# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (Teil 4): Aug in Aug mit dem Systemfeind
       
       > Gisela Kavelmann hat von ihrem Haus aus gesehen, wie die Mauer gebaut –
       > und wieder abgerissen wurde.
       
       Ihr Haus fällt auf im südöstlichen Zipfel von Lichtenrade. Nicht durch
       Extravaganz, Größe oder Schönheit – im Gegenteil, es ist ein Exot geworden,
       das beinahe letzte seiner Art mit der grauen, verwitterten Fassade und den
       alten Holzfenstern. Die Umgebung prägen ansonsten Neubauten:
       Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften. „Hier wohnt fast niemand mehr, der
       auch schon zu DDR-Zeiten da war“, sagt Gisela Kavelmann. Alle zugezogen:
       aus dem übrigen Westberlin, aus anderen Bundesländern.
       
       Die 68-jährige Rentnerin sitzt auf der Terrasse ihres Elternhauses, blickt
       in ihren Garten und genießt die Sonne. Seit 1955 wohnt sie mit einer
       zehnjährigen Unterbrechung am Ende der Tutzinger Straße, danach kommt nur
       noch Wald. Den Großteil ihres Lebens hat sie von hier aus auf die
       dreieinhalb Meter hohe Betonmauer geblickt, die am Ende des Gartens den
       Blick auf das DDR-Niemandsland dahinter versperrte. Heute ist aus dem
       grauen Beton grüne Natur geworden: Die Bäume sind in die Höhe geschossen,
       Hecken und Sträucher haben den ehemaligen Grenzstreifen bis zur
       Unkenntlichkeit verändert.
       
       „Es war merkwürdig damals. Zuerst war nur Stacheldraht da, und dann haben
       sie Stück für Stück diese Mauer errichtet“, erinnert sich Kavelmann. Sie
       hat es beobachtet und gestaunt. Auch, als einige Jahre später noch einmal
       alles abgerissen und noch höher neu aufgebaut wurde. Wirklich genervt haben
       vor allem die bellenden Wachhunde der DDR-Grenzsoldaten und das Licht der
       meterhohen Laternen, das nachts auch den Garten der heutigen Rentnerin
       ausgeleuchtet hat. Und die Grenzer, die von ihren Wachtürmen aus besten
       Blick auf die Terrasse hatten und sie immer wieder beobachteten.
       
       Kavelmann und ihre damaligen Nachbarn haben das Beste aus der Mauer
       gemacht. „Das sah so trist aus, also haben wir Blumen und Pflanzen davor
       gepflanzt, Bilder aufgehangen und Nägel reingehaun, damit wir unsere Wäsche
       trocknen konnten“, sagt sie. Aus Grau mach Bunt. Wenn die Pflanzen zu hoch
       wurden, gar über die Mauer hinauswucherten, haben die DDR-Grenzer sie immer
       weggeschnitten.
       
       Fragt man Gisela Kavelmann nach einer Anekdote aus dieser Zeit, fällt ihr
       sofort das Kätzchen ein. „Wir haben da was maunzen hören, irgendwann Ende
       der 80er, von der anderen Seite. Also haben wir eine Leiter genommen, an
       einem Seil einen Korb mit Fleisch heruntergelassen und das Kätzchen
       gerettet“, erzählt sie fröhlich. Rötlich-weiß war die kleine Katze; die
       Grenzer haben deren Retter gewähren lassen.
       
       Für die DDR-Bürger bedeutete der Mauerfall große Veränderung, für Frau
       Kavelmann vor allem freie Sicht und einen dunklen Garten in der Nacht. „Es
       war hier immer ruhig – und ist es auch jetzt noch“, sagt sie. Viel geändert
       habe sich sonst nicht.
       
       Natürlich hat die Euphorie vor 20 Jahren auch Frau Kavelmann mitgerissen.
       Am Tempelhofer Damm kamen die Trabbis rüber, die Westberlinerin brachte den
       Ostlern Obst und Gemüse, Sekt und Umarmungen. Echte Bekanntschaften oder
       gar Freundschaften haben sich aber bis heute nicht über die Grenze hinweg
       entwickelt.
       
       Nur ein paar neue Kollegen „von drüben“ wurden in der Berliner Behörde, in
       der Frau Kavelmann bis vor drei Jahren arbeitete, eingestellt. „Nette
       Menschen“ waren das. „Nur konnten sie nicht verstehen, dass sie auf einmal
       nicht mehr während der Arbeitszeit einkaufen oder zum Friseur gehen
       konnten“, erinnert sie sich. Ungerecht fand es Kavelmann, dass die
       Ostkollegen weniger als ihre Westkollegen verdient haben, obwohl alle ja
       irgendwann dieselbe Arbeit geleistet haben.
       
       Auch Frau Kavelmann war neugierig auf das unbekannte Land direkt vor ihrem
       Haus. „Wir konnten plötzlich laufen und fahren, wohin wir wollten, und das
       haben wir gemacht.“ Mit ihrem Mann hat sie im Auto die umliegenden
       Brandenburger Dörfer abgefahren.
       
       „Für uns war die DDR ja schlimmer als das Ausland, es war der einzige Fleck
       Erde, in den wir nicht durften.“ Deprimierend sei der Verfall und die Ödnis
       gewesen. Oft war sie seit diesem ersten Ostbesuch nicht in Brandenburg.
       
       Sie sieht heute keinen Grund zu feiern, das ist ihr alles nicht so wichtig.
       „Das ist jetzt wieder ein Land, wieder eine Stadt, die Normalität wurde
       hergestellt, und das ist gut so“, sagt sie. Und dass sie sich seit 20
       Jahren irgendwie freier fühlt, fast so wie ihre Nachbarn, die hinter der
       Mauer in der DDR lebten. „Wir haben plötzlich gemerkt, dass eigentlich wir
       die Eingesperrten waren.“
       
       21 Jul 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Paul Wrusch
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Mauerradweg
       
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