# taz.de -- Montagsinterview Bianca Klose gegen Rechts: "Ich erlebe regelmäßig Bedrohungen durch Neonazis"
       
       > Bianca Klose ist Berlins Vorzeigestreiterin gegen Neonazis. 2001 gründete
       > sie die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus. Das macht Klose zu einer
       > Hauptfeindin der Neonazis.
       
 (IMG) Bild: Bianca Klose im Büro des Mobilen Beratungsteams gegen Rechts (MBR)
       
       taz: Frau Klose, die Zahl der Rechtsextremen in Berlin ist seit Jahren
       nicht wirklich gesunken. Bei rechten Straftaten gibt es gar einen
       deutlichen Anstieg. Frustriert Sie Ihr Job nicht? 
       
       Bianca Klose: Sie müssen schauen, was Projekte wie unsere Mobile Beratung
       überhaupt leisten können: Wir wären völlig überfordert, den Erfolg unserer
       Arbeit am Steigen oder Sinken der Zahl rechtsextremer Gewalttaten zu
       bemessen. Wie soll das auch funktionieren? Es kommt ja niemand auf die
       Idee, die Polizei abzuschaffen, nur weil die Zahl der Straftaten steigt.
       
       Vor acht Jahren haben Sie die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR)
       gegründet. Was, glauben Sie, hat Ihre Beratung bisher gebracht? 
       
       Wir haben erreicht, dass die Politik in Berlin weitaus sensibler geworden
       ist im Umgang mit Rechtsextremismus. Und wir setzen auf eine Stärkung der
       Zivilgesellschaft und wenden uns an diejenigen, die sich für Demokratie
       einsetzen. In allen Kiezen dieser Stadt gibt es inzwischen Initiativen und
       Ansprechpartner für dieses Anliegen.
       
       Aber hat das auch dem Rechtsextremismus geschadet? 
       
       Wenn Demokraten gestärkt auftreten, haben es Rechtsextreme schwerer, auf
       Wählerfang zu gehen. Und wenn der NPD-Vorsitzende Udo Voigt auf seinem
       Bundesparteitag Anfang April eingestehen muss, dass er zuvor 65 Absagen auf
       seine Raumanfragen kassiert hat, dann ist das doch ein großartiger Erfolg.
       Es ist uns gelungen, dass die NPD in dieser Stadt als das wahrgenommen
       wird, was sie tatsächlich ist: eine rechtsextreme, rassistische,
       antisemitische und menschenverachtende Partei. Sie hat es inzwischen sehr
       schwer, sich öffentlich in Szene zu setzen. Das war früher keineswegs
       selbstverständlich.
       
       Es hat vorher Berliner gegeben, die die NPD nicht als rechtsextrem
       wahrgenommen haben? 
       
       Die NPD versucht immer, sich als normale Partei zu inszenieren. Das Problem
       sind aber nicht nur die Neonazis auf der Straße. Auch in der Mitte der
       Gesellschaft stoßen wir immer wieder auf Menschen mit antisemitischen oder
       rassistischen Stereotypen. Da werden ganz unhinterfragt rechtsextreme
       Ressentiments geäußert, ohne dass sich diese Personen selbst als Nazi
       bezeichnen würden. Für dieses Problem versuchen wir zu sensibilisieren.
       
       Machen Sie diese weitverbreiteten rechten Ressentiments fassungslos? 
       
       Das weniger. Vielmehr zeigt sich, dass wir noch viel zu tun haben und
       diejenigen erreichen müssen, die zwar nicht unbedingt die NPD wählen, aber
       am Stammtisch nicht weniger rassistische Parolen von sich geben. Auch die
       demokratische Zivilgesellschaft ist nicht frei von solchen Ressentiments.
       
       Sie kommen aus Göttingen, in den 1990er-Jahren bekannt als Hochburg der
       Antifa. Rührt daher Ihr Interesse am Rechtsextremismus? 
       
       In erster Linie habe ich mich damals in meinem Politikstudium mit dem Thema
       wissenschaftlich beschäftigt und meine Zwischenprüfung zur Freiheitlichen
       Deutschen Arbeiterpartei (FAP) geschrieben. Es war ein Skandal, dass eine
       so hoch militante, rechtsextreme Organisation wie die FAP lange Jahre von
       der Politik geduldet und erst 1995 verboten wurde. Als ich im Jahr 2000
       nach Berlin gekommen bin, habe ich hier, vor allem aber auch in den Neuen
       Bundesländern kennengelernt, was Rechtsextremismus im Alltag tatsächlich
       bedeutet.
       
       Gab es für Sie ein konkretes Schlüsselerlebnis? 
       
       Nein. Und ich bin natürlich froh, nicht selbst Opfer rechtsextremer Gewalt
       geworden zu sein. Ich finde auch, es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass
       man erst einen persönlichen Leidensdruck haben muss, um sich gegen
       Rechtsextremismus einzusetzen. Es sollte doch das Anliegen aller sein, sich
       gegen diejenigen zu engagieren, die unsere Freiheit bekämpfen. Da war
       Göttingen schon ein Vorbild.
       
       Wieso? 
       
       In Göttingen gab es - nicht zuletzt aufgrund einer gut organisierten
       Antifa-Szene - einen weit ins bürgerliche Lager reichenden Konsens, dass
       Neonazis in der Stadt nichts zu suchen haben. Damit war es den
       Rechtsextremen jahrelang nicht möglich, in der Stadt aufzumarschieren und
       sich als normale Kraft zu inszenieren. Mir hat das deutlich gemacht, wie
       wirkungsvoll es sein kann, wenn eine Stadt zusammenhält.
       
       Sie schließen auch gewaltbereite Antifas aus diesem Konsens nicht aus? 
       
       Militanz ist nicht das Mittel der MBR, und wir rufen auch nicht dazu auf.
       Für uns ist entscheidend, dass Antifas seit Jahren wertvolle Arbeit
       betreiben, sei es bei der Recherche über Neonazis oder bei
       Öffentlichkeitskampagnen, zum Beispiel gegen die bei Rechten beliebte
       Kleidungsmarke Thor Steinar. Ich finde, die Politik und die Bürger sollten
       auch solche Arbeit wertschätzen. Und außerdem zeigen die Gewaltstatistiken
       deutlich, dass die Gefahr in diesem Land nicht von linker Militanz, sondern
       von rechtsextremer Gewalt droht.
       
       Sie persönlich machen doch ständig die Erfahrung, wie schwer ein
       bürgerliches Bündnis zu erhalten ist, wenn militante Antifas mal wieder
       besonders martialisch aufgetreten sind. 
       
       Meine Aufgabe ist es, stabile Netzwerke zu schaffen und zwischen den
       Engagierten zu moderieren. Das kann zwischen Antifas und Bürgern genauso
       schwierig sein wie zwischen der CDU und der Linkspartei. Immer wieder habe
       ich aber die Erfahrung gemacht, wie die Engagierten in jahrelanger
       Zusammenarbeit gegenseitige Ressentiments abgebaut haben und nun gemeinsam
       und mit professionellen Absprachen an einem Strang ziehen. Dass sich in
       Berlin inzwischen eine Bezirksbürgermeisterin neben Antifas zu Blockaden
       gegen Neonazi-Aufmärsche auf die Straße setzt, ist doch der beste Beweis
       dafür.
       
       So wie am vergangenen Freitag, dem 1. Mai, in Köpenick, als ein buntes
       Bündnis gegen ein NPD-Fest protestierte? 
       
       Ganz genau. In Köpenick hat sich gezeigt, wie kraftvoll Protest sein kann,
       wenn er breit aufgestellt ist und in seinen Formen vielfältig. Auf der
       Straße standen Vertreter der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen
       zusammen, während andere den Bahnhof mit Blockaden besetzten. Diese
       Vielfalt, gerade auch der Protestformen, war ein voller Erfolg, ein starkes
       Zeichen gegen die NPD. Das sollte ein Modell für die Zukunft sein.
       
       Ihre Arbeit weiß inzwischen auch Ehrhart Körting (SPD) zu schätzen. Macht
       Sie das nicht stutzig, wenn selbst ein Innensenator so von Ihnen schwärmt? 
       
       Wo meiner Meinung nach Kritik nach oben angebracht ist, artikuliere ich die
       auch. Generell bin ich aber schon froh, dass wir es unter diesem Senat
       leichter haben als Mobile Beratungen in anderen Bundesländern. So hat Herr
       Körting eine von uns ausgearbeitete antirassistische Sportstättenordnung
       auf den Weg gebracht. Und in dieser Stadt gibt es einen Polizeipräsidenten,
       der seinen Mitarbeitern verbietet, Thor-Steinar-Kleidung zu tragen. Es wäre
       skandalös, wenn Polizisten diese Marke weiter tragen würden, während
       regelmäßig Bürger gegen Thor Steinar auf die Straße gehen. Daher ist das
       ein ganz wichtiges Signal des Polizeipräsidenten.
       
       Herr Körting kritisiert Sie jedoch wegen Ihrer Idee einer
       antifaschistischen Mietklausel für die NPD. Der Innensenator hält dies für
       kein rechtsstaatliches Instrument. 
       
       Seit die NPD 2006 eine Veranstaltungsoffensive ausgerufen hat und nicht
       mehr in Hinterzimmern piefiger Gaststätten, sondern in großen öffentlichen
       Räumen tagen will, werden die Bezirksämter regelmäßig mit Raumanfragen von
       der NPD konfrontiert. Viele denken, die Partei ist ja nicht verboten, also
       kriegen sie die Räume. Ich finde das falsch. Die NPD ist keine normale
       Partei, und das muss man den Bürgern immer wieder klarmachen. Mit unserem
       Nutzungsvertrag gibt es die klare Auflage, auf den Veranstaltungen keine
       rechtsextremen Äußerungen und Symbole zu erlauben. Inzwischen findet unser
       Konzept bundesweit Anwendung.
       
       Aber muss man nicht auch der NPD das Parteien- und Versammlungsrecht
       zugestehen? 
       
       Was ist daran nicht rechtsstaatlich, wenn ein Bezirksamt sagt: Ich dulde in
       den Räumen, die mir gehören, keine antisemitischen, rassistischen und
       menschenverachtenden Äußerungen? Das ist doch eine ganz klare demokratische
       Positionierung.
       
       Machen Sie es mit solchen Auflagen der NPD nicht zu leicht, sich als Opfer
       zu inszenieren? 
       
       Rechtsextremisten inszenieren sich doch ständig als Opfer: als Opfer des
       Staates, als Opfer der Alliierten, als Opfer der "Systempresse", als Opfer
       einer vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung. Diesen Inszenierungen
       sollte man nicht auf den Leim gehen. Auf ihrem Bundesparteitag im April in
       bezirkseigenen Räumen hat die NPD ihr wahres Gesicht doch wieder deutlich
       gezeigt. Im Auftrag des Bezirksamtes war ich mit dessen Mitarbeitern im
       Saal, und wir wurden derart von NPD-Ordnern bedroht, dass wir von der
       Polizei aus dem Saal geleitet werden mussten.
       
       Wäre dann ein Verbot der NPD, wie etwa Innensenator Körting es fordert,
       nicht die sauberere Lösung? 
       
       Aus demokratietheoretischer Sicht habe ich zwar immer Probleme mit
       Verboten. Dennoch bleibt es eine Selbstverständlichkeit, eine
       nationalsozialistische Partei zu verbieten. Das wäre allein schon deshalb
       folgerichtig, weil die NPD inzwischen zum Sammelbecken vieler verbotener
       Organisationen geworden ist. Mit einem NPD-Verbot würde man der
       rechtsextremen Szene daher eine ganz wichtige Struktur- und
       Finanzierungsquelle nehmen. Solch ein Schritt darf aber nicht dazu führen,
       dass die Bürger denken, damit hätte sich das Problem erledigt.
       
       Wie ist die NPD eigentlich selbst auf Sie zu sprechen, wenn Sie ihr ständig
       Fallstricke bauen? 
       
       Natürlich bin ich ein Feindbild der rechtsextremen Szene und erlebe
       regelmäßig Bedrohungen. Zugleich zeigen die Anfeindungen aber, wie
       zielführend und schmerzhaft unsere Beratungen und Maßnahmen für sie sind.
       
       Stecken Sie diese persönlichen Bedrohungen einfach so weg? 
       
       Situationen wie auf dem letzten NPD-Bundesparteitag, wenn sich zwei Ordner
       vor mir aufbauen und sagen: "So, jetzt legen wir gleich mal Hand an", oder
       wenn ein NPD-Vorstandsmitglied seine Arme demonstrativ auf meine Sitzlehne
       legt und mir ins Ohr flüstert: "Du bist hier nicht erwünscht. Hast du mich
       verstanden?" - das sind klare Szenarien persönlicher Bedrohung, auf die man
       gern verzichten würde. Die müssen aber leider viele erleben, die sich gegen
       Rechtsextremismus engagieren.
       
       Sind solche Bedrohungen Ihren Job wert? 
       
       Genau das wollen die Rechtsextremen ja: Einen so lange einschüchtern, bis
       man aufhört. Aber ich kann mich doch nicht wegducken und gleichzeitig die
       Bürger auffordern, gegen Rechtsextremismus öffentlich aufzutreten. Leider
       bedarf es in diesem Land nach wie vor eines gewissen Mutes, wenn man sich
       mit Rechtsextremismus auseinandersetzt.
       
       Ganz ehrlich: Hat es nicht einmal den Moment gegeben, an dem Sie diese
       ganze Arbeit gegen Neonazis hinschmeißen wollten? 
       
       Der Grund, warum ich die MBR gegründet habe und nach wie vor am Ball
       bleibe, ist ganz sicher weder der Spaß noch das Geld. Viel verdienen kann
       man hier nicht. Und natürlich ist es unerträglich, permanent mit
       Rechtsextremen konfrontiert zu sein. Aber für mich ist es die
       Herausforderung, mit meinem Team und engagierten Menschen vor Ort
       tagtäglich genau dagegen vorzugehen. Ein Ermüdungseffekt wäre doch exakt
       das, was die Neonazis mit ihren täglichen Provokationen erreichen wollen.
       Und diesen Gefallen werden wir ihnen nicht tun.
       
       Das sagt der Kopf. Aber was sagt Ihr Bauch? 
       
       Machen wir uns nichts vor: Diese Arbeit ist mühsam. Und wir haben trotz
       aller Unterstützung vom Senat nach wie vor keine Planungssicherheit. Die
       Zuwendungen, die wir erhalten, gelten nur für ein Jahr. Wenn in
       regelmäßigen Abständen die Finanzierung des Projekts infrage gestellt wird,
       ist das natürlich eine enorme Belastung. Würden wir nicht so viel
       Unterstützung der Menschen aus den Kiezen erhalten, die dann empörte Briefe
       an die Politiker schreiben, hätte sich bei mir schon häufiger ein Gefühl
       der Ermattung breitgemacht.
       
       Wie lange werden Sie diesen Job noch machen? 
       
       Wenn es die Geldgeber zulassen, hoffentlich noch sehr lange.
       
       Aber wäre es nicht besser, Ihre Arbeit wäre irgendwann einmal nicht mehr
       notwendig? 
       
       Sicherlich. Und wir arbeiten ja auch tagtäglich intensiv an unserer eigenen
       Überflüssigkeit. Leider denke ich, dass dies trotzdem noch einige Zeit
       dauern wird.
       
       4 May 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Konrad Litschko
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