# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (Teil 13): Mauerhunde und Mauerküsse
> Männer müssen hämmern, Frauen müssen küssen: Eine Wanderung mit einer
> Zeitzeugin, zwei Abstechern und vielen Erinnerungen entlang der Grenze
> zwischen Reinickendorf und Pankow.
(IMG) Bild: Die 13. Etappe
Von Hermsdorf soll es hier gehen bis nach Wilhelmsruh. Vorbei am Märkischen
Viertel. Dort kennt sich die Reinickendorferin, die mich begleitet, gut
aus. Ihre Großmutter hat im Märkischen Viertel gewohnt. Im Dannenwalder
Weg, direkt an der Mauer. Aber so weit sind wir noch nicht.
Um zum Anfang dieser Maueretappe zu kommen, überqueren wir die
Burgfrauenstraße in Hermsdorf. „Ich hatte mal ne Freundin, die wohnte in
der Burgfrauenstraße“, kramt die Reinickendorferin die erste Erinnerung
hervor. Bei Berlinerinnen fangen viele Geschichten mit „ich hatte mal ne
Freundin“ an, das will nicht viel heißen. Diese Freundin aber, die sie
jetzt meint, die wohnte im Erdgeschoss eines Hauses in der Burgfrauenstraße
ganz nah an der Mauer. Eines Nachts sollen Leute an deren Fenster geklopft
haben. „Helfen Sie uns, wir sind gerade geflüchtet“, hätten diese gesagt,
erzählt die Reinickendorferin. Egal ob wahr oder nicht: dass die
Burgfrauenstraße in ihrer behäbigen Vororttauglichkeit so zum Schauplatz
der innerdeutschen Weltgeschichte wurde – nur schwer vorstellbar, das.
Auch die Veltheimstraße und die Schildower Straße strahlen keine
historische Schwere aus mit ihren Ein-, Zwei-, Dreifamilienhäuschen samt
Gärtchen. Statt des selbst gegrabenen Tunnels, durch den hier irgendwo 15
Leute flüchteten – 1961 war das – gibt es selbst gemachte Marmelade zu
kaufen vor einem Gartentor. Zu Recherchezwecken erwerben wir Apfelgelee mit
Calvados. 1,50 Euro kostet es.
Von dieser Straße aus kommt man ins Tegeler Fließ. Ein Abstecher für
Naturverbundene. Dort kann man, wenn keine echten Lebewesen vorbeikommen,
Schilder des Naturschutzbundes von echten Lebewesen studieren. Sumpfvögel,
Sumpfblumen, Sumpfreptilien. „Schön hier“, sagt die Reinickendorferin.
„Weich, lieblich, grün.“ Sie war noch nie da. „So weit bin ich nicht
gekommen.“
Unser Mauerspaziergang hält sich an den Mauerweg. Der führt über die alte
Kolonnenstraße nördlich des Tegeler Fließes, dort wo die DDR-Grenzposten
früher patrouillierten. Wo hundert Meter südlich Sumpf ist, ist hier
Brandenburger Sandsteppe. Zu diesem Kontrast fällt der Reinickendorferin
allerdings nichts ein. Am Köpchensee, auf dem ein einsamer Schwan schwimmt,
verlangt sie nach Wasser und als sich der Schildower Weg auftut, verlangt
sie nach einem Abstecher. Und zwar nach Lübars. In den Dorfkrug. „Hunger“,
sagt sie, der hätte sie auch früher immer nach Hause getrieben, wenn sie
mit ihren Freunden an der Mauer spielte.
Hinter der Blankenfelder Chaussee wirft man dann endlich einen ersten Blick
auf die Heimat der Reinickendorferin. Das Märkische Viertel – „weißes
Gebirge“ – flankiert vom Fernsehturm: Auch zu Ostzeiten war von dieser
Warte aus Berlin eine Einheit.
Nach diesem Blick lebt die Tour nur noch von Erinnerungen. Von der Wohnung
der Großmutter im Märkischen Viertel konnte sie direkt auf die immer hell
erleuchteten Grenzanlagen schauen. Einmal hätten sie und ihre Oma gesehen,
wie ein Mensch erschossen wurde. Für die Reinickendorferin war immer klar:
Die DDR ist ein Gefängnis. „Menschen im Zwinger“, sagt sie. Und ihr Cousin,
den sie zufällig auf der Straße trifft, der erinnert sich noch an das
Hundegebell dazu. Die Tante aber, die sagt: „Manchmal haben wir Schilder
aus dem Balkon gehalten für die Grenzposten.“ Drauf stand: „Kommt doch
rüber“.
Wo die Hochhäuser im Märkischen Viertel stehen, war früher ein „grüner
Slum“ – Laubenkolonien, in denen Leute das ganze Jahr wohnten. Die
Urgroßmutter, Großmutter und die Mutter der Reinickendorferin samt deren
Geschwistern, die haben in so einer Hütte den Krieg überlebt und das Danach
auch, bevor sie in die Emmentaler Straße in Reinickendorf zogen und von da
ins Märkische Viertel.
Die Tour führt nicht den Dannenwalder Weg entlang, sondern auf Ostberliner
Seite entlang der Heinz-Brandt-Straße. Der Mann wäre am 16. August genau
100 Jahre alt geworden. Er war Jude, war in der KPD, kam erst ins Zuchthaus
dann ins KZ – Sachsenhausen, Auschwitz, Buchenwald. In Auschwitz gehört er
zu denen, die die Vernichtung dokumentieren und dieses Material aus dem
Lager schmuggeln. Es gelangte tatsächlich in die Hände der Alliierten. Nach
dem Krieg wird er SED-Funktionär. 1958 Flucht aus der DDR. In der BRD
arbeitete er für die Gewerkschaft. Nach seiner Pensionierung war er in
Antiatomkraftinitiativen aktiv. Zusammen mit seinem Freund Rudi Dutschke
war Brandt auch beim Gründungsprozess der Grünen involviert. „Man hätte uns
doch in Heimatkunde mal was von dem Mann erzählen können anstatt vom
Reinickendorfer Aluminiumwerk und den Reinickendorfer Füchsen“, sagt die
Reinickendorferin.
Als sie kurz darauf die Hundepension am S-Bahnhof Wilhelmsruh sieht,
erinnert sie sich an die Angst ihrer Freundinnen. Manchmal seien da Leute
mit fünf Schäferhunden an der Leine rausgekommen. „Ganze Rudel jedenfalls.
Da sind meine Freundinnen weggelaufen und haben das Gebell noch schlimmer
gemacht. Fünf anschlagende Schäferhunde, die musst du erst mal
zurückhalten.“
Sie sei stehen geblieben. Sie wusste ja, dass man nicht weglaufen darf.
Ihre Oma hatte einen Hund, da hat sie das gelernt mit dem Nicht-Weglaufen.
„Ali“ hieß der. Was bedeutet es, dass der so hieß? „Ach“, sagt sie, „meine
Oma stand auf dunkle Typen. Und Ali war schwarz.“
In der Sackgasse hinterm S-Bahn-Bogen aber, da hat sie als Teenager mit
ihrer Freundin zusammen immer an der Mauer gesessen. Einen Freund hatten
sie auch dabei. Der hämmerte ständig auf etwas herum. „Wir dachten, Männer
machen das so. Die müssten eben was hämmern.“ Abwechselnd hätten sie und
ihre Freundin ihn dann auch geküsst. Denn: „Frauen, dachten wir, die müssen
eben küssen.“
21 Aug 2009
## AUTOREN
(DIR) Waltraud Schwab
## TAGS
(DIR) Mauerradweg
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