# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (Teil 2): Die Reiher warten schon
> Hinter dem Schlesischen Tor schlängelt sich der Mauerweg lange durch eine
> grüne Idylle. Statt Geschichte entdeckt man das abseitige Berlin jenseits
> der Reiseführer: Rentner, Renndackel, Reiher.
Der Schießbefehl gilt noch. Anders ist gar nicht zu erklären, warum der
Reiher mitten im Flutgraben auf einem kleinen Wehr regungslos verharrt.
Mitten im Wasser zwischen Treptow und Kreuzberg, zwischen Ost und West. Hat
nicht gerade jemand in tiefsten Sächsisch, furchtbar verzerrt durch einen
klapprigen Lautsprecher, gebrüllt: „Stehen bleiben, nicht bewegen, sonst
wird scharf geschossen“?
Es sind nicht unbedingt Szenen wie diese, die sucht, wer sich auf den
Mauerweg begibt; auf diese einstige Schneise zwischen dem kommunistischen
und den kapitalistischen Block. Eigentlich möchte man etwas von dem Gefühl
von damals (wieder)entdecken oder etwas vor Augen haben, angereichert mit
Geschichte(n). Das Schöne daran ist, dass zumindest einige Orte noch
vorhanden und begehbar sind; das Furchtbare – oder furchtbar Enttäuschende
– ist, dass sich dieses Gefühl fast nie einstellt. Was bleibt, sind oft
etwas schiefe Bilder wie das vom Reiher, bei denen die Gegenwart die
Vergangenheit deutlich überlagert.
Anfangs war unklar, ob der Reiher überhaupt lebendig ist oder eine
Installation eines durchgeknallten Kreuzberger oder etablierten Treptower
Künstlers: Der lange Hals, mit dem der Vogel locker über jede Mauer blicken
könnte; die staksigen Beine, mit denen er auch tiefe Gräben durchwaten
kann. Eigentlich ein schönes Symbol. Aber das Tier ist echt; es kümmert
sich nur nicht um die Enten, die ab und an vorbeifliegen; lässt sich nicht
beirren von den Ausflugsdampfern namens „Spreediamant“ und „Belvedere“ in
seinem Rücken auf dem Landwehrkanal, von den Fischen, die manchmal aus dem
Wasser plöppen.
Der Mauerweg ist weniger ein Weg in die Vergangenheit als in die Gegenwart
Berlins. Gerade auf der Etappe zwischen Schlesischen Tor und Neuer
Späthstraße zeigt sich das. Natürlich finden sich historische Relikte am
Wegesrand. Gleich zu Beginn einer der wenigen erhaltenen Wachtürme der
DDR-Grenzer, jetzt ein Museum. Später, und etwas abseits der offiziellen
Strecke, das monströse Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park. Auch mehrere
Denkmäler der Bezirke erinnern an die Opfer der Trennung.
Und doch lernt man eher das abseitige Berlin kennen, die Stadt jenseits der
für Touristen hochgejubelten Szene und City. Also Rentner mit Rollatoren,
die sich über den gut geteerten Mauerweg schieben; arbeitslose Frauchen mit
grellroten Strähnchen im Haar, die Moni („eigentlich Monique“) heißen und
sich von Dackeln führen lassen. Horden von Rennradlern. Pärchen, deren
Dialoge häufig mit Sätzen wie „Sind ja doch keine Gelder da“ enden.
„Da ist er ja wieder.“ Die sonnenbebrillte Radfahrerin macht einen
Kurzstopp auf der Treptower Brücke. „Ich freue mich jeden Tag, wenn ich ihn
sehe.“ Der grenzüberschreitende Reiher hat schon eine gewisse Berühmtheit
erlangt. Einige Tage habe der ausgestreckt gut einen Meter lange Vogel sich
nicht mehr gezeigt. Denn er sitze immer genau dort – zwischen Kreuzberg und
Treptow, sagt die Frau. Aber wie lange er bleibt, weiß sie nicht. „Ich muss
ja weiterfahren.“
Der Mauerweg zwischen Treptow und Neukölln zeigt auch, was die
Wiedervereinigung wirklich gebracht hat: Supermärkte. An vielen Ecken auf
dem Mauerstreifen haben sie sich breit gemacht, die Brachen überdeckt mit
austauschbaren Nutzneubauten: Rewe, Netto, Aldi. Öde.
Zusammengewachsen, ohne zusammenzugehören, ist die Anreihung von
Gartenkolonien entlang der Kiefholzstraße. „Sorgenfrei“ und „Mississippi“
heißen sie im Osten, „Freiheit“ und „Märkische Schweiz“ im Westen.
Dazwischen der Weg. Nichts Verbindendes. Tiefgrün wird es danach, Vögel
zwitschern, auf beiden Seiten, verborgen hinter Gebüschen, mehrstöckige
Wohnbauten aus vier Nachkriegsjahrzehnten, frisch gestrichen. Der
Mauerstreifen als Idyll.
Nahe der Stele für Chris Gueffroy, den letzten Mauertoten, sitzt Helmut
Meyer. Unter dem Dach einer Rasthütte, neben sich eine komplette
Funkausrüstung samt Autobatterie, darüber eine zehn Meter hohe
Steckantenne. „Bitte der Rudi mal melden“, spricht er in sein Gerät. Es
knackt, rauscht, sonst passiert nichts. Auch „Weichseline“ und „Günter“
haben offenbar keine Lust zu antworten. Seit gut zwei Stunden harrt Meyer
jetzt hier aus, hatte zwar sogar schon mit England Kontakt, aber seine
Freunde an der nahen Sonnenallee, drüben im Westen, jenseits des Britzer
Verbindungskanals, bleiben still. Genau umgekehrt wie damals vor langer
Zeit, als die Mauer noch stand. „Die im Osten haben viel mitgehört“,
berichtet der Rentner, der ebenfalls in Neukölln wohnt. „Aber mit uns
sprechen, das ging nicht. Die wären sofort angepeilt worden von der Stasi.“
Das ist jetzt vorbei – die große Zeit der Funker in Ost und West aber auch.
„Die Handys haben das kaputtgemacht.“
Auf dem Rückweg nach Kreuzberg sitzt der Reiher immer noch da. Vielleicht
auch: wieder. „Toll, der Fischreiher“, sagt die ältere Dame zu ihrem
Gatten. Fischreiher? Weil er Fische isst? Oder doch eher Graureiher, weil
er grau ist? „Hm. Vielleicht eher Letzteres – aber man erkennt ihn so
schlecht, wie er da so ruhig sitzt.“ Eigentlich auch egal.
Und dann bewegt er sich doch: drei Schritte Richtung Westen! Unbeeindruckt
von allen Grenze(r)n. „Valentino, Valentino! Falsche Richtung. Jetzt gibts
Ärger!“ Kurze Schrecksekunde. Doch die Drohung galt nicht dem Reiher. Es
ist nur die Chefin der Kitagruppe auf der Jagd nach einem Ausreißer. Die
Mauer ist schließlich längst Geschichte.
14 Jul 2009
## AUTOREN
(DIR) Bert Schulz
## TAGS
(DIR) Mauerradweg
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