# taz.de -- aktionstag gegen Mediaspree: Ausufernde Party mit Botschaft
> Mehrere tausend Menschen gehen am Aktionstag gegen die Bebauung des
> Spreeufers auf die Straße. Sie verwandeln Brachflächen in Partygelände.
> 25 Festnahmen.
(IMG) Bild: Endlich mal was los auf der Brache: Das gekaperte Ufergrundstück an der Cuvrystraße in Kreuzberg
Misstrauisch inspiziert der Polizist die gefüllten grauen Müllsäcke.
"Anschutz" steht auf dem Plastik und dahinter "25 Mio". "Das ist nur ein
Beispiel für die Subventionen, die andere Investoren bei Mediaspree bereits
erhalten haben", erklärt eine der Demonstrantinnen. Einen ganzen Haufen
Säcke haben sie mitgebracht, jeder steht für einen Investor. Der Polizist
kann nichts Verdächtiges in den Säcken finden und reicht sie wieder zurück.
Mehr als 1.000 Menschen haben sich nach Angaben des Veranstalters am
Samstagmittag auf Initiative des Bündnisses "Mediaspree entern" am
Kottbusser Tor in Kreuzberg versammelt, eine ähnliche Menge am Boxhagener
Platz in Friedrichshain. Ihr Ziel: zunächst die Oberbaumbrücke, um von dort
aus Flächen nördlich und südlich des Spreeufers zu besetzen und zu nutzen.
Damit wollen sie gegen die teils fertig gestellte, teils geplante Bebauung
des Ufers mit Büros, Hotels und Luxuswohnungen unter dem Projektnamen
Mediaspree protestieren.
Das erste Grundstück wird besetzt, schon bevor die Demozüge die
Oberbaumbrücke erreicht haben. An der Wrangel- Ecke Cuvrystraße brechen
plötzlich Demonstranten hinter der ersten Reihe aus und biegen nach links
ein, statt dem Fronttransparent zu folgen. Überraschte Polizisten
versuchen, die Menschenmenge einzufangen, doch die Demonstranten sind
schneller. Drei Dutzend Menschen sprinten auf die Freifläche an der
Cuvrystraße und lassen sich am Spreeufer nieder. Dann ist erst mal Schluss:
Beamte riegeln den vorderen Eingang des Geländes ab.
"Wenn man will, kann man doch jederzeit hier drauf kommen", sagt eine
Anwohnerin, die eigentlich nicht an der Demo teilnimmt, und schüttelt den
Kopf. Bei gutem Wetter seien abends ständig Leute auf dem Gelände, die
grillen und Musik machen würden. Auch die Polizei ist inkonsequent: Die
zwei seitlichen Eingänge bleiben offen.
Während auf dem Gelände die ersten Fahnen in den Boden gesteckt werden,
treffen sich auf der Oberbaumbrücke die Demos aus Kreuzberg und
Friedrichshain. "Heute können wir gemeinsam zeigen, dass wir die Bebauung
des Spreeufers nicht wollen. Das Ufer muss für uns genauso da sein",
schallt es aus dem Friedrichshainer Lautsprecherwagen. Der Kreuzberger
Wagen musste die Demo verlassen: Die Organisatoren geben an, dass die
Polizei ihn samt Anlage beschlagnahmt habe, es habe mehrere Festnahmen
gegeben.
Etwas abseits von der Demo, auf einem kleinen Grundstück nördlich der
Stralauer Allee sitzt eine Gruppe junger Leute um eine Decke. Die Fläche
liegt seit Jahren brach und ist trotzdem abgeriegelt. "Nur der
Rasenmähermann darf hier drauf", sagt eine Anwohnerin. Eine Initiative rief
dazu auf, am Samstag daraus einen Anwohner-Park zu machen. Doch noch sind
die Tore zu. Wer auf das Gelände will, muss ein Loch oder ein Zaunstück
finden, über das er klettern kann, ohne von Polizei und Sicherheitsdienst
entdeckt zu werden.
Eine, die es sich auf der Wiese gemütlich gemacht hat, ist Conny. Seit
ihrer Geburt wohnt sie in der Gegend, sie will von einer "Besetzung" des
Geländes eigentlich nicht sprechen. "Wir nutzen das ja sonst auch ab und
an, wenn auch eher mit den Hunden", sagt sie. Doch die Proteste seien ein
guter Anlass, um die Öffnung des Grundstücks für die Anwohner zu fordern.
Schließlich gebe es mit der Bebauung des Spreeufers immer weniger
öffentlich nutzbaren Platz. "Früher konnte man noch an der Spree entlang
spazieren gehen", sagt sie. Jetzt werde das durch Neubauten, Bauzäune und
Wachmänner verhindert.
Auf der Freifläche an der Cuvrystraße ist es voll geworden. Mehrere hundert
Menschen sind auf dem Gelände, einige berichten von weiteren Besetzungen
neben der Ver.di-Zentrale an der Köpenicker Straße und an der Elsenbrücke.
Zwei Frauen entzünden auf einer Betonfläche ein Feuer, ein Gitarrist
begleitet einen Schlagzeuger, dazu schallt Musik aus ein paar Boxen.
Pünktlich um 18 Uhr geht die Musik aus. Der Schlagzeuger tritt auf das
Pedal seiner Basedrum, Menschen blasen in Trillerpfeifen, in Tröten, drehen
mit beiden Händen Ratschen so schnell es geht, rufen und schreien. Über den
Fluss hallt das Echo von Feuerwerkskörpern. Dann, ganz langsam lässt der
Lärm nach, bis zum Schluss nur noch das Schlagzeug zu hören ist. Die
Lärmdemo als Abschluss des Aktionstages ist vorbei. Die Musik setzt wieder
ein, und am Ufer der Cuvrystraße beginnt die Party.
6 Jun 2010
## AUTOREN
(DIR) Svenja Bergt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) MEDIASPREE: Zwischen Spree und Kapital
Wo Hotels und Büroräume am Ufer geplant sind, stehen heute Bars und Clubs.
Sie sind Touristenmagnete - und gleichzeitig droht ihnen täglich das Aus.
(DIR) Aktionstag gegen Berliner Bauprojekt: Erste Freifläche der Mediaspree geentert
Rund 1.300 Menschen demonstrieren gegen die weitere Bebauung der Spreeufer
in Friedrichshain und Mitte. Dabei wird eine Freifläche besetzt.