# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (Teil 8): Neue Mauern am See
> Am Groß-Glienicker See wurden die alten Mauern zwieschen Ost und West
> zwar längst abgerissen, doch jüngst haben Anwohner neue gezogen.
(IMG) Bild: Die 8. Etappe
Zugezogen, das klingt nicht nett. Anrüchig, fast wie ein Schimpfwort.
„Zugezogen“, da schwingt immer ein bisschen von oben herab mit, von keine
Ahnung haben. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten am
Groß-Glienicker See Zugezogene sind. Als sie gesehen haben, dass die
Villenbesitzer am Potsdamer Griebnitzsee erfolgreich ihre Grundstücke
verrammelten, um sie ganz für sich alleine zu haben, bauten auch sie Zäune
über den Weg entlang des Südufers. Und weil Zugezogene keine halben Sachen
machen, haben sie gleich eine Hecke dahinter gepflanzt: „Privateigentum.
Betreten verboten.“
„Die können die Hecke ja nur versetzt haben, die geht sowieso ein“, sagt
eine Spaziergängerin mit Schadenfreude. „Vor zwei Tagen war hier noch
nichts.“ Betroffen mache sie der jüngste Uferstreit im Potsdamer
Dunstkreis, sagt die ältere Frau, und man mag es ihr gern glauben: War es
doch gerade der Groß-Glienicker See, der wie kein zweiter für die Teilung
Berlins stand. Hier verlief die Mauer durch den See, das Westufer ein
Todesstreifen, dahinter Sperrzone. Baden verboten, der Strand vermint.
Hundert Meter von der Absperrung der Zugezogenen-Grundstücke entfernt
erinnert ein Schaukasten an die Zeit bis vor 20 Jahren. Fotografien zeigen
den Uferweg, der damals von Mauern gesäumt war. Links zu den Häusern hin,
nach Nordosten zum See ebenfalls. Ein grauer, toter Kanal. „Da sind die
damals mit ihren Wachhunden spazieren gegangen“, erzählt eine Frau. Ans
Ufer kam niemand ran, vom Baden konnten die Groß-Glienicker träumen: Statt
aufs Wasser schaute man auf Beton und Wachtürme.
Die Bilder sind schwer mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen.
Groß-Glienicke hat sich alle Mühe gegeben, aus dem Grau ein Grün zu machen
und ein Bunt in den Gärten. Die meisten Häuser entlang des Mauerwegs am
Westufer sind neu gebaut. Keine Prunkvillen, unauffällige Ein- und
Mehrfamilienhäuser. Dazwischen verstecken sich einzelne Schmuckstücke von
betörender Schlichtheit; natürlich sind auch ein paar Geschmacksverirrungen
dabei, ohne sie geht es in Neubaugebieten wohl nicht. Manche Rasen sind auf
Kante getrimmt, in anderen Gärten darf gewachsen werden.
Groß-Glienicke ist bis heute eine geteilte Gemeinde. Das Westufer mit
Mauerweg und Neubebauung gehört zu Potsdam, das Ostufer zu Spandau. Die
Ortsgrenze verläuft durch den See. Sind am Wochenende die Strände und das
kleine Pavillon-Café am Mauerweg überlaufen, ist es während der Woche
nahezu beschaulich. Kaum jemand ist zur Mittagszeit unterwegs, die
Caféstühle liegen verwaist. Es ist still. Die Sonne scheint, das Wasser auf
dem See kräuselt sich leicht, angestoßen vom aufkommenden Wind: kitschig
schön fast, und doch echt. Anders als an anderen wiedervereinten Orten
fehlt hier das Gefühl, alles sei nur aufgesetzt und schnell dahinsaniert.
Es kommen noch mehr Schaukästen mit Fotografien entlang des Mauerwegs.
Menschen an Gartentischen sind darauf zu sehen, graue Häuser an der
Seepromenade, und immer wieder Mauern und Barrieren. Am Nordufer nähert
sich der Weg der Bundesstraße 2, die Potsdam und Spandau verbindet.
Wenige Tage nach der Wanderung der taz-Reporterin kommt auch hier ein
Anwohner auf die Idee, er könne einen Bauzaun über den Mauerweg ziehen. Der
Eigentümer an der Stichstraße „Am Weinberg“ bleibt nicht lange ungestört:
Erboste Spaziergänger reißen den Zaun sofort ein. Einen weiteren Versuch
wagt der Mann nicht.
Damit ist nach wie vor der Weg frei in Richtung Gutspark Groß-Glienicke. An
das Rittergut aus dem späten Mittelalter erinnern ein historischer Torbogen
und wenige Wirtschaftshäuser; Schloss und Orangerie brannten nach dem
Zweiten Weltkrieg ab. Auch das Gut wurde durch die deutsch-deutsche Teilung
vom Ort Groß-Glienicke abgeschnitten; der östliche Parkteil wurde zerstört,
der westliche verfiel.
Das Ensemble steht inzwischen unter Denkmalschutz; die noch bestehenden
Gebäude wurden nach 1989 restauriert, darunter das Eingangstor zum Gut.
Dass dieses „Potsdamer Tor“ wieder schmuck und einladend aussieht, ist
einer Initiative zu verdanken – von Bürgern aus ehemals Ost und West. Der
„Groß-Glienicker Kreis“ ist es auch, der den Park um das Gut aufräumt und
dort Kulturabende veranstaltet. Unweit des Torbogens stehen zwei Meter
fünfzig der Originalmauer in der Wiese. Mit Graffiti besprühter Stein, kein
Schild dabei, kein Zaun – das Mahnmal spricht für sich. Bis zum
gegenüberliegenden Ufer mit den Zugezogenen reicht seine Ausstrahlung
offenbar nicht mehr.
3 Aug 2009
## AUTOREN
(DIR) Kristina Pezzei
## TAGS
(DIR) Mauerradweg
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