# taz.de -- Kolumne Schweizer Kommunismus: Gaddafis Irrtum
       
       > Bisher haben wir den Kommunismus immer im Osten vermutet. Doch das ist
       > falsch. Das Mutterland des Kommunismus ist nicht die Sowjetunion, sondern
       > die Schweiz.
       
 (IMG) Bild: Sein Sohn wurde wegen schwerer Körperverletzung in einem Genfer Hotel im Juli 2008 kurzzeitig festgenommen.
       
       Libyen hat noch immer den Vorsitz der UN-Vollversammlung inne. Zu Beginn
       seiner Präsidentschaft trat das libysche Staatsoberhaupt mit dem Vorschlag
       hervor, die Schweiz aufzulösen. Offenbar konnte Muammar al-Gaddafi noch
       keine Mehrheit für seinen Plan gewinnen, weshalb er nun die Muslime der
       Welt aufgerufen hat, in den heiligen Krieg gegen die Schweiz zu ziehen.
       
       Es lässt sich in der Tat viel gegen die Schweiz einwenden. Else
       Lasker-Schüler glaubte, die Schweizer kämen schon siebzigjährig zur Welt
       und lägen in Windeln "aus Pflichtbewusstsein gewebt". Außerdem klangen die
       ebenso "dumpfen wie geschwollenen Dialekte" ihr "wie Rüben und Kartoffeln"
       in den Ohren. So viel zur ästhetischen Kritik der Schweiz. Sie ist
       Zufluchtsort der Steuersünder, das Land des Bankgeheimnisses sowie der
       Kopfpauschale. Aber ist das schon alles?
       
       Leider nein. Bisher haben wir den Kommunismus immer im Osten vermutet. Doch
       das ist falsch. Das Mutterland des Kommunismus ist nicht die Sowjetunion,
       sondern die Schweiz.
       
       Wo fand der große Revolutionsführer Lenin Exil, bevor er die Herrschaft der
       Bolschewiki errichtete? Natürlich in der Schweiz. Schon das sollte den
       großen Revolutionsführer Gaddafi milder stimmen. Und nun betrachten wir
       einmal das Schweizer Rentensystem. In der Schweiz darf die minimale Rente
       nur halb so klein sein wie die maximale Rente. Ja, was ist das denn? Und
       wer bekommt die Maximalrente? Die Antwort ist erschütternd: der
       Industriearbeiter, der Geringstverdienende. Die Minimalrente dagegen
       bekommen Bankdirektoren, Aktionäre, Manager.
       
       Ich war kürzlich auf einer Konferenz, auf der ein Schweizer einigen
       Deutschen das Schweizer Rentensystem erklärte. An dieser Stelle des
       Vortrags brach eine Frau in hysterisches Lachen aus. Das war der
       Irrealitätsschock. Oder der Realitätsschock. Also der Schock, den man im
       Augenblick der Erkenntnis erleidet, wie real mitunter das ganz Irreale sein
       kann. Dabei war der Referent noch gar nicht zur eigentlichen Pointe des
       Schweizer Rentensystems vorgedrungen. Nämlich zu der Frage: Wie finanziert
       man das?
       
       "Und nun kommt wohl das Genialste des ganzen Systems", kündigte der
       Vortragende an - die Dame hatte inzwischen ihre Fassung mühsam
       wiedergewonnen - und fuhr fort: Alle Einkommen, unabhängig von ihrer Höhe,
       werden mit 8,4 Prozent belastet. Niemand ist davon befreit. Auf diese Weise
       zahlen Spitzenverdiener oft jährlich weit über eine Million Franken in die
       Versicherung ein, um schließlich einmal eine Mindestrente zu beziehen.
       
       Das ist mehr als Kommunismus. Das ist höhnischste Verkehrung des
       Leistungsprinzips. Das ist vorsätzliche Diskriminierung der
       Besserverdienenden. Der Referent gab allerdings zu, dass es heute "mühsam"
       wäre, ein solches System durchzusetzen. Es verdanke sich vielmehr der
       Nachkriegsvernunft. Die Nachkriegsvernunft muss eine sehr seltsame Vernunft
       gewesen sein. Es war dieselbe Vernunft, die der Bundesrepublik Anfang der
       Fünfzigerjahre einen Spitzensteuersatz von 95 Prozent einbrachte und
       außerdem das Sozialstaatsgebot in der Verfassung. Die Nachkriegsvernunft
       sah die Entstehung von Riesenvermögen als große Gefährdung der Demokratie.
       Nach Katastrophen hat man einen anderen Blick auf die menschlichen Dinge
       und ihren Zusammenhalt. Vor großen Katastrophen hat man ihn nie. Darin
       besteht nicht zuletzt die Ironie der Geschichte.
       
       Heute würde statt des Sozialstaatsgebots wohl etwas ganz anderes in der
       Verfassung stehen: Die Würde des freien Menschen in einer freien
       Gesellschaft besteht darin, sein Platz im Leben frei zu wählen und aus
       eigener Kraft zu behaupten. So könnte man das formulieren. Alles andere ist
       verdeckte kommunistische Infiltration.
       
       Niemand soll glauben, er sei gegen solche Einflüsterungen immun. Nehmen wir
       nur die Krankenversicherung. Die meisten Menschen in diesem Land halten es
       noch immer für selbstverständlich, dass im Krankheitsfall alles
       Menschenmögliche für sie getan wird. Das ist naivster Kommunismus. Die
       Gesunden könnten ungleicher nicht sein. Sie wohnen zwar in ein und
       demselben Land, aber das ist nur eine terrestrische Täuschung, denn ihre
       Lebensverhältnisse verraten die Wahrheit: Sie kommen von verschiedenen
       Sternen. Und ausgerechnet im Krankheitsfall sollen alle wieder gleich sein?
       
       Die FDP will über die Kopfpauschale diesem Kinderglauben ein Ende machen.
       Auch wenn es sich bei dieser Kolumne um ein Lob der Schweiz handelt, so
       müssen wir an dieser Stelle doch ehrlich sein: Die Schweiz hat die
       Kopfpauschale schon. Der Schweizer Referent drückte diesen Umstand so aus:
       "In der Tat kennt die Schweiz als einziges Land in Europa und wohl auch
       weltweit diese ungerechten und unsozialen Kopfprämien."
       
       Die Schweiz ist eine Dreidrittelgesellschaft. Reiche, Arme, Mittelstand zu
       ungefähr gleichen Teilen. Der Millionär versichert sich - gemessen an
       seinem Einkommen - nun also fast umsonst. Das minderbegüterte Drittel muss
       gestützt werden, weil es allein seine Kopfprämie nie aufbringen könnte. Und
       den Mittelstand drückt diese Prämie an die Wand - insbesondere wenn es sich
       um eine Risikogruppe wie eine Familie handelt, zu deren Wesen nun mal die
       Mehr- bis Vielköpfigkeit gehört. Fassen wir zusammen: Kopfpauschalen sind
       die ideale Krankenversicherung für alleinstehende Bankdirektoren.
       
       Wir wissen, der große libysche Revolutionsführer hat sich sehr über die
       Schweiz geärgert. Aber niemand weiß so gut wie er, wie ungezogen das Volk
       sein kann. Gaddafi ist nämlich auch Dichter. 1995 hat er sein erstes Buch
       vorgelegt. Es heißt "Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der
       Selbstmord des Astronauten". Er beklagt darin besonders die Tyrannei der
       Massen und deren Neigung, ihre großen Führer in die Wüste zu schicken.
       Manchmal schicken die Massen aber auch etwas ganz anderes in die Wüste als
       Führer und Minarette. In der Schweiz hat sich bereits eine Volksinitiative
       gegen die Kopfprämie starkgemacht.
       
       Der Revolutionsführer sollte seine Fatwa gegen die Bergrepublik noch einmal
       überdenken. Darf er wirklich das einzig real existierende fast
       kommunistische Land vernichten? Geht man so mit einem Brudervolk um?
       
       31 Mar 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kerstin Decker
       
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