# taz.de -- Gerichtszeichnerin Christine Böer: "Wollte ihm doch gerecht werden"
       
       > Seit Jahrzehnten zeichnet die Hamburgerin Christine Böer Menschen vor
       > Gericht. Ein Gespräch über das bedrohte Genre Gerichtszeichnung und den
       > Prozess als Gladiatorenkampf.
       
 (IMG) Bild: Der "Baulöwe" inmitten seiner Anwälte: beim Prozess gegen Jürgen Schneider, Frankfurt 1997.
       
       taz: Frau Böer, wie sind Sie zur Gerichtszeichnung gekommen? 
       
       Christine Böer: Ganz ungeplant. Eine Boulevardzeitung hat mich dorthin
       geschickt. Ich hatte damals das Glück, die St. Pauli-Mafia mit ihren
       wechselnden Bärten zu charakterisieren.
       
       Hat es Sie sofort gepackt? 
       
       Ich bin ein Mensch, der sehr gerne dramatische Geschichten hört und das
       Leben ohnehin als leicht explosiv erlebt: diese unsichtbaren Drähte, die
       unter dem Boden laufen. Ich bin wie ein staunendes Kind.
       
       Unter den Nazis ist die Physiognomik in Verruf geraten. Aber der Laie fragt
       sich dennoch: Wie viel kann man am Gesicht eines Angeklagten ablesen? 
       
       Nicht viel. Ich würde höchstens so weit gehen, dass man Menschen ihre Macht
       oder Ohnmacht ansehen kann. Ihr ganzes Gehabe, ihre Erscheinung, das
       Stolzieren oder Schleichen geben Auskunft.
       
       Warum sind Gerichtszeichnungen so selten geworden? 
       
       Es ist eine reine Frage des Geldes. Ein Gerichtszeichner, selbst ein
       schlechter, bekommt immer mehr als ein Fotograf. Es wird also vor oder nach
       der Verhandlung fotografiert. Deswegen ist die Berichterstattung so farblos
       - und auch so manipulativ: Ein Foto auf dem Gerichtsflur kann ich stellen.
       
       Warum empfinden die Gerichte die Zeichnung als harmloser? 
       
       Ich wirke nicht bedrohlich, ich habe keinen großen Fotoapparat. Und da
       fängt es dann schon an, dass viele sagen: "Mein Onkel malt auch. Aber in
       Öl." Das macht man sich als Gerichtszeichner zunutze. Man geht in die
       Tapete über.
       
       Aber dem Porträtierten kommen Sie ja sehr nahe. 
       
       Das durch die menschliche Empfindung geprägt Bild ist immer subjektiv. Aber
       es hat ganz andere Möglichkeiten als das Foto: Es nimmt sich Zeit. Wenn der
       Zeichner gut ist, beobachtet er Mimik und Gestik über eine längere Zeit. Er
       kann - und das ist ganz wichtig - weglassen. Und hervorheben, was ihm
       wichtig erscheint. Er kann mehrere Aspekte einer Person auf ein Bild
       setzen. Das alles kann das Foto nicht. Ich setze noch Zitate zu meinen
       Zeichnungen: Damit werden sie zu einem Psychogramm aus Worten und Strichen.
       
       Sie haben gesagt, dass eine misslungene Zeichnung Sie eine Nacht lang
       wachhalten kann. Wann ist für Sie ein Porträt gescheitert? 
       
       Wenn ich einer Person nicht gerecht geworden bin, dann kann das dazu
       führen, dass ich einen neuen Anlauf nehme. Ich lasse es, wenn es ein
       Wischi-Waschi-Typ ist, dessen Delikt einem bekanntes Strickmuster folgt.
       Dann ist derjenige aber auch wenig unterscheidbar. Aber wenn mich ein Figur
       so sehr beschäftigt, wie der Graffiti-Sprayer "OZ", der sich sozusagen als
       Metapher für das ganze Delikt eignet, weil er in seiner ganzen Erscheinung
       die Flüchtigkeit darstellt, dann setze ich alles daran, das wiederzugeben.
       
       Vermutlich sind es nur die Selbstbewussten unter den Angeklagten, die sich
       Ihre Bilder hinterher noch angucken. 
       
       Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal habe ich das Bedürfnis, dem
       Angeklagten sein Bildnis zu zeigen. Ich denke, das ist fair. Wie bei dem
       Halbstarken, der gemordet hat, den ich ohne Gesicht, embryonal in sich
       verkrochen dargestellt habe.
       
       Wie hat er darauf reagiert? 
       
       Nicht spektakulär. Er ist zusammengezuckt und hat leise etwas gemurmelt:
       "Das bin ich wohl."
       
       Als Zeichnerin interpretieren Sie - teilen die Gezeichneten stets Ihre
       Interpretation? 
       
       Die Zeichnung beinhaltet Empathie - der kann man sich nicht verschließen -
       und Anteilnahme. Sie diffamiert nicht. Eine gute Gerichtszeichnung liefert
       den Angeklagten nicht reißerisch an den Pranger aus - das ist, was die
       Bild-Zeitung macht. Ich habe mich immer geweigert, für sie zu arbeiten. Und
       ich bin Gott sei Dank in einer Position, dass ich nicht kriechen muss.
       
       Sind die Prozesse, zu denen die Redaktionen Sie schicken, auch diejenigen,
       die Sie sich selbst aussuchen würden? Also die prominenten Fälle:
       Reemtsma-Entführung, der Erpresser Dagobert… 
       
       Beim Reemtsma-Prozess war für mich der Aufhänger: Ein Mensch hilft sich
       selbst. Jemand, der sich über die demütigendsten Bedingungen der
       Gefangenschaft hinweg geholfen hat, indem er geschrieben hat. Und Dagobert
       ist für mich das herrliche Beispiel eines Menschen, der sich Geld auf
       unredliche Weise verschafft hat, aber sich durch das Geld nicht verändern
       lässt. Er hat während der Verhandlung ja betont: "Herr Richter, dat war für
       mich ohne schöpferische Herausforderung. Dat hat mich jenervt, dieses viele
       Geld. Aber haben wollt ichs doch." Aber Sie vergessen die politischen
       Prozesse.
       
       Als es um die Großen der DDR ging. 
       
       Ich bin ein Ost-West-Geschöpf. Ich habe 20 Jahre auf dem Boden der DDR
       gelebt, bin dann hier rüber gemacht und habe dadurch ein ganz anderes
       Verständnis auch für die Ost-Seite. Und es war mir ein Bedürfnis, dass
       nicht nur die DDR-Polit-Mafia, sondern als Gegengewicht auch der
       CDU-Spendenausschuss gezeigt wird. Mir war aber auch der Prozess gegen den
       Baulöwen Jürgen Schneider wichtig, das absurde Theater mit den Bankern.
       "Mein Name ist Hase", hieß es, nichts gesehen, nichts gehört. Aber
       Schneider hat sie vorgeführt, wie sie sich nach nichts erkundigt haben, als
       sie ihm enorme Kredite gaben.
       
       Wie nahe gehen Ihnen die Prozesse, die nicht das Heitere von Dagobert
       haben? Zum Beispiel in dem Prozess gegen jene Hamburgerin, die ihre Tochter
       Jessica verhungern ließ? 
       
       Ich beobachte mit Schmerzen, dass sich nichts ändert. Die Berichterstattung
       war derartig vordergründig und auf Tränendrüsen aus in einem Fall, der doch
       an ganz tiefe Missverhältnisse in unserer Gesellschaft rührt. Es ist ein
       Fall, der Auskunft gibt über Chancenungleichheit und Unerwünscht-Sein im
       dritten und vierten Glied. Ich wollte Mutter, Großmutter und Kind zeichnen,
       um diesen Domino-Effekt zu zeigen. Ich frage mich oft, wie ich Ursachen
       sichtbar machen kann. Beim Alt-Nazi Engel habe ich ein Foto von ihm als
       jungen Mann in sein altes, verknorrtes Ewig-Gestriges Gesicht montiert.
       
       Letztendlich gibt es zu dem Jessica-Prozess von Ihnen nur ein Bild, auf dem
       die Mutter zu sehen ist. 
       
       Ich habe angefangen mit dem Kind, ich bin in die Pathologie ins Klinikum
       Eppendorf gegangen und habe mir das Foto zeigen lassen. Ich habe das Kind
       aquarelliert, aber als ich fertig war, dachte ich: Das kannst du niemandem
       zeigen. Es ist zu indiskret. Ich kann es nicht veröffentlichen.
       
       Sie gehen jetzt nur noch zu den Prozessen, die Sie selbst interessieren.
       Welche sind das? 
       
       Das kann ich im Voraus nicht sagen. Ich werde auf jeden Fall zum Prozess
       gegen die See-Piraten gehen, weil ich sehen will, wie die gucken: Machen
       sie einen mutigen Eindruck, was treibt sie um?
       
       Zeichnen Sie auch die Opfer? 
       
       In dem Fall interessieren sie mich nicht so. Aber mich interessieren die
       Zuschauer. Ich zeichne oft ins Publikum - das ist genau das, was ich nicht
       soll. Es interessiert mich brennend: Was kommt an? Wie nehmen die Partei?
       Gehen Sie auf den weinerlichen Ton ein, den die meisten Medien in ihrer
       Gerichtsberichterstattung haben?
       
       Oder fordern die Höchststrafe. 
       
       Es ist wie im alten Rom: Das Publikum ist zu irrationalen Wendungen in der
       Lage. Wenn der Gladiator Substanz gezeigt hat, hält es vielleicht den
       Daumen hoch. Im Prozess gegen Pastor Geyer, der seine Frau getötet hat, gab
       es eine blinde Lynchstimmung. Aber ich kann es auf den Tod nicht ausstehen,
       wenn sich alle so gerecht vorkommen. Ich habe den Pastor um Erlaubnis
       gefragt, ob ich ihn in der Pause aus der Nähe zeichnen könnte, weil ich ihn
       aus der Ferne nie gut sehen konnte. Ich wollte ihm doch gerecht werden, ich
       wollte nicht in dieses allgemeine Mord-Pastor-Geschrei einstimmen.
       
       Stört es die Zuschauer, wenn Sie sie zeichnen? 
       
       Nein, im Gegenteil. Die sind neugierig und wollen hinterher sehen, was ich
       mache. Ich bin kooperativ, wenn sie sagen: "Die Nase hätte ich ein bisschen
       größer gemacht." Dann sage ich: "Danke, dass Sie mich darauf aufmerksam
       machen." Ich sehe mich fest - es ist mir wertvoll, wenn jemand völlig
       unvorbereitet darauf guckt.
       
       6 Jun 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friederike Gräff
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Zeichner
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Nachruf auf Christine Böer: „Mal mir Wurzeln, weil ich keine hab!“
       
       Christine Böer machte sich unter anderem als Gerichtszeichnerin bundesweit
       einen Namen. Nun ist sie in Hamburg gestorben.