# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (12): Neues Leben am Ende der Welt
       
       > Der eigenartige Verlauf der Mauer zwischen Frohnau und Glienicke Nordbahn
       > lässt sich kaum mehr nachvollziehen. Im Mittelalter war der so genannte
       > Entenschnabel der Aasplatz, später eingemauert.
       
 (IMG) Bild: Die 12. Etappe
       
       Die Mauern von damals sind heute nur noch Stoffbahnen. In Pfirsich orange,
       aufgehängt an Bäumen. Kinder aus Reinickendorf und Glienicke haben damit
       den Verlauf der Grenze zwischen ihren Orten nachgezogen. Im Rahmen eines
       Kunstprojekts fragten sie Anwohner nach Geschichten und verhüllten den
       sogenannten Entenschnabel wie Christo anno 1995 den Reichstag. Sie spielen
       auf ihre Weise mit dem „Antifaschistischen Schutzwall“.
       
       Wo genau die Mauer hier entlangführte, wissen die wenigsten von ihnen. Auch
       ich stehe vor der Gedenktafel am Mauerradweg von Hohen Neuendorf nach
       Hermsdorf, zwischen Berliner Straße und Am Sandkrug, und finde mich nicht
       zurecht. Die Karten stehen Kopf. Wo ist jetzt Brandenburg, wo der Westen?
       
       Glienicke macht an dieser Stelle eine eigentümliche Ausbuchtung, ein
       langgezogener Streifen Land, kaum einen Kilometer lang, noch weniger breit,
       der nach Berlin hineinragte. Links und rechts der Straße liegt
       Berlin-Frohnau, Am Sandkrug selbst ist Teil Brandenburgs. Von außen
       betrachtet sieht das Fleckchen aus wie ein Entenschnabel.
       
       Im Mittelalter haben die Dorfbewohner hier den Aasplatz angelegt, am Ende
       ihrer Welt, möglichst weit weg von der Siedlung, um Seuchen zu vermeiden.
       Irgendein Gemeindevorsteher muss die bizarre Schleife in die Amtsbücher
       gemalt haben. Bis heute hat niemand das geändert. Nun ist es auch nicht
       mehr nötig.
       
       Zu Mauerzeiten war der Entenschnabel stets hell erleuchtet, des nachts die
       Straße eine einzige Lichttrasse, mit diesen hohen bogenförmigen
       Lampenmasten. Die bloße Vorstellung lässt einen gruseln: Volkspolizisten
       kommen daher im Stechschritt, patrouillieren; glücklich, wer hier wohnt und
       noch Schlaf findet.
       
       Das Ende der Welt war eingemauert und stets überwacht. Wer immer in die
       Straße wollte, braucht einen Passierschein. „Wie war das denn damals hier?“
       frage ich einen Anwohner, der auf seinem Grundstück den Weg zur Garage neu
       pflastert. „Ruhig“, sagt er bloß. Sicher hätten hier doch nur von der
       Partei ausgesuchte Leute gewohnt, bemerke ich. Nein, keineswegs, verteidigt
       er sich, auch ganz normale Leute. Und heute? Des nachts sei es nicht mehr
       so hell. Ob auch schöner, das sei Geschmacksache, sagt er und deutet auf
       ein Nachbarhaus im amerikanischen Stil.
       
       Von Grusellicht ist wirklich keine Spur mehr: Erst ließen die Anwohner die
       Lampen an den Masten tiefer anbringen, um das Licht zu dämpfen. Pünktlich
       zum Beginn des 20. Gedenkjahrs des Mauerfalls wurden sie ganz entfernt und
       das Licht den neuen Verhältnissen angepasst. Heute schimmern im
       Entenschnabel abends niedrige Retrolaternen.
       
       Ein paar Straßen weiter in Hermsdorf wohnt Else Gaede. Auch sie weiß nicht
       mehr genau, wo die Mauer verlief, wie hieß die Straße noch mal? Aber das
       liegt daran, dass ihr Gedächtnis manchmal nicht mitspielt, sie ist schon 96
       Jahre alt. An die Geschichten mit der Mauer aber erinnert sie sich, als
       wären sie soeben passiert.
       
       Zum Beispiel das mit den Möbeln. Sommer 1961, kurz vor dem Mauerbau: Eine
       Bekannte von ihr wohnte im Entenschnabel, just am Zaun zwischen Ost und
       Westberlin. Sie wollte nach Südafrika auswandern, sie kam noch legal nach
       Westberlin, aber was war mit ihren Möbeln? „Marke Brumax“, erinnert sich
       Else Gaede, „sehr edle Anbaumöbel“. Die wollte die Frau nicht dem DDR-Staat
       überlassen. „Wir haben einen Plan geschmiedet.“
       
       Ein befreundeter Organist gelangte durch ein Loch im Zaun ins Haus der
       Bekannten. Dort baute er die Möbel auseinander, sogar das Klavier, und
       reichte sie Stück für Stück durch den Zaun. „Auf Daumen runter haben wir
       uns alle versteckt, denn das hieß, der Wachposten war wieder in der Nähe.“
       Mit einem alten Plattenwagen karrten sie die Möbel in das Haus der Gaedes.
       Das Klavier hat Gaedes Mutter für die Bekannte verkauft, dem
       Meistbietenden. Die Frau habe schließlich Geld für die Überfahrt gebraucht.
       
       Die Brumax-Möbel allerdings stehen bei Else Gaede noch im Haus, im ersten
       Stock. Dort, wo sie im August 1981 einem polnischer Flüchtling mit
       Solidarnosc-Abzeichen ein Quartier anbot. Dass ihr Haus von der Stasi
       beschnüffelt wurde, wusste sie. Sie hat ihn trotzdem aufgenommen.
       
       Inzwischen ist die Stasi Geschichte, der Entenschnabel auch. Else Gaedes
       polnischer Mitbewohner hat die deutsche Staatsbürgerschaft, aber wenn er in
       Berlin arbeitet, wohnt er noch bei ihr – zusammen mit den, wie sie sagt,
       „ehrlich geklauten Möbeln“.
       
       18 Aug 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Grit Weirauch
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Mauerradweg
       
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