# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (Teil 5): Schottische Rinder im Niemandsland
       
       > Zwischen Lichtenrade und Lichterfelde verläuft der Mauerweg an der grünen
       > Stadtgrenze. In idyllischer Ruhe liegt ein kleiner Bauernhof – wo zu
       > DDR-Zeiten ein altes Gut gesprengt wurde.
       
 (IMG) Bild: Die 5 Etappe
       
       Trostlos trifft es ziemlich genau. Trostlos ist der geteerte Weg, den man
       zwölf Kilometer lang beschreitet. Trostlos ist auch der Ausblick auf die
       Felder zur Linken und die Mischung aus Kleingartenkolonie, Klärwerk und
       Hochhäusern zur Rechten. Und trostlos verläuft zunächst die Suche nach
       Spuren der Vergangenheit. Keine Stacheldrahtreste, kein überwucherter
       Betonpfahl, nicht mal ein vergessenes Mauerstück auf diesem
       Streckenabschnitt. Stattdessen ein kilometerlanger Grünstreifen. Das kann
       doch nicht alles gewesen sein!?
       
       Als Wanderer ist man zudem weit und breit der Einzige – und muss sich doch
       ständig in Acht nehmen: Vor den Radfahrern, die auf dem ehemaligen
       Patrouillenweg durch die Landschaft hetzen. Und vor „Lumpi“, „Hasso“ und
       „Rotraut“ aus Lichterfelde und Lichtenrade, die hier Gassi gehen.
       
       Nach gut zwei Dritteln der Strecke tauchen Dietmar und seine Frau Heidelore
       auf, zu Fuß und ohne Hund. Als pensionierter Zollbeamter Westberlins kennt
       Dietmar die Gegend gut. Ob noch irgendwas von der Mauer steht? Prompt
       verschwindet er im Gestrüpp – und wird doch nicht fündig. Dafür wird jedes
       parkende Auto am Jenbacher Weg von ihm ordnungsgemäß begutachtet: Die
       meisten stehen mit dem Heck im ehemaligen Osten und mit der Front in
       Berlin. Die vergangene Demarkationslinie ist präsenter, als man vermutet.
       
       Das alte Gut Osdorf 
       
       Doch Dietmar hat den entscheidenden Tipp. Rund 500 Meter abseits vom
       Mauerweg auf Brandenburger Gemarkung läge das alte Gut Osdorf, das in den
       späten Sechzigerjahren abgerissen wurde, weil es zu nah an der Grenze
       stand. Anfangs habe man es noch mit Passierscheinen und Sonderbewachung
       versucht, dann war schnell Schluss; die Bewohner wurden umgesiedelt. Aber
       da fänden sich bestimmt Überreste. Jetzt wirds doch noch spannend.
       
       Auch wer keinen Ortskenner trifft, stößt auf einem kleinen Parkplatz an der
       Ausfallstraße Richtung Osdorf auf einen Infokasten. Demnach blieb beim
       Abriss, bei dem auch die Hälfte des Waldes gerodet wurde, nur die Scheune
       stehen. Früher waren die Häuser von Rieselfeldern umgeben, auf denen die
       Berliner ihre Abwässer entsorgten. Hinter dem Aufsteller führt ein Pfad
       durch einen lichten Wald aus halbhohen Eichen und Birken. Hier ist kein
       Baum älter als 20 Jahre.
       
       Nach gut 300 Metern endet diese Zone, die gerade so breit ist wie der
       ehemalige Grenzstreifen. Danach wird es deutlich älter und dichter.
       Moosbewachsene Stämme liegen quer über dem Weg, dazu ein Teppich aus
       Springkraut. Es knackt und knistert in diesem dunklen Märchenwald. Kurz
       darauf stößt man auf eine Kopfsteinpflasterstraße, die gen Westen zu einem
       länglichen Backsteinbau führt. Eindeutige Spuren von Zivilisation. Die
       Scheune liegt wuchtig da. Hühnervieh amüsiert sich im Gehege davor,
       Geranien zieren den Balkon. Hinter dem Haus strahlt ein Sonnenblumenfeld,
       daneben eine Koppel, auf der ein Haflinger weidet. Ferien auf dem
       Bauernhof?
       
       Stolzer Tierbestand 
       
       „Es ist ein normaler landwirtschaftlicher Betrieb“, erklärt Manuela
       Windmüller, die das Gelände seit sieben Jahren gemeinsam mit ihrem Mann
       Thomas und dem befreundeten Ehepaar Ebel bewirtschaftet. „Wir haben uns
       damit einen Traum erfüllt“, sagt die braungebrannte 41-Jährige, während sie
       im Schatten der Scheune Mittagspause macht. „Raus ins Berliner Umland ging
       zu Mauerzeiten nicht, jetzt können wir endlich ins Grüne.“
       
       Ahnung von Bauernarbeit hatte die gelernte Arzthelferin und Stadtpflanze
       anfangs nicht. Aber das ließ sich erlernen. Mittlerweile haben sie einen
       stolzen Tierbestand mit schottischen Hochlandrinder, Kühen, Pferden,
       Schafen, Ziegen, Gänsen und Schweinen. Ihre Erzeugnisse verkaufen sie im
       eigenen Hofladen. Lediglich die Sonnenblumen seien „nur zur Optik“: „Sieht
       doch schön aus.“
       
       Ob sie weiß, wo Überreste des alten Gutshauses liegen? Hinter ihrem Garten
       habe es einst gestanden. „Jetzt im Sommer ist es hier extrem zugewachsen“,
       sagt sie und biegt ein paar Äste zur Seite. Dennoch sind die Fundamente zu
       erkennen. Weiter östlich zeugen Schutthaufen von den ehemaligen
       Arbeiterhäusern. Doch tiefer in den Wald will sie nicht und deutet auf eine
       Kuhle: „Hier halten manchmal Wildschweine ihren Mittagsschlaf.“ Zu
       DDR-Zeiten hätten sie das vermutlich nicht gewagt.
       
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       24 Jul 2009
       
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