# taz.de -- Verband Alleinerziehender: Frauenjobs contra Kitazeiten
> Das größte Problem der Alleinerziehenden seien nicht die Jobcenter
> sondern die Kinderbetreuung. Zudem fordert der Verband weniger
> "Maßnahmen" und mehr echte Qualifikation.
(IMG) Bild: Vierzig Prozent der Alleinerziehenden sind arbeitslos, weil es an Ganztagsplätzen für die Kinderbetreuung fehlt
taz: Frau Eidtmann, Arbeitsministerin von der Leyen will Alleinerziehenden
die Arbeitssuche erleichtern, die SPD prescht mit einem
Acht-Punkte-Programm vor. Wie erklären Sie sich das plötzliche Interesse?
Margot Eidtmann: In der letzten Zeit hat die Bundesanstalt für Arbeit
aufrüttelnde Zahlen veröffentlicht. Über die Hälfte aller
Bedarfsgemeinschaften im Alg II sind Alleinerziehende.
Was müßte als erstes anders werden?
Die Kinderbetreuung. Jede Woche sitzen in meiner Beratung Frauen, bei denen
fehlt hier eine halbe Stunde morgens und da eine Stunde am Abend. Sie haben
ja nur Anspruch auf einen Halbtagsplatz. Alleinerziehende können also nicht
Verkäuferinnen werden, die bis 22 Uhr im Laden stehen müssen. Oder
Pflegekräfte, die morgens um 6 Uhr anfangen. Diese typischen Frauenjobs
sind mit unseren Kitazeiten nicht vereinbar. Und deshalb bleiben diese
Frauen arbeitslos. Oft reicht der künftige Lohn nicht, um noch eine zweite
Betreuung zu bezahlen. Die Kitagebühren für Niedrigverdiener müssen sinken.
Die SPD möchte nun auch den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz, sogar
für die gesamte Schulzeit.
Die meisten Kinder gehen immer noch in Halbtagsschulen. In vielen
Landkreisen gibt es nur eine einzige Ganztagsschule. Ein Rechtsanspruch
würde helfen.
Frau von der Leyen setzt bei den Jobcentern an. Die sollen Kitaplätze für
Alleinerziehende besorgen.
Im Moment sind die Jobcenter mit solchen Aufgaben schlicht überfordert. Sie
vermitteln im Moment tatsächlich gern in Maßnahmen, ohne sich um die
Kinderbetreuung zu kümmern. Das ist mangelhaft.
Die SPD will das Personal in den Jobcentern aufstocken.
Die Forderungen sind gut. Aber die SPD ist in der Opposition. Das
Hauptproblem ist doch, dass wirkliche Arbeitsvermittlung in den Jobcentern
gar nicht mehr stattfindet. Die Leute werden in Maßnahmen gesteckt, dann
sind sie raus aus der Statisitik. Die Alleinerziehenden sind aber eine sehr
inhomogene Gruppe, sie benötigen individuelle Beratung.
Was heißt das genau?
Sie bekommen in diesen Maßnahmen irgendwelche Zusatzqualifikationen. Wenn
sie aber eine richtige Ausbildung oder den Realschulabschluss machen
wollen, zahlt das Jobcenter das nicht. Dann müssen sie in das
Ausbildungsförderungssystem wechseln und da werden dann wieder die Eltern
für die Finanzierung herangezogen. Das wollen viele 25-Jährige aber nicht.
Außerdem gibt es bei der Ausbildungsförderung Altersgrenzen. Aber auch
30-Jährige müssen Abschlüsse machen können, gerade Alleinerziehende.
Rechtsanspruch auf Schul- und Berufsabschluss in Teilzeit steht im
SPD-Programm.
Die SPD-Ideen sind alle schön. Aber wie kann man sie umsetzen? Die Kommunen
sparen gerade. Die Kitagebühren werden erhöht, der Ausbau kommt kaum voran.
Was die Agentur für Arbeit anlangt, bin ich etwas optimistischer. Es wird
viel Geld in den Maßnahmen verbrannt. Dieses Geld kann man umschichten in
nachhaltige Ausbildungen und eine bessere Betreuung.
***
Dieser Text ist für Sie kostenlos verfügbar. Dennoch wurde er nicht ohne
Kosten hergestellt! Wenn Ihnen der Text gefallen hat, würden wir uns
freuen, wenn Sie der taz dafür einen kleinen Betrag bezahlen. Das können
wenige Cent sein - wir überlassen es Ihnen.
Für unabhängigen Journalismus: taz-Konto 39316106 | BLZ: 10010010 |
Postbank Berlin - Verwendungszweck "taz.de".
19 Apr 2010
## AUTOREN
(DIR) Heide Oestreich
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kommentar Alleinerziehende: Kinder fördern. Nicht die Eltern.
Ganztagskitas und -schulen sind richtig und wichtig. Doch darauf haben
nicht die Eltern, sondern zuerst ihre Kinder ein Anrecht. Denn hier darf es
nicht zuerst um die Jobs der Eltern gehen.