# taz.de -- Zentralafrikanische Republik: Eine humanitäre Tragödie auf Raten
       
       > Ein Zehntel der eigenen Bevölkerung als Vertriebene im eigenen Land: Die
       > zentralafrikanische Republik gerät außer Kontrolle. Rebellengruppen
       > machen sich breit, Wahlen ersatzlos gestrichen.
       
 (IMG) Bild: Ein Mann sitzt in einem UNHCR-Fahrzeug, er will den Fluss überqueren von Bangui (zentralafrikanische Republik) aus nach Kongo. (Archiv, 2002)
       
       BANGUI taz | Auf dem Tisch hat Muriel Cornelis eine Karte ausgebreitet. Sie
       zeigt viele bunte Punkte: Hier sollten eigentlich Hilfswerke arbeiten.
       Tatsächlich aber haben sich längst alle Helfer aus dem Norden und Nordosten
       der Zentralafrikanischen Republik zurückgezogen.
       
       Zu Recht, meint die Direktorin der Humanitären Abteilung der EU im Land.
       "Die Lage dort ist unvorhersehbar und explosiv." Seit Wochen kämpfen Armee
       und Rebellen, Tausende von Menschen sind aus ihren Dörfern geflohen. "Die
       lokale Bevölkerung wird von allen Konfliktparteien vertrieben, von
       Rebellen, Regierungssoldaten oder schlicht Banditen", sagt Annette Rehrl,
       UNHCR-Sprecherin im Süden Tschads. Nach ihren Zahlen leben 70.000
       zentralafrikanische Flüchtlinge in Lagern im Tschad, dazu kommen 330.000
       Vertriebene im eigenen Land – ein Zehntel der Bevölkerung.
       
       Die Krise in der Zentralafrikanischen Republik ist eine humanitäre Tragödie
       auf Raten. Vor anderthalb Jahren, als fünf Rebellengruppen und die
       Regierung des Präsidenten François Bozizé sich auf einen "Nationalen
       Dialog" einigten, schwiegen die Waffen für ein paar Monate.
       
       Doch bald wurde wieder gekämpft. Im Norden des Landes um Sido ist die
       "Demokratische Front des Zentralafrikanischen Volkes" (FDPC) aktiv, im
       Nordosten um Ndele die "Konvention der Patrioten für Gerechtigkeit und
       Frieden" (CPJP), deren Führer Charles Massi, ein ehemaliger
       Präsidentschaftskandidat, zu Beginn des Jahres in Militärgewahrsam starb.
       
       "Die jüngste Gewaltwelle im Norden geht auf das Konto einer Rebellengruppe,
       die sich zersplittert hat und in der es keinerlei Disziplin mehr gibt",
       beschreibt Edward Dalby von der International Crisis Group die Lage. "Die
       Rebellen haben aus Frust über den verschleppten Friedensprozess damit
       begonnen, willkürlich Menschen zu entführen und zu foltern." Die wenigen
       Regierungssoldaten sind ihrerseits unterbezahlt und schlecht ausgerüstet.
       
       So unsicher ist die Zentralafrikanische Republik, dass die für den 16. Mai
       geplante Präsidentschaftswahl kurz vorher vom Parlament auf unbestimmte
       Zeit verschoben wurde. Bozizé bleibt trotz Ablaufs seiner Amtszeit an der
       Macht. Wer in der Hauptstadt Bangui mit Regierungsvertretern spricht, die
       darauf bedacht sind, nicht zitiert zu werden, gewinnt zugleich das Gefühl,
       dass die Regierung das Land jenseits der Hauptstadt aufgegeben hat.
       
       "Im Hinterland herrschen Rebellengruppen und Straßenräuber", sagt Peter
       Weinstabel, der in Bangui die deutsche Botschaft vertritt. Deshalb sei die
       Zentralafrikanische Republik, trotz Gold, Diamanten und anderer wertvoller
       Mineralien, eines der ärmsten Länder der Welt. "Die Instabilität hält jeden
       Investor ab." Eine kleine Elite lebe von Ressourcen, die vor Jahrzehnten
       erwirtschaftet worden seien.
       
       Wo der Staat das Land im Stich lässt, machen sich Invasoren wie die
       ugandische "Widerstandsarmee des Herrn" (LRA) breit. Aus Uganda über den
       Kongo und Südsudan in die Zentralafrikanische Republik gekommen, nehmen die
       Übergriffe der LRA im Südosten des Landes zu. Mindestens zehn LRA-Überfälle
       hat das UNHCR seit Anfang Mai alleine in der Provinz Haut-Mbomou
       registriert. Mindestens 36 Bewohner wurden hingerichtet, mehr als 10.000
       sind auf der Flucht.
       
       "Die LRA ist verzweifelt, ihre Kämpfer brauchen alles", beobachtet Muriel
       Cornelis. "Nahrung, Kleidung, Unterkunft, deshalb schlagen sie unbarmherzig
       zu." Augenzeugen berichten von niedergebrannten Dörfern, vergewaltigten
       Kindern und Opfern, denen die Lippen oder Ohren abgeschnitten wurden.
       
       Manchmal harren Flüchtlinge wochenlang im Wald aus, so Cornelis. "Das hier
       ist keine Krise im normalen Sinn", gibt die Belgierin zu. "Die
       Vertreibungen sind schlimm, aber noch auf einem vergleichsweise niedrigen
       Niveau." Dennoch seien Zugang zu Trinkwasser und Nahrung so katastrophal
       wie in Ländern, wo ein heftiger Krieg tobe oder sich eine Naturkatastrophe
       ereignet habe. "Das liegt daran, dass es seit Jahrzehnten keine Regierung,
       keine Ordnung mehr gibt."
       
       27 May 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marc Engelhardt
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Zentralafrikanische Republik
       
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