# taz.de -- Klaus Wenzel über Schulreform: "An globale Standards angleichen"
       
       > Der Präsident des bayerischen Lehrerverbandes BLLV, Klaus Wenzel,
       > favorisiert die sechsjährige Grundschule. Reformbegeisterung sieht er
       > jedoch nicht.
       
 (IMG) Bild: Klaus Wenzel: "Man sollte eine schulpolitische Diskussion vermeiden und stattdessen eine pädagogische Diskussion führen."
       
       taz: Herr Wenzel, wie verfolgt man in München den Hamburger Schulkampf? 
       
       Klaus Wenzel: Das elektrisiert uns. Hier passiert etwas, was Auswirkungen
       haben kann auf andere Bundesländer. Und zwar deshalb, weil es in Hamburg
       längst nicht mehr um eine schulpolitische Auseinandersetzung geht, sondern
       um ein gesellschaftspolitisches Thema von höchster Brisanz. Die Gruppe der
       Privilegierten möchte nicht, dass zu viele Kinder zu viele Bildungsangebote
       bekommen und zu lange in einem Klassenzimmer sitzen. Auf den Punkt
       gebracht: Das Professorentöchterchen soll nicht lange neben dem Sohn des
       Hartz-IV-Empfängers auf einer Schulbank sitzen. Letztendlich geht es darum,
       wer welchen Anspruch auf Bildung hat - und wer nicht.
       
       Jetzt stimmen die Hamburger per Volksentscheid ab. Falls die Schulreform
       daran scheitert, spüren Sie dann die Auswirkungen bis Bayern? 
       
       Ja. Dann ändert sich über längere Zeit nichts. Wir denken aber, dass es
       höchste Zeit ist, uns an globale Standards anzugleichen, das heißt, Kinder
       länger gemeinsam lernen zu lassen. Doch wenn das in Hamburg scheitert, wird
       uns in Bayern hämisch entgegengehalten werden: Ja, die haben es doch in
       Hamburg ausprobiert. Die Eltern wollen es einfach nicht.
       
       Und falls die Hamburger zugunsten der Primarschule entscheiden, gerät die
       Regierung in Bayern unter Druck? 
       
       Sie wird nicht wirklich unter Druck geraten. Weil die CSU schulpolitisch
       gesehen nach wie vor die Alleinregierung hat. Aber es würde ein gewisser
       Legitimationsdruck entstehen angesichts dessen, dass die sechsjährige
       Primarschule unter einer CDU-Regierung verwirklicht wird. Dann wird es auch
       bei uns heißen: Wieso soll man es nicht wenigstens mal probieren.
       
       Käme es in Bayern zum Volksentscheid über diese Frage - wie würden die
       Eltern entscheiden? 
       
       Es gäbe ganz ähnliche Reflexe. Die Etablierten würden sich
       zusammenschließen und scheinheilig argumentieren: "Wir wollen lernen", wie
       die Hamburger Initiative sich zynisch nennt. Vor allem in den Großstädten
       käme es zu riesigen Aktionen. Da würden die gleichen Schlachten geschlagen
       wie in den 60er-Jahren, als Bayern ganz zaghaft begann, einige
       Gesamtschulen einzuführen. Die sind alle gescheitert, weil sie politisch
       nicht gewünscht waren.
       
       Das heißt, in Bayern gibt es keine Mehrheit für eine längere
       Grundschulzeit? 
       
       So ist es. Es gibt keine gesellschaftliche Mehrheit.
       
       Warum nicht? Viele Eltern sind doch unzufrieden mit dem Druck, der in der
       vierten Klasse aufgebaut wird. 
       
       Ich komme mit vielen Eltern und Lehrern zusammen, die sagen, es ist doch
       Schwachsinn, nach der vierten Klasse zu trennen. Es gibt eine deutliche
       Unzufriedenheit. Aber wenn es zu politischen Entscheidungen kommt, dann
       sind die Eltern doch noch so konservativ, am bestehenden Schulsystem
       festzuhalten. Viele sagen, wir sind schon zufrieden, wenn es kleinere
       Klassen gäbe.
       
       Wie vermeidet man, dass sich die etablierten Eltern sofort
       zusammenschließen, sobald die Schulstruktur infrage gestellt wird? 
       
       Man sollte eine schulpolitische Diskussion vermeiden und stattdessen eine
       pädagogische Diskussion führen.
       
       Genau das hat die Bildungssenatorin Christa Goetsch in Hamburg ja versucht. 
       
       Aber man muss im Vorfeld, und das hat Frau Goetsch wahrscheinlich
       unterschätzt, Verbündete aus allen Lagern suchen. Dies bereiten wir zurzeit
       in Bayern vor. Ich hatte einige sehr interessante Gespräche mit Vertretern
       konservativer Kreise, die nicht sofort dem linken Spektrum zugeordnet
       werden. Der Bauernverband hat zum Beispiel Interesse an einer längeren
       gemeinsamen Grundschulzeit, weil dadurch die wohnortnahe Schule auf dem
       Land länger garantiert wäre. Der Bund der Katholischen Jugend fordert eine
       neunjährige gemeinsame Schulzeit. Wir versuchen über solche eher
       konservativen Kräfte einen gesellschaftlichen Diskurs anzuregen. Aber davon
       sind wir noch weit entfernt.
       
       Wann kommt es Ihrer Meinung nach zum Schulkampf in Bayern? 
       
       Ich will überhaupt keinen Schulkampf. Ich möchte, dass wir heute beginnen
       eine schulpolitische Evolution vorzubereiten. Kämpfe und Revolutionen haben
       in der Schulpolitik nichts zu suchen.
       
       11 Feb 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Lehmann
       
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