# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (Teil 11): Bahn frei für die Generation Golf
> Zwischen Hennigsdorf und Hohen Neuendorf zeigen sich viele Absurditäten
> der einstigen deutschen Teilung: staatlich geschürtes Misstrauen unter
> Grenzsoldaten, Dörfer direkt an der Mauer und die tödlichen Schüsse auf
> drei Fliehende.
(IMG) Bild: 11. Etappe
Die Laterne hat vier Farbstreifen: rot-weiß-grün-weiß. Sie sind auf
Augenhöhe, jeder von ihnen etwa handbreit. Die Farbe ist stark verwittert,
aber noch zu erkennen. Einst stand die Laterne auf dem Todesstreifen. Für
die Autofahrer, die auf der Ruppiner Chaussee fahren, ist davon heute kaum
noch etwas zu erkennen: Erst fahren sie durch viel Wald, dann kommt eine
etwa 40 Meter breite Schneise, dann wieder viel Wald. Gemerkt? Die
Schneise, das war der Todesstreifen. Und die Farbstreifen auf der Laterne,
die bis heute hier steht – das war die vordere Postenbegrenzung.
Sie trennte den Todesstreifen in zwei Teile: in einen, der für
Grenzpolizisten ungefährlich war, und in den anderen. Wenn sie diese
imaginäre Linie überschritten, galt das als Fluchtversuch. Ihre Kameraden
waren angehalten, sofort das Feuer zu eröffnen.
Was aber, wenn mehrere Grenzer sich verabredeten, gemeinsam zu fliehen? Das
durfte nicht passieren – also wechselte ständig die Zusammensetzung der
Patrouillen. Dadurch konnte kein Vertrauensverhältnis unter den Soldaten
entstehen. Es herrschte Misstrauen und Angst. Denn wer über
Rot-Weiß-Grün-Weiß geht – auf den wird geschossen.
150 Meter östlich der Ruppiner Chaussee beginnt das Dorf Stolpe-Süd. Wo
einst die Grenzer auf dem Kolonnenweg patrouillierten, verläuft die Straße
mit dem Namen „Kuckucksruf“. Links zweigt erst die Straße „Freiheit“ ab,
die nächste heißt dann „Einheit“. Einfamilienhaus-Idylle überall, Kinder
schreien im Garten.
Direkt neben den Häusern verlief die Mauer. Sie war weit mehr als ein
Reisehindernis. Für die, die von beiden Seiten aus direkt darauf schauten,
war sie auch eine Demütigung. Genau wie der Fall der Mauer: Nach 28 Jahren
war sie plötzlich durchlässig und dann schnell verschwunden. Ohne Krieg,
ohne Gewalt. Was für ein Hohn.
Heute hat Stolpe-Süd sich noch ein kleines bisschen weiter Richtung Süden
ausgedehnt und ist nun bis auf den ehemaligen Todesstreifen gewachsen, als
ob es darum gehe, die Schmach der Mauer vergessen zu machen. Doch direkt
nach den letzten Häusern von Stolpe-Süd beginnt wieder der Wald – und der
einstige Kolonnenweg der Grenztruppen. Nach zwei Gehminuten führt die
Strecke auf die Autobahn 111. Die wurde in den Achtzigern gebaut und für
den Transitverkehr nach Hamburg freigegeben. Die Grenzer überquerten die
Autobahn auf einer Brücke, die heute abgerissen ist. Der Kolonnenweg endet
also abrupt. Ein paar Meter weiter südlich ist eine neue Brücke für
Fußgänger und Radfahrer angelegt worden.
Nach der Brücke wird der Autoverkehr mit jedem Schritt leiser – dafür
rauschen die Blätter im Wald. Und es folgen eine Menge Bäume. Kurz bevor
der Weg scharf nach links abbiegt, kommt eine Lichtung, perfekt für eine
Pause.
Etwas unheimlich sind beim Weiterwandern in Richtung Norden die Wege, die
links immer wieder schnurgerade in den Wald hereinführen – ohne sichtbares
Ende.
Dann erweitert sich der Horizont. Der Wald weicht Wiesen, ein kleines
Elektroauto schnurrt über den Rasen. Es ist ein Golf-Buggy. Auf der
Brandenburger Seite ist der „Golfclub Stolper Heide“ entstanden. Die
maßgeschneiderte Clubkollektion, bestehend aus Clubhose, Clubsakko und
Clubweste, kostet 567 Euro. Der Platz hat 36 Löcher, einige kleine Seen und
viele Bunker. Sandbunker.
Auch ein Stück weiter bleibt es sportlich: Drei Jugendliche pesen auf ihren
BMX-Rädern über die Erdrampen neben dem Kolonnenweg. Später wechselt der
Mauerweg auf die Westseite und führt durch die Invalidensiedlung – hier
entstand eine der ersten Einrichtungen für Kriegsinvaliden in Deutschland.
Auch heute noch wohnen in den rund 50 Ziegelsteinhäusern viele
Schwerbehinderte.
Kurz vor dem S-Bahnhof Hohen Neuendorf geht es wieder auf die Brandenburger
Seite. Eine Gedenkplakette erinnert an Marinetta Jirkowski. Am 22. November
1980 wollte die 18-Jährige mit ihrem Verlobten und einem Bekannten in den
Westen fliehen. Um halb vier in der Früh kletterten sie mit Leitern über
die Sperrzäune auf den Todesstreifen und über die Mauer. Ihr Verlobter war
bereits auf der Westseite, als auf Jirkowski 27-mal geschossen wurde. Sie
fiel schwer verletzt zurück, der Bekannte schaffte es noch über die Mauer.
Jirkowski starb noch am gleichen Tag.
14 Aug 2009
## AUTOREN
(DIR) Sebastian Heiser
## TAGS
(DIR) Mauerradweg
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