# taz.de -- Zukunft des Gipfeltreffens: Gute Nacht, G 8
       
       > Die G 8 erscheint vielen als nicht mehr zeitgemäß. Aber was sind die
       > Alternativen? Ein G 20-Gipfel mit den Schwellenländern - oder gar nur
       > noch G 2-Treffen von USA und China?
       
 (IMG) Bild: Hat die Gruppe der Acht die Zukunft bereits hinter sich?
       
       L'AQUILA taz | Einem liebgewonnenen Ritual folgend werden sich an diesem
       Mittwoch die Staats- und Regierungschefs der G-8-Staaten zu ihrem 35.
       Gipfel treffen. Doch längst ist nicht mehr eindeutig, dass dabei die
       führenden Industrienationen über die Geschicke der Weltwirtschaft und der
       Weltpolitik beraten. Erstmals hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)
       die Sinnhaftigkeit von G-8-Gipfeln in Zweifel gezogen. Die führenden
       Industrieländer könnten die globalen Probleme nicht mehr allein regeln,
       sagte sie vergangene Woche in ihrer Regierungserklärung. "Ich denke, dass
       die G 20 das Format sein sollte, das wie ein überwölbendes Dach die Zukunft
       bestimmt." Die G 8 werde bloß noch "in das Format einer Vorbesprechung
       hineinwachsen".
       
       Der einst so prunkvoll gefeierte Gipfel herabdegradiert auf eine
       "Vorbesprechung"? Die Globalisierungskritiker freut es, weshalb sie auch
       kaum noch zu Protesten mobilisieren. Dass das Treffen aber für Merkel keine
       Relevanz mehr hat, überrascht dann doch. Schließlich war sie es, die sich
       im vorigen Jahr beim Gipfel in Toyako zusammen mit Gastgeberland Japan am
       hartnäckigsten dagegen sträubte, den Kreis der G 8 zu erweitern. Die
       Japaner befürchteten einen Machtverlust, wenn sie mit China und Südkorea an
       einem Tisch sitzen würden. Und Merkel meinte, man müsse darauf achten, dass
       die G-8-Gruppe "nicht verwässert" werde.
       
       Nun ist Deutschland umgeschwenkt. Bei näherem Hinsehen kommt diese
       Kehrtwendung allerdings nicht ganz so überraschend. Denn so pompös und
       aufwändig die japanischen Gastgeber den Gipfel organisiert hatten - auch im
       Kanzleramt lässt sich nicht mehr verschweigen, wie mager die Ergebnisse von
       Toyako ausfielen. Ob Klimaschutz, Ölpreis oder Nahrungsmittelkrise - in
       Japan zeigte sich, dass die G-8-Staaten ohne Unterstützung der
       Schwellenländer die Probleme nicht mehr in den Griff bekommen.
       
       Weder konnten sich die Regierungschefs auf konkrete Zahlen bei der
       Reduktion des CO2-Ausstoßes einigen, noch kamen sie dem Versprechen nach,
       die Entwicklungsländer bei der Armutsbekämpfung mit einer Milliardenhilfe
       zu unterstützen. Und von einer drohenden Finanzkrise wollte in Toyako noch
       keiner der G-8-Staatschefs etwas gewusst haben.
       
       Als "ernüchternd" bezeichnete der Leiter des UN-Umweltprogramms (Unep),
       Achim Steiner, die Ergebnisse von Toyako beim Klimaschutz. "Verheerend"
       nannte es Walden Bello von der Nichtregierungsorganisation "Focus on the
       global South", dass die G-8-Staaten über die Krise hinweggesehen hätten,
       als würde es sie gar nicht geben.
       
       Mit einjähriger Verspätung steht das Thema Regulierung der Finanzmärkte nun
       in Italien auf der Agenda. Außerdem soll es, wie schon in Japan, um die
       Armutsbekämpfung und den Klimawandel gehen. Vollmundig hat "Klimakanzlerin
       Merkel" erklärt, dass sie ein halbes Jahr vor dem großen UN-Klimagipfel in
       Kopenhagen ihre Amtskollegen zu einer gemeinsamen Erklärung verpflichten
       wolle, wonach die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 nicht mehr als 2 Grad
       gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter betragen darf. Sie hofft vor allem
       auf US-Präsident Barack Obama, der angekündigt hat, eine Vorreiterrolle im
       Klimaschutz zu übernehmen.
       
       Allerdings sind die Erwartungen gedämpft. "Ich glaube nicht, dass sich alle
       Mitglieder auf eine gemeinsame Position einigen werden", sagt Milena
       Elsinger von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Auch
       in Sachen Finanzmarktregulierung ist nach dem anfänglichen Aktionismus
       unmittelbar nach Ausbruch der Krise kaum mehr etwas zu spüren. Deutschland
       und Großbritannien streiten seit Wochen über die Kompetenzen künftiger
       EU-Aufsichtsbehörden. Und Bekundungen auf dem letzten G-20-Treffen in
       London wie etwa die Austrocknung der Steueroasen drohen daran zu scheitern,
       dass auf nationaler Ebene bisher nichts getan wurde. Auch in LAquila werde
       es bloß "vage Absichtserklärungen geben, bei denen fraglich ist, ob sie
       jemals in die Praxis umgesetzt werden", glaubt Elsinger.
       
       Der DGAP hält den G-8-Gipfel insgesamt für nicht mehr zeitgemäß und geht in
       der Kritik noch weiter als Merkel. Es gebe keine Rechtfertigung mehr dafür,
       dass die westlichen Industrienationen unter sich bleiben wollten, meint
       Elsinger.
       
       Inwiefern jedoch die G 20 die G 8 ersetzen wird, bleibt ebenfalls fraglich.
       Zwar sind in dieser Gruppe immerhin zwei Drittel der Weltbevölkerung
       vertreten, die 90 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts, 80 Prozent
       des Welthandels bestreiten und zusammen für mehr als 80 Prozent des
       CO2-Ausstoßes verantwortlich sind. Doch für eine gemeinsame Politik reicht
       dies noch nicht. Industrie- und Schwellenländer haben vielmehr in vielen
       Punkten unterschiedliche, wenn nicht gar gegensätzliche Interessen. Waren
       sich gerade beim Klimaschutz die G-8-Staaten schon untereinander uneins,
       wird dies in der Gruppe der 20 noch sehr viel schwieriger werden.
       "Gemütliche Kaminrunden wie in den Siebzigerjahren wird es mit diesen
       Ländern nicht mehr geben", sagt der G-8-Spezialist der kanadischen
       Universität Waterloo, Andrew Cooper.
       
       Die Politikwissenschaftlerin Elsinger hat beobachtet, dass die
       Vormachtstellung der G 8 auch durch Zusammenschlüsse der Schwellenländer
       infrage gestellt wird, der Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und
       China) etwa, der Schanghai-Gruppe (China, Russland und zentralasiatische
       Staaten) oder regionalen Bündnissen in Lateinamerika. Und Inge Kaul,
       frühere Direktorin des UN-Entwicklungsprogramms und inzwischen Professorin
       an der Hertie-School of Governance, verweist auf die zunehmende Relevanz
       von bilateralen Gesprächen. Allen voran der "G 2" misst sie in naher
       Zukunft am meisten Macht bei. Die G 2, das sind die USA und China.
       
       8 Jul 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Lee
       
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