Gazastreifens.
KAIRO taz Warum, verdammt noch mal, hat er vergangenes Jahr dieses Angebot
nach Deutschland nicht angenommen? Das ist die Frage, die sich Saed Naim
immer wieder stellt, in den langen Nächten, wenn er mit seiner Frau, dem
zweijährigen Sohn Islam, der einjährigen Tochter Maha und der Familie
seines Onkels im Keller des Haus im Gazastreifen sitzt und wartet, wann und
wo die nächste Bombe einschlägt. Auch seine Eltern sind bei ihm. Sie sind
der Grund, warum er das Angebot aus Deutschland abgelehnt hat. Er wollte
die beiden Alten in ihrem Haus in Sudaniya im nördlichen Gazastreifen nicht
alleine lassen. Das Haus, das sie vor einer Woche in Panik verlassen haben,
sei inzwischen abgebrannt, heißt es. Sicher ist sich allerdings niemand.
Sicher ist nur: in einem anderen Haus in der Nachbarschaft, in dem früher
der erweiterte Teil der Naim-Familie wohnte, hat sich inzwischen eine
Spezialeinheit der israelischen Armee eingerichtet. Das sechsstöckige
Gebäude liegt strategisch günstig und bietet einen guten Überblick. Die
Gegend in Sudaniya ist inzwischen vollkommen verlassen. Dort operiert die
israelische Armee und schießt auf alles, was sich bewegt.
Das musste auch Saeds Cousin Nahed Naim erfahren. Vorgestern war er
losgezogen, um in seinem Haus nach dem Rechten zu sehen und ein paar Dinge
zu holen. Nun liegt er mit mehreren Einschüssen im Bein und einer
Kopfverletzung im Krankenhaus und kann sich an nichts erinnern. Die
Sanitäter erzählen, dass Nahed der einzige Überlebende sei, ein halbes
Dutzend seiner Freunde, die mit ihm unterwegs waren, seien tot. Nahed hatte
es noch ein paar Schritte um die Ecke geschafft, und konnte von den
Sanitätern geborgen werden. Seine toten Freunde liegen immer noch auf der
Straße in der Schusslinie der israelischen Armee.
Dass die Sanitäter so vorsichtig sind, hat einen guten Grund. Annas Naim,
ein weiterer Cousin Saeds, war Sanitäter. Am zweiten Tag der Bodenoffensive
kam der 20jährige nicht nach Hause. In der Nacht war sein Krankenwagen von
einer israelischen Granate getroffen worden, als er unterwegs nach Beit
Lahia im Norden des Gazastreifens war, um dort Verletzte abzuholen. Er ist
nie angekommen. Annas war sofort tot, ein Mitfahrer verlor sein Bein, auch
der Fahrer wurde verletzt.
Annas wurde im deutschen Erlangen geboren. Seine Familie war vor ein paar
Jahren in den Gazastreifen zurückgekehrt, wo sein Vater als Zahnarzt
arbeitet. Zunächst wusste die Familie noch nicht einmal, wie sie Annas
begraben sollte - ein logistisches Problem unter permanentem israelischem
Beschuss. Schliesslich wurde der Muslim Annas auf einem christlich
orthodoxen Friedhof beerdigt. Er liegt direkt neben dem
Maamidani-Krankenhaus, wohin seine Leiche gebracht wurde.
Saed, der Sachbearbeiter im palästinensischen Gesundheitsministerium ist,
verbringt seine Tage immer noch im Haus seines Onkel am Beach-Camp, wohin
er mit seiner Familie nach dem ersten Tag der Bodenoffensive geflüchtet
war. 14 Menschen teilen sich vier Zimmer. Abgesehen von den täglichen
Bombardierungen liegt das Flüchtlingslager noch am Rande der Kampfzone.
Fast hat sich eine Art Routine im täglichen Wahnsinn eingeschlichen.
Während der täglichen dreistündigen Feuerpause, die die israelische Armee
den Bewohnern des Gazastreifens gewährt, um sich mit dem Nötigsten zu
versorgen, rennt Saed schnell zum Markt um die Ecke. "Ein paar Länden haben
immer auf und irgendetwas findet man immer", erzählt er. Die ersten Tage,
als sie fast ohne Wasser und Essen im Keller saßen, sind vorbei. Viel haben
sie nicht, aber sie überleben. Strom gibt es inzwischen aus einen kleinen
Generator. Den Fernseher schaltet die Familie trotzdem nicht ein, sie hören
nur Radio. "Wir wollen nicht, dass die Kinder sehen, was um sie herum
passiert", meint Saed. Aber die älteren Kinder seines Onkels wissen sehr
wohl, was geschieht. Voller Angst lägen sie die ganze Nacht wach. Nur Gott
wisse, wie ihre Seelen das überstehen, sagt Saed.
Um bei Verstand zu bleiben, versuchen die Erwachsenen, tagsüber irgendeine
Beschäftigung zu finden. Manchmal, wenn es ruhig ist, geht Saed eine halbe
Stunde vors Haus und wandert auf der Straße auf und ab. Das schlimmste ist,
wenn es dunkel wird und die ganze Familie in den Keller zieht - die
bevorzugte Zeit für israelische Angriffe. "Nachts hasst du jede Sekunde,
wenn du im Keller sitzt, die Einschläge hörst und keine Ahnung hast, was
oben los ist", beschreibt Saed diese langen ängstlichen Stunden. "Jede
Nacht kann eine Bombe auf unser Haus fallen und meine gesamte Familie
auslöschen."
16 Jan 2009
## AUTOREN
(DIR) Karim Gawhary
(DIR) Karim El-Gawhary
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Völkerrechtler über Gaza-Krieg: "Vorschnelle Urteile sind fehl am Platz"
Der Völkerrechtler Michael Bothe zum Krieg in Gaza: Israel durfte sich
gegen Hamas-Raketen wehren. Ob dabei die Verhältnismäßigkeit der Mittel
gewahrt wurde, kann nur eine internationale Kommission klären.
(DIR) Nachruf Said Sayyam: Der Hamas-Hardliner
Said Sayyam, 49, Exinnenminister der Hamas in den palästinensischen
Autonomiegebieten, starb bei einem israelischen Luftangriff. Er galt als
Falke in der Hamas-Führung.
(DIR) Israelisch-Palästinensischer Dialog: Frieden von unten
Die israelische Aktionsgruppe "Andere Stimme" im Kibbuz Saad hält den
Dialog mit Palästinensern aufrecht. Die Mitglieder hoffen darauf, dass nach
dem Krieg die Grenzen aufgemacht werden.
(DIR) Nahost-Konflikt: Suche nach Frieden
Die ägyptische Friedensinitiative soll schnellstmöglich zu einer Feuerpause
im Gazastreifen führen. Die Hamas und einige arabische Länder lehnen aber
die Bedingungen Israels ab.
(DIR) Verhandlungen zum Stopp des Gaza-Kriegs: "Wir sind nah dran an Waffenruhe"
UN-Generalsekretär Ban hat sich zuversichtlich über ein baldiges Ende der
Kämpfe im Gazastreifen gezeigt - und eine Forderung an Israel erhoben.
(DIR) Kommentar Gaza: Der Schlüssel zum Frieden
Es kann in Zukunft nicht wieder nur Israel alleine überlassen werden, die
Grenzen zum Gazastreifen beliebig zu öffnen und zu schließen und 1,5
Millionen Palästinenser vom Rest der Welt wegzusperren.
(DIR) Krieg im Gazastreifen I: Zitternd im Bombenhagel
In den ersten Tagen des Bodenkrieges flüchtet eine Familie vor den Panzern
- und kämpft ums Überleben. Manche Palästinenser wollen hingegen zu ihrer
Familie nach Gaza.