# taz.de -- Mit Tränengas gegen Demonstranten: Haitis Schüler wollen lernen
       
       > Nach dem Erdbeben im Januar sind Haitis Schulen noch immer geschlossen.
       > Bei Demos von Schülern für die Wiederaufnahme des Unterrichts kam es zu
       > Auseinandersetzungen mit der Polizei.
       
 (IMG) Bild: Von dieser Schule ist nicht mehr übrig: Schülerinnen in Port-au-Prince am 6. April
       
       SANTO DOMINGO taz | Hunderte von haitianischen Schülern haben in
       Port-au-Prince dafür demonstriert, dass an ihren Schulen endlich wieder der
       Unterricht aufgenommen wird. Weil in den Schulgebäuden und auf -geländen
       nach wie vor Tausende von Menschen untergebracht sind, die durch das
       Erdbeben im Januar ihre Wohnraum verloren haben, kann in über 20
       Bildungseinrichtungen von Port-au-Prince nicht unterrichtet werden. Erst
       nach Ostern hatte das Erziehungsministerium offiziell den Schulbetrieb
       wieder aufgenommen.
       
       „Wir fordern die Wiederaufnahme des Unterrichts“, skandierten die Schüler
       bei ihrem Marsch durch die seit dem Erdbeben im Januar dieses Jahres schwer
       zerstörte Innenstadt. Viele trugen die Uniform ihrer Schule. Vor allem die
       Oberschüler fürchten, dass ihnen das laufende Schuljahr aufgrund der
       Fehlstunden nicht anerkannt wird, sie ein weiteres Jahr die Schulbank
       drücken müssen. Unmittelbar nach dem schweren Erdbeben waren der
       Schulunterricht landesweit suspendiert worden.
       
       Vor dem Erziehungsministerium, das bei der Erdbebenkatastrophe schwer
       beschädigt wurde, kam es zu Zusammenstößen mit der haitianischen
       Aufstandspolizei. Mit Tränengasgranaten und Warnschüssen in die Luft hätten
       die Polizeieinheiten versucht, die Demonstration aufzulösen, meldeten
       Reporter der haitianischen Rundfunkstation Radio Metropole. Die Schüler
       wiederum hätten mit Flaschen und Steinen geworfen. In einem Interview mit
       dem Sender bekundete Erziehungsminister Joël Desrosiers Jean-Pierre
       Verständnis für die Forderungen der Oberschüler. „Das ist aber keine Grund
       Steine und Flaschen zu werfen“, betonte Jean-Pierre. „Wir suchen nach
       Alternativen, wo wir die Obdachlosen unterbringen können.“
       
       Die Empörung und Wut der Schüler kommt jedoch nicht von ungefähr. Seit
       Monaten schon leben Hunderttausende von Obdachlosen auf den wenigen
       unbeschädigt gebliebenen Schulen in dem Erdbebengebiet. Etwa 4.000 Schulen
       wurden völlig oder so schwer geschädigt, dass sie abgerissen werden müssen.
       Etwa 1.300 Lehrinnen und Lehrer sind umgekommen. Über die Zahl der
       umgekommen Schüler gibt es bisher keine offiziellen Angaben, sie dürfte
       nach Tausenden zu zählen sein.
       
       Doch anstatt bereits unmittelbar nach der Katastrophe an der Lösung des
       Schul- und Unterbringungsproblems zu arbeiten, so kritisieren Schüler und
       Pädagogen, hätten die Verantwortlichen sich um nichts gekümmert. Verschärft
       sei die Situation noch dadurch geworden, dass das Erziehungsministerium
       nicht nur den Schulunterricht im Katastrophengebiet suspendiert habe,
       sondern in ganz Haiti. „Dabei wäre es wichtig gewesen, sich besonders um
       die Schüler zu kümmern“, sagt Michael Heiming von der deutschen
       Privatinititative in Deutschland „Escuela para Hispaniola“. „Schulen für
       Hispaniola“ baut nicht nur Erdbeben sichere Schulgebäude in der
       Dominikanischen Republik, sondern auch im Südwesten Haiti rund um die
       Hafenstadt Jérémie. „Aber unseren Projektpartner war der Unterricht
       untersagt.“
       
       Nach wie vor gibt es für die Obdachlosen, die sich in den Schulen vor allem
       von Port-au-Prince niedergelassen haben, keine wirklich alternativen
       Unterkünfte. Noch immer hat die Regierung keine ausreichenden Gelände am
       Stadtrand der Drei-Millionen-Metropole ausgewiesen, auf denen die
       Erdbebenofper vorübergehend untergebracht werden könnten, mit ausreichenden
       Sanitäranlagen, einer angemessenen Strom- und Wasserversorgung. Aus Angst,
       völlig mittellos darzustehen, weigern sich die Betroffenen ihre
       Behelfsunterkünfte auf den Schulgeländen zu verlassen und umzuziehen. In
       manchen Lagern versuchen die Behörden zwar, die Bewohner zur Aufgabe ihrer
       Provisorien zu bewegen, in dem sie immer stärker die Hilfslieferungen
       einschränken. Aber einen offenen Konflikt scheuen sie, zumal sie mangels
       Planung und Koordination keine Alternativen anzubieten haben.
       
       Die Oberschüler sind sauer, dass sie jetzt die Versäumnisse der
       Schulbehörde und der Regierung dadurch ausbaden sollen, dass sie ohne
       Schulunterricht bleiben. Das Ministerium hat bisher lediglich angeboten,
       dass offizielle Schuljahr bis in den August auszuweiten. Die Schüler haben
       am Mittwoch zwar ihre zweitätigen Proteste vorübergehend ausgesetzt, aber
       schon angedroht: Wenn es keine baldige Lösung gibt, „dann kommen wir
       wieder.“
       
       29 Apr 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hans-Ulrich Dillmann
       
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