# taz.de -- Bilanz 10 Jahre Mehdorn: Der Mann fürs Böse
> Hartmut Mehdorn war nie ein Bahner und wurde doch zum besten Bahnmanager
> aller Zeiten. Aber auch zu einem der meistgehassten Männer in
> Deutschland. Wie kam es dazu?
(IMG) Bild: Weit weg vom Kunden: Auf anderer Leute Befindlichkeiten reagierte Mehdorn schon immer schnell genervt.
Man konnte darauf wetten. Denn immer wenn Hartmut Mehdorn auf den
jährlichen Pressekonferenzen die Bilanzen der Deutschen Bahn vorgelesen
hatte und die Fragerunde lief, wollte irgendjemand wissen: Macht Ihnen der
Job noch Spaß? Und jedes Mal versicherte der Bahnchef, dass dies so sei. Er
verwies auf laufende und sogar verlängerte Verträge, die er zu erfüllen
gedenke. Bedeutet anders formuliert: Wer mich loswerden will, muss noch
warten.
Dass Mehdorn nun gestern die Frage nach seinem Rücktritt erst zulassen
wollte, nachdem er 17 Seiten vorgelesen und sich über die aktuelle
Bahnbilanz ausgelassen hatte, zeigt, wie sehr ihm sein Rücktrittsangebot
widerstrebte. Denn auch diesmal lautete seine Botschaft: Seht auf diese
Zahlen, ich mache einen prima Job. "Die beste Bahn" wollte er aus der
Bundesbahn machen. Dass er dabei Erfolge erzielt hat, kann niemand
bestreiten, der noch vor gar nicht allzu langer Zeit in alten Silberlingen
auf roten Kunstledersitzen durch die deutsche Landschaft rumpelte. Wer sein
Auto stehen lässt und auch den Billigflieger verschmäht, weil es sich in
einem hervorragenden System von komfortablen ICEs und Regionalzügen viel
besser durch Deutschland reisen lässt, muss einräumen: Mehdorn hat dem
Unternehmen so schlecht nicht getan. Und dennoch wurde der
Vorstandsvorsitzende der DB AG zu einem der meistgehassten Männer in
Deutschland. Denn Mehdorn war womöglich der beste Bahnchef, aber er war nie
wirklich ein Bahner.
Einen Traditionalisten, der auch in seiner Freizeit mit der Modelleisenbahn
spielt, hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder auch nicht
gesucht. Schließlich galt es, den aus dem Verwaltungsapparat der
Bundesregierung stammenden Johannes Ludewig abzulösen, der die Züge zwar
pünktlicher machen wollte, dessen wirtschaftliche Bilanz aber zu mager war.
Man lebte schließlich im Jahr 1999, die New Economy war der Hit, die
Bundesbürger glaubten noch an Telekom-Aktien - und eine Börsenbahn hatte
viel mehr Appeal als eine Bundesbahn. Mehdorn, der kurz zuvor den
Druckmaschinenhersteller Heideldruck erfolgreich an die Börse gebracht
hatte und zuvor lange Zeit Manager in der Luft- und Raumfahrtindustrie war,
sollte der Bahn Flügel verleihen. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es,
der Deutschen Bahn einen IATA-Code zu verpassen, wie ihn die
Fluggesellschaften haben. Das sollte die Kombination von Flug- und
Bahnreisen erleichtern. Und auch das Ticketsystem wollte Mehdorn gleich
anpassen. Statt Guten-Abend-Ticket und Sonderpreisaktionen sollte eine
Kombination aus Frühbucher-, Gruppen- und BahnCard-Rabatt für eine bessere
Auslastung der Züge sorgen, die Kosten senken und die Einnahmen steigern.
Doch spätestens als die Bahn das Preissystem nach Protesten der Kunden
wieder zurücknehmen musste, war klar, dass Tunnelblick auf Effizienz und
Börsenreife für einen Bahnmanager nicht ausreicht. Es ist ökonomisch
richtig, eine Bahnstrecke auf dem Land einzustellen, wenn die wenigen
Passagiere billiger und ohne großen Zeitverlust mit dem Bus transportiert
werden können. Dass mit jedem Kilometer Strecke aber auch ein Stück
Identität von Bahnern und Bahnfans verloren geht und ein Bahnhof eben mehr
ist als eine Haltestelle, brandmarkte Mehdorn als Kleingeisterei. Was sind
schon ein paar Gleise weniger in Mecklenburg-Vorpommern, wenn die Bahn doch
auf den Weltmarkt sollte?
Für den profitorientierten Manager war es wichtiger, für 2,5 Milliarden
Euro die hochprofitable Stinnes-Gruppe zurückzukaufen, als die Interregios
zu behalten. Mit dem Sanierungskonzept MORA C wurde der Güterverkehr
zusammengestrichen, gleichzeitig fuhren Lastwagen mit Bahn-Logo durch die
Gegend. Und wieder machte Mehdorn doch nur seinen Job und hatte wenig
Verständnis für die, die auf einen Speisewagen nicht verzichten wollen, auf
hochglänzende Imagebroschüren aber schon. Wie weit weg er von den Kunden
war, zeigte sein Umgang mit Pro Bahn, immerhin der Verband, der die
Fahrgäste vertritt. Die Pro-Bahn-Vertreter nannte er "Pro-Mecker-Leute".
Und als der Abbau von Arbeitsplätzen für lange Schlangen in Reisezentren
und Ärger bei Kunden sorgte, war seine Antwort die Einführung einer
Servicegebühr für diejenigen, die nicht nur mit Maschinen kommunizieren
wollten. Das alles sorgte dafür, das Mehdorn zur Projektionsfläche für den
gebündelten Ärger von allem wurde, was mit der Bahn zu tun hatte. Und so
waren sich sogar die Lokführer während ihrer Streiks 2007 einer gewissen
Solidarität sicher, auch wenn mancher die Lohnforderung von 31 Prozent für
zu hoch hielt. Aber schließlich ging es auch gegen Mehdorn.
All das bereitete den Boden für den Schwenk in der Politik. Lange vor dem
Crash an den Finanzmärkten gewannen die Kritiker des Börsengangs an Zulauf.
So mancher Verkehrspolitiker, der zu oft von Mehdorn nach Gutsherrenart
behandelt wurde, sah die Chance, den Bahnchef in seine Grenzen zu weisen.
Und als im Zuge der Telekom-Affäre auch die Spitzeleien bei der Deutschen
Bahn offenbar wurden, startete der Countdown zur Ablösung des Bahnchefs.
Hätte die Bundesregierung nicht gerade mit der schwersten Wirtschaftskrise
der Nachkriegszeit zu kämpfen, hätte Mehdorn gewiss schon eher gehen
müssen. Denn der Umgang mit den immer neuen Enthüllungen zeigte, wie weit
sich Mehdorn mittlerweile von seinen Auftraggebern des Bundes und seinen
Mitarbeitern entfernt hatte. Aus dem Sanierer und Modernisierer ist ein
misstrauischer, 66 Jahre alter Patriarch geworden, der die neuen Realitäten
außerhalb des Berliner Bahn-Towers bis zuletzt ignorierte und sich als
Opfer von politischen Ränkespielen sah.
Mehdorn verabschiedete sich von seinen Mitarbeitern mit den Worten: "Einmal
Eisenbahner, immer Eisenbahner." Eine solch verspätete
Solidaritätsbekundung mit der Gruppe, deren Selbstverständnis er zehn Jahre
lang im Namen des Börsengangs bekämpfte und die unter den Spitzeleien zu
leiden hatte, zeigt, wie weit sich Mehdorn von seinem Konzern entfernt
hatte. Er ist auch deshalb als Manager gescheitert.
30 Mar 2009
## AUTOREN
(DIR) Stephan Kosch
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Spekulationen um neuen Bahnchef: Nachfolgedebatte eröffnet
In Berlin kursieren schon am Tag von Mehdorns Rücktritt diverse Namen für
einen neuen Bahnchef. Wann die Entscheidung darüber fällt, ist aber noch
offen.
(DIR) Mehdorn-Rücktritt: Abgang "im Reinen"
Hartmut Mehdorn zieht sich von der Spitze der Deutschen Bahn AG zurück. Er
habe sich "persönlich nichts Unrechtes vorzuwerfen". Politiker und Verbände
sind erleichtert.
(DIR) Kommentar Mehdorn tritt zurück: Endlich!
Der Rücktritt Mehdorns war überfällig. Die Kunden der Bahn können aufatmen.
Wie kein anderer hat Mehdorn den Typus des bösen Managers verkörpert.