# taz.de -- Kolumne Im US-Gefangenenlager: Haarschnitt für 10 Dollar
       
       > Für die Bewohner von Guantanamo-Bay endet die Welt an der
       > "Verteidigungslinie". So nennen die Militärs die streng bewachte
       > Grenzlinie zur Republik Kuba.
       
 (IMG) Bild: Ein Häftling in Guantanamo
       
       "Die Insel", sagt die Friseurin. Seit fast zwei Monaten lebt sie in
       Guantanamo-Bay. Frisiert und rasiert die Köpfe von Soldaten und ihren
       Angehörigen. Der US-Militärstützpunkt erscheint ihr wie ein eigenständiges
       Stück Land in der Karibik. Sie weiß nicht, dass Guantanamo-Bay tatsächlich
       ein Naturhafen in Kubas Südosten ist - gelegen auf derselben großen Insel
       wie Havanna. Und sie weiß auch nicht, dass die Kubaner die Legitimität der
       US-Basis bestreiten. Die Welt der Bewohner von Guantanamo-Bay endet an der
       "Verteidigungslinie". So heißt die massiv bewachte Grenzlinie zur Republik
       Kuba im Militärjargon der US-SoldatInnen.
       
       Die Friseurin stammt aus Jamaika. Ein "Contractor" der US-Armee - ein
       Subunternehmer - hat sie dort angeworben. Die meisten zivilen Beschäftigten
       auf der US-Basis Guantánamo stammen aus Jamaika. Sie verkaufen die Hot
       Dogs. Sie bauen die Kasernen, Gefängnisse und Wohnhäuser. Und sie kochen
       und sie putzen für die US-SoldatInnen.
       
       Für die Jamaikaner ist es ein gut bezahlter Job. In nur 45 Minuten
       Flugentfernung von Zuhause und in der Sprache ihres eigenen Landes. Für die
       USA bietet das Arrangement den Vorteil, dass die diplomatischen Beziehungen
       zum Herkunftsland berechenbar sind. Das verhält sich anders mit dem näher
       gelegenen Haiti. Und ist noch komplizierter mit Kuba. Ursprünglich kamen
       die meisten zivilen Beschäftigten des 1903 eröffneten US-Stützpunkts aus
       Kuba. Doch nach der Revolution mussten sich die Kubaner entscheiden. Die
       meisten von ihnen haben damals die US-Basis verlassen.
       
       Die neuen Vertragsarbeiter sind nur vorübergehend auf der Basis. Sie
       bekommen eine Aufenthaltsgenehmigung, die an den Job und den Ort gebunden
       ist. Ein Anrecht auf die Green Card für die USA bekommen sie bei den
       "Contractors" nicht. Dieses Privileg erhalten nur die Beschäftigten der
       US-Armee.
       
       Geografisch mag Guantanamo-Bay keine Insel sein, aber es ist eine
       abgetrennte Welt. Sprachlich, politisch und wirtschaftlich ist dort alles
       anders. Nicht nur, als in Kuba. Sondern auch, als in den USA. Der
       Stützpunkt gehört rechtlich und völkerrechtlich nicht zu den USA. Diese
       besondere Situation machte es 2002 möglich, dass die USA dort das
       Hochsicherheitslager nur für ausländische Gefangene eröffneten, das keiner
       Rechtsgrundlage in den USA entspricht.
       
       Für den Gefangenen im Hochsicherheitslager ist die besondere Lage von
       Guantánamo ein Fluch. Für den Alltag der Soldaten und der Vertragsarbeiter
       hat sie auch Vorteile. Ihre Bezahlung ist gut. Und die Preise, die sie bei
       ihren Einkäufen in den Läden und für Essen in Restaurants bezahlen, sind
       ungleich niedriger als in den USA.
       
       Die US-Armee, die das Monopol über das örtliche Geschäftsleben hat, und
       sämtliche Waren auf die Basis bringt, macht es möglich. Hinzu kommt, dass
       auf Produkte, die in den Armyläden der Nex-Kette, wo US-Soldaten weltweit
       ihren Bedarf decken, grundsätzlich keine Steuer erhoben wird. So komme ich
       zu einer Friseurin aus Jamaika, die meine Haare zu dem von der US-Armee
       subventionierten Spottpreis von 10 Dollar schneidet.
       
       3 May 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dorothea Hahn
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Aufnahme Guantanamo-Häftlinge: Neuanfang in Deutschland
       
       Nach monatelangem Gezerre nimmt Deutschland zwei Häftlinge des
       US-Gefangenenlagers Guantánamo auf – ein dritter muss jedoch im Lager
       bleiben.