# taz.de -- Ramona Pop (Grüne) vs. Udo Wolf (Linke): Streitgespräch Linke gegen Grüne
> Haushalt, Wohnungspolitik, Prestigeprojekte – die grüne Opposition hat
> viel zu meckern an der rot-roten Regierungspolitik. Doch schon 2011
> könnten die Streithähne miteinander regieren.
(IMG) Bild: Udo Wolf (Linke) und Ramona Pop (Grüne)
taz: Herr Wolf, wir haben zum Streitgespräch geladen, aber jetzt dürfen Sie
ja nur noch nett sein zu Frau Pop. Denn angesichts von Umfragen und
Abstimmungsschlappen kann Rot-Rot spätestens ab 2011 nicht mehr ohne Grün
regieren.
Udo Wolf: Nett bin ich immer zu Frau Pop.
Gibt Sie Ihnen Anlass dazu?
Wolf: Sie ist ja durchaus ein netter Mensch. Aber den inhaltlichen Streit
führen wir lieber auf einer sachlichen Ebene. Und was die
Mehrheitsverhältnisse nach der Wahl 2011 angeht - das muss man sich dann
mal angucken, wenn es so weit ist.
Rot-Rot hat gerade nicht mal eine Mehrheit für eine neue Rechnungshofchefin
zusammenbekommen. Brauchen Sie die Grünen nicht schon vor 2011?
Wolf: Eher nicht.
Frau Pop, die nächste große Bewährungsprobe für Rot-Rot wird Anfang
Dezember der Haushalt sein. Finden Sie irgendetwas gut an dem Entwurf?
Ramona Pop: Ich fange mal eher damit an, was ich nicht gut finde. Es zeugt
vom Politikstil dieser Regierung, wenn der Senatssprecher sinngemäß sagt:
Beim Haushalt passiert uns so was wie mit den Abweichlern beim Rechnungshof
nicht, weil da ja offen abgestimmt wird - und jeder, der dagegen ist, wird
einen Kopf kürzer gemacht.
Und inhaltlich?
Pop: Dieser Haushalt gibt keine Antworten auf die Probleme des Landes. Es
kann ja wohl nicht sein, dass man trotz Haushaltsnotlage sagt: Es kriegt
jetzt jeder noch seine Geschenke, und erst in zwei Jahren - nach der Wahl -
gucken wir mal, wie wir mit sinkenden Einnahmen umgehen.
Welche Geschenke würden Sie weglassen?
Pop: Ich würde die Prestigeprojekte weglassen, auf die sich der Senat
versteift. Da wird die energetische Sanierung gestoppt, aber der Weiterbau
der U 5 vorangetrieben, die kein Mensch braucht. Das Gleiche gilt für die A
100. Es soll eine Kunsthalle geben und eine neue Landesbibliothek, die
Schulreform ist noch nicht ausfinanziert, und die Hochschulverträge sind
eine einzige Baustelle.
Während Frau Pop und ihre Grünen noch pro Jahr 200 Millionen aus dem Etat
kürzen wollen, hielten Sie, Herr Wolf, es kürzlich noch nicht mal für
möglich, 84 Millionen für mehr Kita-Erzieherinnen ohne neue Schulden zu
decken.
Wolf: Das hatte auch seinen Grund. Die Gegenfinanzierung des
Kita-Kompromisses haben wir zwar hinbekommen, aber nicht durch strukturelle
Einsparungen, sondern nur durch Puffer im Haushalt. Wo die 200 Millionen
herkommen sollen, die die Grünen noch sehen, ist mir schleierhaft. Frau Pop
hat außerdem ein paar Entscheidungen vorweggenommen, von denen sie gar
nicht weiß, wie da die Verhandlungen ausgehen.
Welche denn?
Wolf: Die A 100 ist noch längst nicht gebaut, eine neue Landesbibliothek
auch nicht - klar, wir brauchen eine, aber muss die 270 Millionen Euro
kosten? Und die Kunsthalle ist bereits nach hinten verschoben. Uns ist die
Haushaltsnotlage durchaus bewusst. Wir können der Krise aber nicht
hinterhersparen.
Pop: Das würden bis zur CDU hin alle unterschreiben. Aber man muss auch was
tun, um aus der Krise rauszukommen.
Und wie kommt man da wieder raus? Die Linkspartei hat etwa den öffentlich
geförderten Beschäftigungssektor durchgesetzt, kurz ÖBS, der vielen Leute
wieder einen Job gibt.
Pop: Vielen Leuten? Vielleicht sollte man die Zahl mal genau nennen: Das
sind 7.300. Wir Grünen teilen ja den Grundgedanken, Arbeit statt
Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Aber wir haben über 280.000 Erwerbslose in
Berlin, wir haben 25.000 Jugendliche, die bislang keinen Ausbildungsplatz
bekommen haben.
Ist der ÖBS zu teuer?
Pop: Er hält nicht die Versprechen, die damit gemacht worden sind. Er ist
eben keine Alternative zu den 1-Euro-Jobs, weil es davon noch immer 30.000
gibt. Ich würde mir wünschen, dass wir für dieses Geld, das in den ÖBS
fließt, mehr Menschen zu Beschäftigung verhelfen.
Könnte man das Geld sinnvoller nutzen, Herr Wolf?
Wolf: Sinnvoller wohl kaum. Das ist doch eine seltsame Debatte, das eine
gegen das andere auszuspielen. Bei 280.000 Arbeitslosen müssen wir jede
Möglichkeit nutzen, Menschen in Arbeit zu bringen.
Pop: Sie schichten aber schon von der Ausbildungsförderung in Richtung ÖBS
um, und da können wir nicht mitgehen.
Wolf: Das stimmt doch gar nicht.
Pop: Gucken Sie in den Haushalt, da stehts drin.
Wolf: Ich glaube, da müssen wir uns mal über die Grundrechenarten einigen.
Viel rechnen muss man nicht, wenn man auf ein anderes Feld guckt:
Gentrifizierung, steigenden Mieten, Verdrängung. Herr Wolf, Sie haben
jüngst gesagt, man müsse über eine neue Wohnungspolitik nachdenken.
Ähnliches steht im Leitantrag für den Grünen-Parteitag an diesem Samstag.
Wie soll diese neue Politik aussehen?
Wolf: Wir sind da erst am Anfang. Ich muss eingestehen, dass es dazu zu
wenig Debatte in der Koalition in den vergangenen Jahren …
Pop: … Rot-Rot hat die Entwicklung doch völlig verschlafen.
Wolf: Die Mieterstadt Berlin ist zwar im Vergleich zu anderen Großstädten
noch besser dran, in einzelnen Stadtteilen ist die Lage am Wohnungsmarkt
aber nicht mehr entspannt. Da braucht es ein Gesamtkonzept. Da geht es um
die soziale Steuerungsfunktion der kommunalen Wohnungsgesellschaften, um
das Mietrecht auf Bundesebene, das von Schwarz-Gelb weiter verschlechtert
werden soll, oder um das Klimawohngeld.
Und was ist mit dem Thema "Kosten der Unterkunft"?
Wolf: Auch damit müssen wir uns weiter befassen und mit der Frage, wie wir
Freizügigkeit für Hartz-IV-Empfänger hinkriegen.
Schlichter gesagt: Der Hartz-IV-Empfänger soll auch in Mitte wohnen können?
Wolf: Auch er soll entscheiden können, wo er wohnt. Ein Menschenrecht auf
Wohnen auf Schwanenwerder ist natürlich Quatsch …
Pop: Da wären wir auch gegen die Bebauung.
Wolf: … aber wir müssen verhindern, dass Hartz-IV-Empfangende auf einzelne
Quartiere beschränkt sind.
Ist das auch Ziel der Grünen?
Pop: Ja - aber wir sagen das Gleiche auch für Familien mit Kindern und den
ein oder anderen, der gut verdient. Es geht um die Mischung. Vielleicht
muss man mit anderen Städten versuchen, das Mietrecht zu ändern, damit die
Wohnungen bei Neuvermietungen nicht immens teurer werden. Unsere Anträge
dazu hat die Koalition abgelehnt.
Warum, Herr Wolf?
Wolf: Da sind wir doch gar nicht so weit auseinander. Aber wir beschließen
Dinge, die wir auch umsetzen können. Da müssen wir uns in der Koalition
einigen, was wir als Regierungsmehrheit gemeinsam auf den Weg kriegen - und
das sind ausgesprochen schwierige Verhandlungen. Entscheidend ist, dass wir
diese Debatte jetzt führen und dass inzwischen etwas passiert.
In der Bildungspolitik ist schon etwas passiert: Da hat Rot-Rot die
Gemeinschaftsschule eingeführt. Davon müssten die Grünen doch begeistert
sein?
Pop: Wir fanden es am Anfang schwierig, dass Rot-Rot trotz der vielfältigen
Schulprobleme 12 bis 15 Modellschulen auf den Weg bringt und ansonsten in
der Bildungspolitik nichts mehr tut. Erst großer Druck aus der Stadt und
unser Beharren haben dazu geführt, dass sich Rot-Rot zu einer größeren
Schulreform über die 15 Modellschulen hinaus entschlossen - haben Sie diese
15 überhaupt schon erreicht?
Wolf: Haben wir.
Pop: Das war ein hartes Stück Arbeit, Sie dahin zu bekommen. An die
Zusammenführung von Real- und Hauptschulen, da wollten Sie sich doch nicht
rantrauen. Gucken Sie sich doch mal alte Plenarprotokolle an.
Das hört sich gerade so an, als gäbe es ohne die Grünen weiterhin die
Hauptschulen und nicht die neue Sekundarschule.
Wolf: Jetzt geht es um die Umsetzung und darum, Eltern mitzunehmen, die der
Reform mit Skepsis oder sogar Frustration gegenüberstehen. Und wenn wir uns
im Grundsatz einig sind, dann wäre es doch sinnvoll, gemeinsam für die
Reform zu werben. Die kleinen Differenzen, die wir noch mit uns
herumtragen, sind doch, gemessen an der Gesamtreform, eher Petitessen.
Das klingt wie ein Koalitionsangebot in der Bildungspolitik.
Pop: Für mich klingt das eher wie "Wir können die eigene Mehrheit nicht
hinkriegen".
Wolf: Das ist das Problem bei den Grünen: Wenn man ihnen ein freundliches
Angebot macht zur Zusammenarbeit, werden sie sofort zickig.
Pop: In einem zentralen Punkt trennen uns mehr als Petitessen: Wenn man
will, dass die Sekundarschule nicht die neue Resteschule wird, darf man
kein Probejahr am Gymnasium zulassen. Das ist das völlig falsche Signal.
Wolf: Muss man den Grünen noch erklären, dass man in der Politik auch
Kompromisse machen muss?
Übereinstimmung in der Schulpolitik, bei der A 100, bei der Wohnungspolitik
- alles zentrale Politikfelder, in denen es mit der SPD hakt. Herr Wolf,
haben Sie den falschen Koalitionspartner?
Wolf: Das Niveau des Streits mit der SPD und hier mit Frau Pop, das nimmt
sich doch nichts. Wir haben keine größeren Differenzen mit der SPD als mit
den Grünen.
Pop: Gerade war die SPD noch der Buhmann und schuld am Nichterreichen von
Zielen.
Wolf: Um das mal klar zu sagen: Die SPD ist für mich keinesfalls der
Buhmann.
Jetzt mal Klartext: Rot-Rot-Grün, geht das?
Pop: Unser erstes Ziel ist es, Rot-Rot die Mehrheit abzunehmen. Alles
andere wird im Jahr 2011 entschieden. Klar ist aber auch: Wir werden nicht
die Ideen liefern, die Ihnen ausgegangen sind, und sonst bleibt alles wie
gehabt.
Wolf: "Ideen liefern" - lassen Sie uns doch lieber mal darüber
diskutierten, was die inhaltlichen Themen sind, und weniger darüber, wer
das Urheberrecht an einer Idee hat. Das ist ein Gestus, der einfach nervt.
Pop: Dann schiebe ich doch noch etwas hinterher: Wenn ich mir die
Entwicklung der Linkspartei angucke, habe ich manchmal Sorge, dass in der
Frage der DDR-Aufklärung so ein bisschen für Verklärung und Relativierung
gesorgt wird.
Wolf: Das macht es mit den Grünen so schwierig: Da wird das genaue
Hingucken gern dem kurzfristigen politischen Effekt geopfert. Wenn man
nämlich genau hinschaut, wie sich unsere Partei mit Geschichtsfragen
auseinander gesetzt hat und was wir dabei im Vergleich zu anderen geleistet
haben, dann kommen wir echt super weg, ich erinnere mal an das
Mauergedenkstättenkonzept.
Es scheint, als würde eine Koalition weniger am Fehlen von Übereinstimmung
in Sachfragen als vielmehr an atmosphärischen Problemen scheitern.
Pop: Das ist nicht nur atmosphärisch.
Sondern?
Pop: Die Linkspartei hat sich für einen bestimmten Weg entschieden, der
sehr links ist - zumindest wenn man Geldausgeben und Schuldenmachen als
links bezeichnet. Wir Grüne hingegen machen eine Politik der linken Mitte
und setzen dabei auf den alternativen Kreuzberger genauso wie auf den
Handwerksmeister, der energetische Sanierung anbietet. Das sind andere
Schwerpunkte - was aber auch in Ordnung ist, weil wir ja unterschiedliche
Wählerspektren ansprechen.
Wolf: Die Frage ist bloß, ob man es über die Sache oder die Denunziation
des Konkurrenten tut. Das sind für mich deutliche Unterschiede in der
politischen Kultur.
Pop: Koalitionsverhandlungen werden wir heute sowieso nicht führen.
Wolf: Da stimme ich allerdings uneingeschränkt zu.
20 Nov 2009
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
(DIR) Gereon Asmuth
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