# taz.de -- UN-Blauhelme sollen Kongo verlassen: Panzer für den Feiertag
       
       > 50 Panzer für den 50. Feiertag der Unabhängigkeit des Kongo – und
       > Präsident Kabila will auch gleich die UN-Blauhelme aus dem Land haben.
       > Das sorgt in Kinshasa für Unruhe.
       
 (IMG) Bild: Militär und Flagge, fotografiert anlässlich des Kongo-Besuchs von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy im März 2009.
       
       Es ist nicht lange her, da gab es in Matadi plötzlich einen gigantischen
       Verkehrsstau. In dem Tiefseehafen am Unterlauf des Kongo-Flusses, über den
       der gesamte Atlantikfrachtverkehr der Demokratischen Republik Kongo
       abgewickelt wird, waren 50 Panzer der sowjetischen Typen T-72 und T-55 aus
       der Ukraine gelandet. Die Panzer blockierten die Straße, und alle Welt weiß
       jetzt über diesen Rüstungsimport Bescheid. Aber Antoine, ein pensionierter
       Oberst in Matadi, fragt sich wie viele andere Kongolesen, wozu die Dinger
       gut sein sollen: man kann damit weder im ostkongolesischen Regenwald
       Milizen bekämpfen, noch sind sie in den Sumpfgebieten der nördlichen
       Provinz Équateur einsetzbar, wo sich Kongos neue Rebellion per Boot entlang
       den zahlreichen Flussläufen bewegt.
       
       "Man hat sie für die Feiern zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit
       eingeführt", weiß in der Hauptstadt Kinshasa ein europäischer Diplomat über
       die Panzer zu erzählen. Wenn am 30. Juni der Kongo die Befreiung von
       Belgien vor 50 Jahren feiert, ein für Kongos Identität zentrales und sehr
       emotionales Ereignis, soll es Militärparaden auf Kinshasas großer
       Hauptstraße "Boulevard 30. Juni" geben. Hoffentlich, fährt der Diplomat
       fort, machen die Panzer die Straße nicht wieder kaputt, die Präsident
       Joseph Kabila seit seiner Wahl vor vier Jahren zur größten seiner
       Baustellen zum Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes gemacht hat.
       
       Die Baumaßnahmen auf dem Boulevard sind ein Sinnbild des seltsamen
       Schicksals des Kongo in den vier Jahren seit Kabilas Wahl. Gerade erst mit
       europäischer Hilfe verschönert, wurde die Prachtstraße letztes Jahr von
       Chinesen komplett neu aufgerissen und verbreitert. Heute ist der Boulevard
       eine mörderische Stadtautobahn von sechs Kilometern Länge mitten durch das
       Stadtzentrum, die wohl nur deswegen nicht jeden Tag tote Fußgänger
       produziert, weil der Verkehr auf ihr meistens im Stau steckt und die
       Bauarbeiten nie zu Ende gehen. Denn die chinesische Baufirma CREC macht
       immer dann eine Pause, wenn der Staat sie nicht bezahlt, und das ist
       ziemlich oft. Die Chinesen malen Verkehrslinien am liebsten zur
       Hauptverkehrszeit auf die Straßen. Und nachdem sie alle 600 bis 700 teils
       hundertjährigen Bäume entlang des Boulevards gefällt haben, um ihn zu
       verbreitern, setzen sie das Pflanzenmassaker nun in den lauschigen
       Nachbarstraßen fort.
       
       Profit schlagen aus der Situation allein die Straßenhändler, die mit ihrem
       gellenden Ruf "Eau pure!" den lechzenden Fahrgästen der überfüllten
       Sammeltaxis in der staubigen Mittagshitze angeblich "sauberes" Trinkwasser
       in kleinen Plastikbeuteln anbieten. Wenn der Verkehr endlich fließt, ist
       der Boulevard noch gefährlicher. "Man muss das verstehen, die Leute
       probieren ihre Geschwindigkeit aus, das kannten sie vorher nicht", erklärt
       der Mitarbeiter einer Telefongesellschaft, als vor ihm ein Auto in einen
       Lastwagen kracht.
       
       Immerhin ist der Zustand des Boulevards von Kinshasa eines von vielen
       sichtbaren Zeichen des Wiederaufbaus. In der Hafenstadt Matadi weihte
       Präsident Kabila am 11. Mai eine chinesisch gebaute neue Straßenbrücke ein,
       die Überlandstraßen in dieser Region sind in gutem Zustand. Aber hier sehen
       die Menschen vor allem die Großlastwagen aus China entlangdonnern, die
       Importgüter vom Meer in die Zehn-Millionen-Stadt Kinshasa bringen. Und man
       kann zwar in immer mehr kleinen Orten mobil telefonieren, aber fließendes
       Wasser gibt es deswegen noch lange nicht.
       
       In diesem Kontext möchte Präsident Kabila den Abzug der UN-Mission im Kongo
       (Monuc) einleiten, die größte Blauhelmtruppe der Welt. Er will rechtzeitig
       vor den Feiern zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit und ein Jahr vor den
       nächsten Präsidentschaftswahlen beweisen, dass er die Lage im Griff hat,
       analysieren Diplomaten. Ein hoher Monuc-Mitarbeiter betont, das sei die
       Entscheidung Kabilas allein gewesen, nicht die der kongolesischen Armee.
       Deren Offiziere wissen, dass sie nach wie vor auf die logistische
       Unterstützung der UNO angewiesen sind, um überhaupt als Armee zu
       existieren. 2.000 UN-Soldaten, ein Zehntel der Truppe, sollen bis 30. Juni
       das Land verlassen, zunächst aus dem Westen und Norden des Landes.
       
       Das sorgt in Kinshasa für Unruhe. "Die Blauhelme machen nicht viel, aber
       ohne sie ist es noch schlimmer", sagt ein lokaler Journalist. "Wir möchten,
       dass sie bleiben!" In Gebieten, die vom ersten Teilrückzug betroffen sind,
       mehren sich entsprechende Appelle an die UNO. So hat die Zivilgesellschaft
       des Ortes Dingila - Kirchen und Nichtregierungsorganisationen-, tief in dem
       von den ugandischen LRA-Rebellen terrorisierten Gebiet im Nordosten des
       Landes, in einem Memorandum den Ende April verkündeten Abzug des dortigen
       senegalesischen Kontingents scharf abgelehnt. Die LRA (Widerstandsarmee des
       Herrn), eine aus Uganda geflohene und im Dreiländereck der Demokratischen
       Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik und Südsudans
       marodierende Truppe, hat in dieser Region erst vor zwei Monaten 100
       Menschen massakriert und entsetzliche Verstümmelungen angerichtet; so
       wurden einer Frau Ohren und Lippen abgeschnitten. Gegenüber der taz gesteht
       UN-Generalleutnant Babacar Gaye allerdings, seine Soldaten seien gegenüber
       der LRA eher machtlos, denn diese bewegt sich frei in einem riesigen
       bergigen, kaum erschlossenen Terrain. "Sie rekrutieren jetzt sogar in der
       Zentralafrikanischen Republik", sagt er. "Wir haben Leute dorthin
       repatriiert."
       
       Nicht nur die LRA macht Kongolesen das Leben schwer, auch die ruandische
       Hutu-Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) sowie
       zahlreiche lokale kongolesische Milizen im Osten des Landes. Die
       vorliegenden Pläne der kongolesischen Regierung, wonach bis Ende 2010 9.000
       UN-Soldaten abziehen sollen und der Rest bis Ende 2011, erscheinen daher
       wenig realistisch. Wenngleich Gaye sich weigert, zu sagen, ob seine
       Blauhelme eigentlich ihrer Aufgabe gewachsen sind. "Selbst wenn ich nicht
       hätte, was ich brauche, würde ich es nicht der Presse sagen", so der
       Senegalese. Er verweist lieber auf Erfolge: "Die kongolesische Armee hat 60
       Prozent der FDLR neutralisiert, das ist nicht zu vernachlässigen", betont
       er.
       
       Der außergewöhnlich fragile Charakter der kongolesischen
       Regierungsstreitkräfte FARDC ist jedoch für Kongolesen ein Grund, solchem
       Optimismus zu misstrauen. Kinshasa hängt komplett von Importen ab, die über
       Matadi ins Land kommen, sowie vom Binnenhandel auf dem Kongo-Fluss. Aber
       sowohl in der Provinz Bas-Congo um Matadi als auch in der Provinz Equateur
       flussaufwärts scheint Kongos Regierung nicht wirklich alles unter Kontrolle
       zu haben.
       
       In Bas-Congo fordert seit Jahrzehnten eine religiös angehauchte
       Untergrundbewegung, Bundu dia Kongo (BDK), die Wiedererrichtung des
       vorkolonialen Königreichs Kongo. Ihr Führer Ne Muanda Nsemi, zugleich
       Priester und Parlamentsabgeordneter und beliebtester Politiker der Provinz,
       ist seit einem Aufstand vor drei Jahren aus der Provinz verbannt; wer
       T-Shirts mit seinem Bild darauf trägt, kann verhaftet werden, flüstert
       einer seiner Vertrauten. BDK hat sich inzwischen in BDM (Bundu dia Mayala)
       umbenannt und versuchte im vergangenen Dezember, in der Stadt Kimpese eine
       öffentliche Versammlung abzuhalten. Elitepolizei verhinderte das. Viele
       Menschen in Bas-Congo ärgern sich, dass ihre Provinz zwar Kongos größten
       Hafen Matadi, das größte Wasserkraftwerk Inga sowie die wichtigsten
       Zementwerke und Ölfelder des Landes beherbergt, davon aber kaum profitiert.
       Sie könnten nun geneigt sein, bei den nächsten Wahlen der MLC
       (Kongolesische Befreiungsbewegung) des in Den Haag inhaftierten ehemaligen
       Oppositionsführers Jean-Pierre Bemba ihre Stimme zu geben, sagt ein
       evangelischer Pfarrer aus der Region hinter vorgehaltener Hand.
       
       Bembas Heimatprovinz Equateur wiederum ist für Kongos Regierung ein noch
       größeres Problem. Am Ostersonntag fiel die Provinzhauptstadt Mbandaka 500
       Kilometer flussaufwärts von Kinshasa einen Tag lang in die Hände von
       Buschrebellen, bevor UN-Truppen sie zurückeroberten. Die Aufständischen,
       "ohne Forderungen oder wirkliche politische Führung", wie ein UN-Offizier
       behauptet, nahmen die 500.000 Einwohner zählende Stadt mit Pfeil und Bogen
       und ein paar Gewehren ein, nachdem sie Schiffe auf dem Kongo-Fluss gekapert
       hatten. Über Wochen war der Schiffsverkehr auf dem Fluss, die wichtigste
       Verkehrsachse des Landes, von Piratenangriffen lahmgelegt.
       
       Schon 2007, als sich Bembas und Kabilas Garden mitten in Kinshasa blutige
       Kämpfe lieferten und Bemba ins Exil ging, hatte die UN-Mission Monuc vor
       einem allgemeinen Klima der Verfolgung gegenüber Menschen aus Equateur in
       Kinshasa gewarnt. "Dieses Problem besteht bis heute fort", sagt ein
       Oppositionssenator, der anonym bleiben will. "Die Vernachlässigung dieser
       Provinz sowie der einstigen Bemba-Kämpfer, die ja nicht alle demobilisiert
       wurden, lässt uns fürchten, dass die Unzufriedenheit irgendwann ausbricht."
       
       27 May 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) François Misser
       
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