# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (Teil 1): „Engel“ bedeutet „Hindernis“
       
       > Rund um das Engelbecken zwischen Kreuzberg und Mitte beginnt nach der
       > Wende eine deutsch-türkische Vereinigung. Manches Vorurteil über die
       > andere Seite löst sich dabei auf unerwartete Weise auf.
       
 (IMG) Bild: Die 1. Etappe
       
       Hier ist es auch bei Regen schön: Die Tropfen tanzen auf der blanken Fläche
       des Engelbeckens Ballett. Die längliche, oben abgerundete und unten barock
       eingebogene Form und die Laubengänge rundherum lassen das Becken wie einen
       Spiegel aussehen. Im Winter kann man auf der fußballfeldgroßen Fläche
       Schlittschuh laufen und Eishockey spielen. Das Wasser ist nicht tief, das
       Eis trägt schnell. Bei schönem Wetter strecken vier Wasserschildkröten ihre
       greisenhaften Köpfchen in die Sonne. Sie seien vor einigen Jahren dort
       ausgesetzt worden, erzählt der Wirt des Cafés am Engelbecken. Cafégäste
       füttern sie mit Brot, um das sie mit Fischen, Spatzen und Möwen streiten
       müssen.
       
       Die Bebauungen an drei Seiten des Engelbeckens, das an der vierten in die
       Grünanlage Richtung Oranienplatz mündet, sind auffallend unterschiedlich:
       auf Kreuzberger Seite die typischen, teils schmuck stuckverzierten
       Altbauten wie der Engelbeckenhof, auf ehemals Ostberliner Seite, jetzt
       Mitte, ebenso typische Plattenbaukolosse, längst modernisiert und mit
       bunten Balkonen verschönert. Vom Café aus rechts sieht man auf Neubauten,
       wie sie seit den Neunzigern überall entstanden sind: Beton und roter Stein,
       viel Glas und Stahl – postmoderne Beliebigkeit mit Aufzug, Einbauküche und
       Marmorbad. Die Mieten sind hoch.
       
       Die Neubauten stehen auf dem ehemaligen Grenzstreifen, der hier Ost- und
       Westberlin in ungewöhnlicher Breite trennte. Grund dafür war das
       Engelbecken: Jedem Zugang verschlossen lag das Bassin, einst Teil einer
       eleganten, von dem Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné 1840
       entworfenen Grünanlage, hier im Niemandsland. Nach Kriegsende war es mit
       den Überresten zerbombter oder später abgerissener Häuser zugeschüttet
       worden. Erst zehn Jahre nach dem Mauerfall, 1999, wurde das Becken
       freigebaggert: Auftakt zur Wiederherstellung der alten Anlage. Es füllte
       sich damals ganz von selbst mit Wasser und wurde prompt wieder eingezäunt,
       da keiner wusste, woher das Wasser kam.
       
       Als ich damals in eins der Plattenhäuser am Engelbecken einzog, gab es dort
       eine einzige türkische Mieterin: K., die als Kommunistin in den Achtzigern
       aus der Türkei in die DDR geflüchtet war. Meine ansonsten deutschen
       Nachbarn betrachteten das türkische Leben in Kreuzberg nach wie vor aus der
       Distanz. Anders als K.s Sohn gingen ihre Kinder nicht dort zur Schule. Sie
       kauften auch lieber im Kaufhof am Alex als bei Karstadt am Hermannplatz
       ein. Bei meinen Recherchen für einen Radiobeitrag über das Zusammenleben
       zehn Jahre nach dem Mauerfall klagten beide Seiten über die Zunahme von
       Autodiebstählen: „Das sind die Türken aus Kreuzberg“, hieß es auf
       Mitte-Seite. Diese glaubten ihrerseits: „Das sind die Polen, die jetzt alle
       herkommen dürfen.“ „Engel“ bedeutet im Türkischen übrigens „Hindernis“.
       
       Erster Annäherungspunkt der neuen Nachbarn war die Aldi-Filiale, die in den
       neu erbauten Häusern auf dem ehemaligen Grenzstreifen eröffnete.
       Mittlerweile hat sich hier auf dem ehemaligen Niemandsland zwischen Ost und
       West eine bunt gemischte Bewohnerschaft niedergelassen: Der Kiosk gehört
       einem Kurden, der Thai-Imbiss Vietnamesen, der Bäcker Russen.
       Explattenbauler wohnen neben türkischstämmigen Exkreuzbergern. Die
       russische, die chinesische und die türkische Botschaft haben in den
       komfortablen Häusern Wohnungen für Mitarbeiter gemietet oder gekauft.
       
       Auch das Café am Engelbecken gehört jungen Deutschtürken. Vor Jahren
       erzählten sie mir davon, wie schwer es war, ihre Geschäftsidee umzusetzen:
       Den Behörden von Mitte und Kreuzberg war damals nämlich nicht klar, welcher
       Bezirk eigentlich für die Genehmigung des kleinen Häuschens, für die
       Anschlüsse an Strom, Wasser und Kanalisation zuständig sei. Nicht einmal
       eine richtige Adresse gab es anfangs für das Café. Heute sitzt man unter
       Palmen direkt am Wasser und kann den Spaziergängern zusehen.
       
       In Richtung Osten zwischen Bethaniendamm auf Kreuzberger und Engeldamm auf
       Mitte-Seite ist die Grünanlage auf dem alten Mauerstreifen ebenfalls
       wiederhergestellt.
       
       Hier, in einem der Häuser an dem auf Ostberliner Seite gelegenen Stück der
       Adalbertstraße, lebte Ende der 80er ein Mann, den ich Jahre später bei
       meiner Nachbarin K. kennenlernte. Er hat mir damals seine
       Mauerfallgeschichte erzählt, die wunderschön aufzeigt, wie Vorurteile
       entstehen und sich auflösen können: Als Bauarbeiter war er in den späten
       Achtzigern aus der Türkei nach Ostberlin gekommen; wegen der massenhaften
       Republikflucht holte kurz vor ihrem Ende auch die DDR Arbeitskräfte von
       dort. Jeden Abend habe er von der Kreuzberger Seite der Mauer Schafe
       blöken, Ziegen meckern, Esel schreien gehört – und all das Schlechte
       bestätigt gefühlt, was über die Deutschtürken in der Türkei gern erzählt
       wurde: „Unsere Landsleute, diese unzivilisierten Bauern, leben in
       Deutschland weiter wie auf ihrem Dorf!“ Als die Mauer dann fiel, ging er
       die Dorftrottel suchen. Was er fand, war der Kreuzberger Kinderbauernhof.
       
       9 Jul 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alke Wierth
       
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 (DIR) Mauerradweg
       
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