# taz.de -- Serie "Neue Ökonomie" (IV): Ein Selbstversuch auf dem Lande
       
       > Kastration des Geldes: Es gibt vielfältige Versuche, sich dem
       > kapitalistischen Verwertungsprozess und seinen Folgen zu entziehen. Imma
       > Harms tauscht und gibt.
       
 (IMG) Bild: Imma Harms.
       
       In Zeiten der Krise geraten die abseits gelegenen Lebensformen wieder ins
       Blickfeld der Sehnsucht nach Subsistenz, nach Gegenmodellen zur
       Erwerbsarbeit. Es gibt vielfältige Versuche, sich dem kapitalistischen
       Verwertungsprozess und seinen Folgen so weit als möglich zu entziehen. Es
       gibt Ansätze und Projekte, die ganz klassisch daran arbeiten, gegenseitige
       Hilfe zu organisieren, solidarische Ökonomie zu praktizieren, gerechtes
       Teilen zu realisieren. Und es gibt Überlegungen, sozusagen aus der
       "digitalen Welt" (seit Ende der 90er-Jahren von "Oekonux" oder aktuell von
       Ch. Siefkes), ob sich freie und kooperative Produktionsweisen, wie sie bei
       der Entstehung von Freier Software wie Linux, Firefox, Wikipedia u.s.f.
       praktiziert wurden und werden, auch auf eine neue Ökonomie, auf
       gesellschaftliches Handeln übertragen lassen. Mit all diesen Möglichkeiten
       freier, selbstorganisierter, selbstbestimmter und nicht profitorientierter
       gesellschaftlicher Kooperation und Produktion beschäftigt sich Imma Harms
       theoretisch beziehungsweise auch ganz praktisch, seit sie auf dem Lande
       lebt.
       
       Sie hat in ihrem früheren Leben als Stadtbewohnerin bereits eine Menge
       ausprobiert. 1949 in Bochum geboren (beide Eltern waren Lehrer), studierte
       sie nach der Schule kurz Theaterwissenschaften, danach Elektrotechnik und
       Informatik, 1977 machte ihren Dipl. Ing. 1979 war sie Mitbegründerin der
       technik- und sozialkritischen Zeitschrift Wechselwirkung in Berlin, von
       1981 bis 1984 und von 1985 bis 1993 war sie Redakteurin bei der taz. Ende
       der 80er-Jahre war sie aktiv in der autonomen Bewegung (Mobilisierung gegen
       den IWF), traf ihren Freund und "politischer Ziehvater" wieder, Detlev
       Hartmann (Vertreter des deutschen Postoperaismus, Autor von "Leben als
       Sabotage"), 1992 bis 1997 studierte sie Philosophie an der FU Berlin. 1995
       war sie Mitinitiatorin des Autonomie-Kongresses in Berlin. Seit 1996 macht
       sie (teils zusammen mit ihrem Freund Thomas Winkelkotte) sehr genaue und
       die Widersprüche umspielende Dokumentarfilme über Naheliegendes. (1989 über
       den türkischen Mauergarten in Kreuzberg und die Frage, wie sich Eigentum
       definiert; 2002 über ein antirassistisches Grenzcamp der autonomen Szene
       Hamburg "Im Schatten der Zelte" oder auch "Passagen. 12 Geschichten von
       Müll und Wert", die bei einem Arte-Themenabend liefen. Als Einzelarbeit
       drehte sie unter anderem 100 Filmporträts der taz-Gründerinnen und
       -Gründer). Seit 2006 schreibt sie in ihren taz-blog "Jottwehdeh"
       Alltagsgeschichten und Essays. Seit 2008 ist sie im Gemeinderat und gab als
       Vorstandsmitglied des örtlichen Kulturvereins Möhre die Gemeindezeitung
       Ortszeit (für Möglin, Herzhorn und Reichenow) heraus. Sie und Thomas
       Winkelkotte veranstalten seit Jahren Filmvorführungen auf dem Dorf, auch
       auf einer Leinwand im See, nebst Feuerzauber.
       
       An einem schönen Herbsttag fahren Elisabeth Kmölniger und ich, ohne zu
       bemerken, dass wir einen Tag zu früh unterwegs sind, zügig Richtung
       Oderbruch. Die Pflaumen hängen blausilbern und dicht in den alten Bäumen,
       Äpfel bedecken wie abgeschüttelt den Straßenrand. Es ist ein seltsam
       üppiger Herbst. Üppig an Früchten und Insekten. Der Künstlerhof
       "Colaborative Gut Reichenow" liegt 50 Kilometer nordöstlich von Berlin, am
       Rande des Oderbruchs im kleinen Dorf Reichenow-Möglin. Möglin hat etwa 300
       Einwohner. Als Erstes zu sehen ist der weiße Turm des Schlosses. Ein
       leichter Geruch nach Herbstfeuer und Schweinegülle liegt in der Luft. Das
       Schloss ist weiß, im Tudorstil, mit Zinnen und Balustraden. Es ist heute
       vor allem ein Hochzeitshotel, mit eigenem Standesamt, dient Hochzeitspaaren
       und Hochzeitsnächten als unvergessliche Kulisse.
       
       Vis-à-vis vom Schloss liegt ein einstöckiges schmuckloses Häuschen mit
       rosafarbenem Rauputz, den Schlossbetreiberinnen ein Dorn im Auge. Zu
       DDR-Zeiten war es Gemeindeverwaltung, Büro des Bürgermeisters und
       Eier-Abgabestelle. Hier hat sich Imma ihr Refugium ausgebaut. Sie bewohnt
       ein großes und stilles Arbeitszimmer mit Kamin, eine umfangreiche Küche und
       zwei Räume mit Schlossblick. Der andere Teil des Hauses beherbergt den
       Video-Club mit Club-Kino im holzgetäfelten ehemaligen Bürgermeisterzimmer,
       ihr großes Film- und Videoarchiv zur Filmgeschichte (mit cineastischen
       Spezialitäten) sowie ein Gästezimmer, eine gut ausgerüstete Werkstatt und
       das Holzlager. Das Haus ist Bestandteil des Gutshofes mit Brennerei, der um
       1900 errichtet wurde. Er war in der DDR LPG, wurde nach der Wende von
       Berlinern erworben, in einen Trägerverein überführt und sehr gut ausgebaut.
       Es gibt einen großen Proben- und Veranstaltungssaal, ein Gästehaus, ein
       Vereinslokal mit Wochenendbetrieb, ein Amphitheater und viel Platz für
       Gärten und Ausbau. Im ehemaligen, 120 Meter langen Rinderstall aus
       Backstein befinden sich Studios, Ateliers und Werkstätten, bewohnt von etwa
       40 Freischaffenden aus Westberlin, die teils in freundschaftlichen, teils
       in Arbeitsbeziehungen miteinander verbunden sind. Hier lebt auch Immas
       Freund, der Filmemacher Thomas Winkelkotte. Alle haben den Status von
       Mietern, nur Imma ist Pächterin ihres Hauses.
       
       Imma, die uns erst am nächsten Tag um 11 erwartet, bittet erstaunt, aber
       mit umstandsloser Freundlichkeit ins Haus, improvisiert gastlich ein
       Frühstück, erklärt, wie man mit dem Auftragen von einfacher Buttermilch
       Fensterscheiben in blickdichte Milchglasscheiben verwandeln kann und
       erzählt uns nach und nach die Geschichte ihrer jetzigen Existenzform:
       
       "Ich hatte einfach Sehnsucht nach Neuland. Nach politischem Neuland. Und
       ich habe das schon ein Stück weit hier gefunden. So verrückt das klingt.
       Ich lebe jetzt seit circa zehn Jahren hier auf dem Land - also das ist
       nicht mehr ,Speckgürtel', das ist wirklich schon Land. Und das hat
       Konsequenzen für die Art, wie wir hier leben - wie ich hier lebe. Ich führe
       auf dem Land eine ökonomisch vollkommen andere Existenz als in der Stadt.
       Mit sehr wenig Geld. Ich habe im Grunde, ja also … als regelmäßiges
       Einkommen nur einen minimalen Geldbetrag, den ich von einer Berliner
       Wohnung kriege, die meine ist. Mit dem Betrag kann ich meine festen Kosten
       hier bezahlen. Alles Weitere muss ich mir organisieren. Das geht meist.
       Geldmäßig ist nämlich ein Tag in der Stadt so teuer wie eine Woche auf dem
       Land. Wir können uns hier besser dem aggressiven Zweck entziehen, den Geld
       verkörpert.
       
       Ich hatte das Glück, einige Dinge realisieren zu können in meinem Leben.
       Ich habe Anfang der 90er-Jahre eine Erbschaft gemacht und mir überlegt, was
       mache ich mit dem Geld? Ich habe einige Projekte gesponsert, mir ein
       Philosophiestudium bewilligt und vor allem Filme gemacht. Heute haben wir
       das Filmemachen ein bisschen eingeschränkt, denn erstens muss man diese
       katzbuckelnden Anträge schreiben, um an Geld - oder Gelder - zu kommen,
       wird dann auch noch demütigend behandelt von Leuten, die einen Zipfel Macht
       in der Hand halten. Zweitens kann man von hier aus dieses ,Networking' -
       wie es jetzt heißt - nicht mehr so betreiben. Viele Jahre haben wir
       versucht, hier vom Land aus die Verbindungen zu halten, noch Teil von
       politischen Strukturen in Berlin zu sein. Thomas und ich waren zehn Jahre
       Mitglieder in einem Videokollektiv, das ein Videoarchiv der linken Bewegung
       unterhält und auch bestimmte Projekte gemacht hat. Aber das ist eben sehr
       schwer, soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten, die nicht ständig
       gepflegt werden. Man fällt einfach aus vielen Sachen raus, die noch eine
       persönliche Präsenz erfordern, und das wirkt sich natürlich auch auf die
       Einkommensquellen aus. Aber es war ja nicht so, dass ich mich hier
       asketisch mit reduzierten Bedürfnissen in ein Häuschen zurückziehen wollte,
       ich wollte mich in meinen Bedürfnissen und Möglichkeiten neu organisieren,
       zusammen mit anderen. Deshalb habe ich schon bald eine Sache intensiviert,
       die mir sowieso immer stark entsprochen hat, nämlich zu gucken, wie man
       sozusagen Subsistenz praktizieren kann. Also jetzt nicht als Einzelperson,
       sondern im sozialen Austausch.
       
       Auf dem Land gibt's da ja ganz andere Möglichkeiten zum Leben, auch wenn
       auf dem Konto mal totale Ebbe ist. Beispielsweise haben Thomas und ich hier
       befreundete Leute, ein altes Tierarztehepaar, mit einer Highländer-Herde.
       Es sind 60 bis 70 Rinder mit wuscheligem, langem Fell und langen spitzen
       Hörnern, die das ganze Jahr über fast wild im Naturschutzgebiet leben.
       Zweimal im Jahr ist Viehtrieb, da helfen wir auch immer mit. Ich habe den
       beiden den Vorschlag gemacht, einen Film über das Treiben zu drehen.
       ,Fleisch gegen Film' beziehungsweise ,Film gegen Fleisch'. Damit waren sie
       einverstanden. Thomas und ich essen gerne Fleisch, aber nicht das aus dem
       Supermarkt. An dem Tag, als der Viehtrieb war, bin ich dann auf dem Roller
       und mit der Kamera losgefahren und habe gefilmt. Es hat Spaß gemacht.
       
       Nachbarschaftliche Tauschgeschäfte sind ja nicht ungewöhnlich auf dem Dorf.
       Was bei einem solchen Akt aber offen bleibt, ist das Problem der Bewertung.
       Da sind wir gleich an einem Punkt, der von großer Bedeutung ist, denn bei
       so einem Tausch auf dem Dorf musst du den Tauschwert nicht unbedingt
       festlegen. Im Grunde muss man sich nur auf den Gebrauchswert stützen. Aber
       schon auch darauf, dass demgegenüber der Wert deines Tauschgegenstands in
       etwa bekannt ist, er ihn nicht zu hoch oder zu niedrig ansetzt. Nur, was
       ist der Wert eines Filmes? Tausend, zweitausend Euro oder mehr? Das ist ja
       ganz davon abhängig, wie und wo man ihn vermarktet. Also wie rechnen? Gut,
       ich kann sagen, Minimum ist das Material oder die Arbeit, die ich
       reinstecke. Aber auch das ist fragwürdig, denn wie viel ist meine Arbeit
       wert?" Sie lacht.
       
       "Es hat mir ja auch Spaß gemacht.
       
       Hier auf dem Land, da sieht man das noch genauer, dass es einfach nicht
       geht, wenn alle nur ihrem eigenen Vorteil nachjagen. Es balanciert sich
       nichts aus, wie Adam Smith meinte. Das ginge nur, wenn man eine
       unerschöpfliche Ressource im Hintergrund hätte - als solche wird
       normalerweise ja die Natur genommen -, aber dass es so nicht ist, das weiß
       inzwischen jeder. Eine Ökonomie, die auf dem totalen Ausbeuten und
       Rausschinden der Ressourcen aufbaut, die kann auf Dauer einfach nicht
       funktionieren. Das ist logisch und ein einfaches Rechenexempel. Und das hat
       mich dazu gebracht, sowohl auf theoretischer Ebene als auch auf der Ebene
       von Experimenten, von Kontakten zu anderen Leuten und Ansätzen mal zu
       gucken, nach Formen solidarischer Ökonomie. Einer Ökonomie, die eben anders
       funktioniert. Auch zu sehen, wie man sich in seinen Bedürfnissen,
       Fähigkeiten und Möglichkeiten mit anderen organisiert, konzentrisch
       sozusagen.
       
       Ich bin in verschiedenen Bereichen mit unterschiedlichen Ansätzen aktiv. Es
       gibt zum einen diesen Bereich der Tauschökonomie, zwei Tauschmärkte oder
       Tauschringe, hier im Oderbruch und in der Märkischen Schweiz, die ich mit
       organisiere oder organisierte. Die gingen hervor aus einem Seminar über
       Geld, Alternativwährung, Schrumpfgeldtheorie usw., veranstaltet hier von
       der Kommune Klosterdorf, einer ökologischen Lebens- und
       Arbeitsgemeinschaft. Diese Tauschmärkte haben dann aus verschiedenen
       Gründen gekränkelt. Es ist ja so: Das Tauschäquivalent in der Stadt sind
       meist Zeiteinheiten, denn das Prinzip ist Arbeitszeit gleich Lebenszeit.
       Und eine Stunde ist eine Stunde! Auf dem Land ist das komplizierter, denn
       man tauscht vorzugsweise Produkte oder Leistungen, deren Wert eingeschätzt
       werden muss. Ich habe versucht, das zu reformieren, weil ich die Sache
       wichtig finde. Ich habe zum Beispiel für alle, die zum Markt
       zusammenkommen, eine ,Währung' gemacht", sie zeigt uns ein Kästchen, voll
       mit bunten kleinen Plastikquadraten, "ich habe sie ,Rübel' genannt. Sie
       werden nach Gebrauch, also am Schluss des Marktes, wieder eingesammelt. Die
       sind nur als Interimsgeschichte wichtig. Es gibt auch eine Mitgliedskarte
       für die ,Rübel-Union', namentlich ausgestellt. Wer Mitglied ist, der hat
       Kredit in der Zeit zwischen den Märkten, hat Gutscheine, also eine Art
       Wechsel, die er auch an Nichtmitglieder, von denen er etwas erhält,
       weitergeben kann. Das ist noch in der Versuchsphase. Also diese beiden
       Märkte haben längst nicht die explosionsartige Entwicklung genommen, wie
       der Verschenkemarkt. Und jetzt versuche ich gerade mühsam, die Märkte und
       Angebote über das Internet vorzubereiten.
       
       Als Zweites mache ich hier auf dörflicher Ebene diesen sogenannten
       Verschenkemarkt. Der wird organisiert von unserem Möhre-Kulturverein - bzw.
       eigentlich von mir -, und zwar zweimal im Jahr. Die Handzettelchen für die
       Ankündigung druckt mein lieber Freund Anton. Er lässt mir bei seinen
       Druckerzeugnissen einen kleinen Streifen frei, wo ich die dann mitdrucken
       lassen kann. Sie werden von den Kindern in die Briefkästen verteilt. Und
       dann kommen wirklich die Leute aus dem Dorf, aus der ganzen Umgebung - also
       vollkommen normale Bevölkerung - mit Wäschekörben voller Sachen. Es ist wie
       ein Flohmarkt, aber eben ohne Geld. Das findet im Saal der Kneipe hier
       nebenan statt. Es gibt einen hohen Umsatz von Sachen. Keiner geht weg, ohne
       wieder etwas mitgenommen zu haben. Niemand! Hinterher rief mich letztens
       eine Frau aus dem Dorf an und sagte, ich habe viel Dill usw. im Garten,
       kann vielleicht jemand was davon brauchen? Es entstehen Kontakte und Ideen.
       Also das ist ein soziales Highlight inzwischen.
       
       Dann gibt es die ,Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit', mit der wir in
       gutem Kontakt stehen. Das ist ein Zusammenschluss von - sagen wir mal -
       alten Kreuzberger Linken, die viel in Projekten aktiv waren." (PAG.
       Stiftung, Verein und Netzwerk "Zur Entschärfung von Privateigentum. Die
       Idee ist, Liegenschaften zu erwerben, mit dem Zweck, sie unentgeltlich an
       Projekte zu verleihen, die solidarische Ökonomie praktizieren. Anm. G. G.)
       "Die Gelder kommen von Spendern und von Erben. Eines dieser Projekte, das
       nicht über das Tauschprinzip, sondern über das Prinzip gegenseitiger Hilfe
       funktioniert, ist der Karlshof. Dort arbeiten wir auch zwischendurch mit.
       Demnächst wieder als Helfer bei der Kartoffelernte. Sie praktizieren eine
       nicht kommerzielle Landwirtschaft in Form kollektiver Subsistenz - schon im
       dritten Jahr - und haben so eine Mischung aus Beitragsökonomie und
       Schenkökonomie. Sie produzieren nicht für den Markt, sondern für den
       Bedarf, für Leute, die Kartoffeln brauchen. Ihre Kartoffeln werden gratis
       weitergegeben. Sie verschenken ihre Kartoffeln! Die demonstrieren ganz
       radikal, dass man das Geldäquivalent gar nicht braucht. Alle arbeiten mit
       gleichem und nicht profitorientiertem Interesse an einer gemeinsamen Sache.
       Das Produkt geben sie kostenlos weiter. Das ist übrigens ähnlich wie bei
       der Peer-Production, bei Open-Source-Entwicklungen oder der internationalen
       freien Datenbank "Commons". Das sind eben solche ,utopischen' Ansätze, die
       immer weitere Ideen stiften wollen.
       
       Man muss aber diese vielen kleinen Blasen solidarischer Ökonomie schon auch
       immer schützen, weil sie von Seiten der nichtsolidarischen Ökonomie
       natürlich begehrt werden. Es gibt immer Interessenten, die das als
       Ressource betrachten, die sich ausplündern lässt. Also das Gemeingut muss
       vor Privatisierung und Inbesitznahme geschützt werden. Es ist also wichtig,
       dass die Leute auch aktiver Bestandteil eines sozialen Netzwerkes sind.
       Wenn ich hier zum Beispiel den Verschenkemarkt organisiere, wenn ich meine
       Hilfe zur Verfügung stelle oder ein Seminar mache zu diesen Themen, dann
       gehöre ich dazu. Bin Bestandteil des Netzwerks von Leuten, die sich um
       solidarische Ökonomie kümmern. Und wenn ich von Leuten Mangold kriege, dann
       koche ich für die einen Topf voll.
       
       Gegenseitiges Schenken -notfalls auch Tauschen - und gegenseitige Hilfe,
       gegenseitiges Zusammenarbeiten an einem Projekt, das ist es, um was es
       geht. Die Leute übrigens, mit denen Thomas und ich hier zu tun haben, auch
       politisch zu tun haben, also die sich im Rahmen dieser PAG befinden, die
       sind mehr als eine Generation jünger als wir, sind Mitte bis Ende 20. Die
       haben viel von der Frische der frühen Autonomen-Zeit in Berlin. Sie sind
       furchtlos, aber mit einer viel größeren Zuverlässigkeit. Viele leben
       natürlich auch von bescheidensten Mitteln. Letztlich ist jedes Projekt von
       innerer Erosion bedroht. Denn wenn das Vertrauen darauf, dass auch der
       andere auf seinen persönlichen Vorteil verzichtet, nicht mehr da ist, dann
       schwindet die Großzügigkeit, mit der man sich gegenseitig Produkte und
       Arbeitszeit schenkt. Das gegenseitige Vertrauen darauf, dass mir der
       Vorteil des anderen genau so wichtig ist wie der eigene, dass ich das
       Wohlergehen des anderen mitdenke, muss immer wieder neu gestiftet werden.
       Denn das ist das Fundament für eine zuverlässige Tragfähigkeit.
       
       Die Beschäftigung mit dem Essay von Marcel Maus über die Gabe hatte mich
       dann zu der Überlegung gebracht, dass es gut wäre, Leute der
       unterschiedlichen Projekte - die sich teilweise gar nicht persönlich
       kannten - mal zusammenzubringen, um miteinander zu diskutieren über die
       jeweiligen Ansätze. Ich habe dann eingeladen zu einem Seminar - genauer
       gesagt, es waren zwei - über solidarische Ökonomie. Ich habe es an zwei
       Samstagen gemacht. Am ersten waren sozusagen die gestandenen Leute da, die
       alle eine lange Geschichte in Projekten haben, ganz viel wissen, auch,
       woran solidarische Ökonomie scheitern kann. Und am zweiten Samstag waren
       fast nur junge Leute da, die noch nicht so viel Erfahrung haben. Die
       Straußberger zum Beispiel, die gar nicht mehr alle zusammenleben und
       trotzdem ihre gemeinsame Ökonomie aufrechterhalten. Sie haben ein
       gemeinsames Konto und treffen sich einmal im Monat. Ich habe mich erinnert
       gefühlt an einen Orden. Auch die Leute vom Karlshof waren da und eine
       Gruppe, die versucht, in Leipzig ein Projekt zu machen, ein Zentrum für
       politische Aktionen gegen rechts und Rassismus usw.
       
       Wir haben miteinander diskutiert. Es ging um die drei Spielarten von
       Balanceökonomie, also Tauschökonomie, Beitragsökonomie und Schenkökonomie.
       Es ging darum, das Theoretische auch noch mal im Zusammenhang mit der
       jeweiligen eigenen Praxis zu betrachten. Und um die Notwenigkeit, dass
       diese drei Formen ineinander geschachtelt und immer wieder vernetzt werden
       müssen. Ich habe aber auch erklärt, dass ich persönlich die Schenkökonomie
       bevorzuge. Denn problematisch bei der Beitragsökonomie ist zum Beispiel:
       Wie ist zu gewährleisten, dass das gemeinsam erarbeitete Produkt später
       dann auch allen zugute kommt? Und das Problem bei der Tauschökonomie ist,
       dass sie quasi auf einem Vertrag basiert, dem, den Tauschwert richtig, das
       heißt gerecht einzuschätzen. Weil die Festlegung des Tauschwerts aber in
       der Regel am Marktwert orientiert ist, werden damit die Ungerechtigkeiten
       der normalen Aneignungsökonomie in die Tauschbeziehung eingeführt. Die
       Schenkökonomie hingegen orientiert sich ausschließlich an Bedürfnis und
       Gebrauchswert. Sie geht von einem relativen Gleichgewicht des Gebens und
       Nehmens aus. Das Tauschobjekt muss quantifiziert werden, die Gabe nicht.
       Aus dem Tausch leitet sich ein Anspruch ab, aus dem Akt des Schenkens eher
       eine Erwartung auf Erwiderung. Man schenkt, man hilft, man teilt. Ohne zu
       fragen, wann und wie das zurückkommt. Das alles aber im Vertrauen darauf,
       dass etwas zurückkommt. Vertrauen ist die zentrale Größe bei der
       Schenkökonomie und Gerechtigkeit ist die zentrale Größe bei der
       Tauschökonomie.
       
       Schenken ist ein Weggeben, bedeutet Aufgeben des Eigentumsanspruchs. Das
       scheint riskant und ist es auch. Aber das ist die Form, in der ich gern
       leben möchte, in einer solchen Vernetzung mit anderen - auch, wenn nötig,
       in einer konflikthaften Vernetzung. Jeder muss selbst seinen Weg aus dem
       Sicherheits- bedürfnis finden, das Geld und Eigentum vermitteln, muss
       sehen, ob er der Unsicherheit einer bescheideneren Lebensweise und dem
       Verlust gesellschaftlicher Anerkennung Erfahrungen abgewinnen kann." Sie
       lacht. Dann machen wir einen Spaziergang um den friedlich in seinem
       Schilfgürtel glitzernden See herum und pflücken süße Pflaumen von den
       Bäumen der ehemaligen LPG-Streuobstwiese.
       
       25 Oct 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabriele Goettle
       
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 (DIR) Kolumne Alles getürkt
 (DIR) Bremen
       
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