# taz.de -- Moorburgtrasse: Widerstand im Wipfel
> Für die einen sind es nur Bäume. Für die anderen geht es ums große Ganze.
> Zu Besuch beim Neujahrsempfang an den besetzen Bäumen im Altonaer
> Gählerpark.
(IMG) Bild: Beim Neujahrsempfang an den besetzen Bäumen
Im Fernen Osten hat sich mitten im Turbokapitalismus der animistische
Brauch erhalten, Bäume mit kleinen Wunschzetteln zu behängen, denen es
zumeist ums Materielle - ein neues Auto, eine hübsche Wohnung - geht. In
Hamburgs Westen dagegen ist ein Baum gerade zum Träger eines
materialistischen Brauchs geworden, bei dem es um ein Jenseits vom
Kapitalismus geht. Dieser Baum steht im Altonaer Gählerpark, zwischen
Holstenstraße und Thadenstraße, und auf den Schildchen, mit denen er
behangen ist, wird zum Handeln aufgerufen: "Träume nicht dein Leben, lebe
deine Träume". Aufgehängt haben die Schilder Jürgen und Olivia. Die beiden
leben seit mehreren Wochen oben auf einer Plattform im Wimpfel. Bei Schnee
und Eis. Ein Alptraum, nach allgemeinem Dafürhalten.
Olivia und Jürgen haben zusammen mit der Initiative Moorburgtrasse-Stoppen
zum Neujahrsempfang am Sonntag geladen. Mit dabei ist sind auch
AktivistInnen von Robin Wood, die zwei weitere Bäume des Gählerparks
besetzt halten. Um einen Stand mit Glühwein- und Suppenausschank und zwei
Feuertonnen haben sich 70, 80 Leute zusammengefunden. Ringsum liegen
ausrangierte Tannenbäume, die sollen später entlang der geplanten Trasse
aufgehängt werden.
Eine junge Frau hat sich die Stiefel ausgezogen und hält die Füße wärmend
ans Feuer. Sie ist Mitglied bei Robin Wood, kommt aus Rostock und ist übers
Wochenende angereist, um unterhalb der besetzen Bäume im Zelt zu campieren.
"Schon ganz schön kalt", sagt sie. Daran hat sich ihre Lüneburger Kollegin
Cécile Lecomte, die seit dem 18. Dezember auf einer Plattform in den Bäumen
residiert, "bereits gewöhnt". Sie hat zwei Schlafsäcke und dazu noch ein
paar Wärmflaschen, die ihr die Anwohner vorbeibrächten. "Letzte Nacht habe
ich so geschwitzt, da konnte ich gar nicht einschlafen."
Lecomte, die Vollzeitaktivistin, sagt, ihr gehe es mit der Besetzung primär
um die globale Perspektive, um das Kohlekraftwerk Moorburg. Das aber sei
nur mit der Fernwärmetrasse durch den Gählerpark rentabel - die damit zur
Achillesferse des Kraftwerkbauers Vattenfall werde.
Und dann ist da noch die lokale Perspektive: "Für die Menschen hier vor
Ort", sagt Verena Wendland und deutet auf eine Gelbklinker-Haus am Rand des
Parkstreifens, "ist das Grün hier lebensnotwendig, die können nicht mal
eben nach Thailand reisen." Die Frau mit dem klingenden Nachnamen, "wie das
Freie Wendland", ist am Holstenplatz aufgewachsen und erinnert sich noch an
die Zeit, als die Gegend um den heutigen Gählerpark eine einzige
Trümmerlandschaft war.
In den 50er Jahren wurde dort das "Neue Altona" aufgebaut, geplant als eine
aufgelockerte, vom Renditegesetz befreite Stadt, deren Zentrum nicht die
Einkaufsstraße bilden sollte, sondern der Grünzug. Was sich noch immer
mitzuteilen scheint: Besonders schön, sagt eine Vorübergehende, fände sie
den Streifen nicht. "Aber es ist gut, dass es solche Freiräume gibt."
3 Jan 2010
## AUTOREN
(DIR) Maximilian Probst
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