# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (Teil 6): Verliebte, Flüchtlinge und der König
> Entlang dem Teltowkanal spurte die DDR einst einen breiten Streifen aus
> Sperranlagen und Kontrollstellen. Heute glaubt man sich dort in einer
> wilden Naturidylle aus Wasser, Bäumen und Schilf.
(IMG) Bild: Die 6. Etappe
Grenzen sind Niemandsland, sind Zwischenraum, an dem wenig klebt. Berlin,
die Stadt und ihre Chiffren aus Urbanität, Mobilität und Technik, hat sich
bereits zu Mauerzeiten kurz hinter dem S-Bahnhof Lichterfelde-Süd und noch
mehr am Ostpreußendamm aufgelöst. Zu nah waren der Osten, die Mauer, der
Feind. Natur hat darum die Architektur durchdrungen. Bis dato. Und immer
mehr.
Steht man an der Ecke Ostpreußendamm/Paul-Gerhardt-Straße, ragen beim Blick
zurück die drei Schlote des Heizkraftwerks Lichterfelde wie Finger einer
Hand zum Abschiedsgruß in den Himmel. Die Stadt bleibt zurück. Zeichen des
großstädtischen Ballungsraums wird man die kommenden knapp 15 Kilometer
kaum finden.
„Buga-Wanderweg“, „Kanalauen“ weist denn auch sinnfällig ein Schild von der
Paul-Gerhardt-Straße hinunter zur Seepromenade am Teltowkanal. Rechts
fließt glitzernd das Wasser. Bäume, Schilfrohr und Gebüsch verstecken
manchmal die Rinne. Schnurgerade schiebt sich der frühere Postenweg
parallel zum Wasser. Und linker Hand rahmt, hinter Büschen und Rankwerk
versteckt, der dichte, metallene Grenzzaun die Strecke, den alte und neue
Anlieger zum Schutz gegen alles und jeden einfach bestehen ließen. Es ist
idyllisch, grün, ein Weg für Wanderer, Radler, Jogger samt Plätzchen für
Verliebte am Kanal.
„Warum eigentlich Seepromenade?“, fragt gleich zu Beginn eine Tafel, die
der Heimatverein Teltow 1990 dort aufgestellt hat. Und man erfährt: „Die
Bezeichnung ist überliefert aus der Zeit des Teltower Sees. Der fiel 1900
bis 1909 dem Kanalbau zum Opfer. Alte Bäume markieren den einstigen
Uferverlauf.“
Dann rückt die Geschichte der Teilung ins Bild. „Zwischen 1961 und 1989 war
es hier nicht so idyllisch“, steht unter vier Fotografien, die die
abgefräste Seepromenade samt Kanal zeigen – als breite Schneise aus Wasser,
Sand und Absperrungen, Wachtürmen, Zäunen und dem Postenweg in seiner
Mitte. Heute hat sich erneut alles gewandelt: Der Vegetation hielt der
einstige Todesstreifen nicht stand.
Zweieinhalb Kilometer weiter, an der Knesebeckbrücke über den Teltowkanal,
rückt aus der Natur wieder ein Denkzeichen: „Dem unbekannten Opfer des
Terrors. 29. 8. 1961“ lautet die Inschrift auf einem Postament westlich der
Überfahrt, die sich in der Folge als Weg entlang einer Flussidylle zeigt
und ebenso an Donau-, Rhein- oder Weserauen liegen könnte. Dass der
Teltowkanal bis 1989 vielfach für Fluchtversuche genutzt wurde und nicht
wenige Schwimmer das Westberliner Ufer erreichten, aber weit mehr es nicht
schafften, erfährt der Wanderer nicht. Die Natur gibt sich hier
geschichtslos.
An der Sachtlebenstraße verlässt der Mauerweg den Teltowkanal und seine
Lastkähne und lässt die Stadt sowie geschichtliche Konturen und Rudimente
in die ländliche Atmosphäre dringen. Grenz- und Hafenanlagen der einstigen
„DDR-Wasserkontrollstelle“ werden sichtbar, ein gesprengter Brückenkopf
nach Osten kreuzt den Weg, Schleifen von BVG-Bus-Endhaltestellen erinnern
an die Zeiten der Teilung.
Dahinter verliert sich der Weg entlang der Stadtgrenze zu Kleinmachnow im
Sumpfgebiet des Naturschutzgebiets Buschgraben. Die Neuruppiner Straße hat
sich dort von Westberliner Seite aus hineingedrückt. Seit den Mauerzeiten
lebt die Familie Korthe in einem Reihenhaus in dieser Tangente. Es war ein
absurder Wohnzustand. „Vorn an der Straße standen unsere Häuser, und am
Gartenzaun hinten verlief die Grenze. Wir haben über den Todesstreifen in
die Zimmer der Nachbarn im Osten geguckt – wenn Licht drin war. So nah war
das“, erinnert sich Siegfried Korthe. Weniger gut ist er auf die
Grenzanlagen zu sprechen, die ihm das Leben zum Teil schwer machten und
deren Flächen ihn jetzt noch aufregen. Denn dort, so meint er, würden heute
ohne Genehmigung neue Häuser hochgezogen. „Statt endlich freier Sicht macht
man wieder alles dicht.“ Was stimmt. Im benachbarten Kleinmachnower
Straßenabschnitt Wolfswerder – der parallel zur Neuruppiner Straße verläuft
– werden Einfamilienhäuser en masse hochgezogen, die selbst eine neue
Anwohnerin „viel zu eng aufeinander“ findet. Das führt zu bösem Blut
zwischen Zehlendorf und Kleinmachnow.
Nach zwei Dritteln der Stecke wird es dunkler. Über dem Weg schlagen die
Buchen und Eichen immer dichter zusammen. Dies ist der Königsweg. Die
Radiale, einst barocke Achse als Weg des Königs von Berlin nach Potsdam,
ist seit Langem ein beliebter Waldweg in Richtung Wannsee und eine
Trabrennbahn für Reiter. Schon vor 1989 war sie mehr Strecke für
Sonntagsspaziergänger oder Ausflügler als Geschichtsmeile. Die Grenze lag
hundert Meter tief im Berliner Forst, nichts erinnerte an sie, man ahnte
sie nicht einmal. Auch heute nicht.
Plötzlich reißt der Wald auf, und man steht auf der Königsbrücke. Auch hier
ist noch Niemandsland, aber nur scheinbar. Denn die einstige
Grenzübergangsstelle Dreilinden ist nur noch Kulisse, ein Totenfriedhof für
den „Transit nach Westdeutschland“. Keiner in Berlin weiß, was man mit der
rot-weißen Betonburg anfangen soll. Wäre sie morgen weg, kaum jemand würde
sich ihrer erinnern. Durch sie hindurch rauscht der Autobahnverkehr in
Richtung Avus und Potsdamer Chaussee, man hört die Bahn, und am Horizont
blinken die Neubauten des Europarks, wo sich mehrere Firmen angesiedelt
haben. Hier spürt man weniger Geschichte als die Chiffren der Stadt, die
wieder nah sind.
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28 Jul 2009
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## AUTOREN
(DIR) Rolf Lautenschläger
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(DIR) Mauerradweg
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