# taz.de -- Aus Le Monde diplomatique: Danke für die Tränen!
> Große Gefühle bestimmten den Präsidentschaftswahlkampf in Polen. Ein
> Essay.
(IMG) Bild: Am Tag der Präsidentschaftswahl in einem Wahllokal im ostpolnischen Bielsk.
Die Flugzeugkatastrophe von Smolensk, bei der Polens Präsident Lech
Kaczynski und seine Frau ums Leben kamen, hat nicht nur vorgezogene
Neuwahlen für das Amt des Staatspräsidenten erzwungen. Die Katastrophe, der
auch 90 führende Repräsentanten der Politik, der Streitkräfte und des
öffentlichen Lebens zum Opfer fielen, prägte auch den Wahlkampf.
Dass im kollektiven Bewusstsein längst tot geglaubte Mythen wieder zum
Leben erwacht sind, machte deutlich: Der erstaunliche Weg der
Modernisierung, den die polnischen Gesellschaft in den letzten 20 Jahre
zurückgelegt hat, macht sie nicht immun gegen den Einbruch massiver
Irrationalität.
Wie bei einer psychischen Regression kehrte zwanghaft das alte romantische
Geschichtsbild vom kollektiven Schicksal zurück: Polen ist zum Leid
bestimmt, nur im Leid kann es zur Einheit finden und seine historische
Mission, den Kampf für die Freiheit, erfüllen. "Der Mythos", schrieb die
polnische Schriftstellerin Olga Tukarczuk in einem wichtigen Essay, "steckt
immer noch fest, am Ort des nie bewältigten Unrechts, des nie verheilenden
Opfertums, der Feier der Niederlage."
An der Beschwörung des Mythos beteiligen sich alle Parteien. Katyn, genauer
die "Erde von Katyn", wird zu einem "verfluchten Ort", von dem, so Polens
ehemaliger Staatspräsident Aleksander Kwasniewski, eine "düstere
Metaphysik" ausgehe. Sein Amtsvorgänger Lech Walesa sprach von einem
"zweiten Katyn", wo zum zweiten Mal die "polnische Elite gefallen" sei.
Diese Überhöhung zum Opfertod vollzog sich in einem rituellen Trauerrahmen,
der von der katholischen Kirche Polens zur Verfügung gestellt wurde.
Diese Inszenierung erlaubte es den katholisch-nationalistischen Kräften in
der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die Trauer für ihren Wahlkampf zu
vereinnahmen. Handstreichartig wurde der Wawel (der Dom der Krakauer
Königsburg), wo Polens Könige, Freiheitskämpfer und Dichter liegen, zum
Begräbnisort des Ehepaars Kaczynski bestimmt, um einen Platz im nationalen
Pantheon zu erobern.
Das Unglück ereignete sich zu einem Zeitpunkt, da die russische Regierung
den Massenmord an polnischen Soldaten und Offizieren 1940 in Katyn
offiziell eingestanden hatte. In der Volksrepublik Polen war das
sowjetische Verbrechen ein Tabuthema gewesen, das in den Medien nicht
einmal erwähnt werden durfte. Für die Verwandten und Nachfahren der
Ermordeten hätte das späte Schuldeingeständnis Russlands befreiend wirken
können.
Doch die politische Manipulation des Unglücks verletzte ihre Gefühle und
machte sie wütend. Isabella Sariusz-Skapska erklärte nach der Trauerfeier
in Warschau, auf der sie im Namen der Unglücksopfer gesprochen hatte:
"Weder mein Großvater noch mein Vater sind in Katyn ,gefallen'. Der eine
wurde von den Sowjets ermordet, der andere wurde Opfer eines
Flugzeugunglücks. Wenn ich höre, Smolensk sei ein zweites Katyn, möchte ich
am liebsten schreien."
Die Heiligsprechung für Lech Kaczynski konnte eine Weile allzu laute
kritische Fragen verhindern, ob es nicht der Präsident selbst war, der den
Piloten zu dem gefährlichen Landeversuch gezwungen hat. Stattdessen blühten
Verschwörungstheorien um die Rolle des russischen Geheimdienstes FSB. Indes
mehren sich die Indizien, die auf einen Befehl des Präsidenten zur Landung
hindeuten.
Aber nicht nur Jaroslaw Kaczynski, auch sein Kontrahent Komorowski haben
kein Interesse daran, während des Wahlkampfs alle relevanten Informationen
zu veröffentlichen. Denn Letzterer möchte sich nicht vorhalten lassen, er
wolle die Wahl durch die öffentliche Feststellung der Mitschuld Lech
Kaczynskis an der Katastrophe beeinflussen.
Ob die Wahrheit über das Unglück überhaupt je an die Öffentlichkeit dringen
wird, ist ungewiss. Denn auf dem Spiel steht nicht weniger als der Mythos
vom "zweiten Katyn".
Vor der Katastrophe von Smolensk schien das politische Ergebnis der
Präsidentschaftswahl im Herbst 2010 festzustehen. Der Ministerpräsident der
liberal-konservativen Bürgerplattform (PO), Donald Tusk, hatte auf eine
Kandidatur verzichtet und stattdessen die Kandidatur seines Parteifreundes
Bronislaw Komorowski befördert, der in einer Urwahl innerhalb der PO die
Oberhand über Außenminister Sikorski behielt. Die Kandidaten der anderen
Parteien, etwa der sozialdemokratischen SLD, haben ohnehin keine Chance.
Die wundersame Wandlung des Jaroslaw Kaczynski
In den Umfragen vor dem Unglück lag Komorowski, der Marschall des Sejm
(also Parlamentspräsident), ein weltgewandter, um Ausgleich bemühter
Politiker, deutlich vor dem Amtsinhaber. Offensichtlich hatten zwei Drittel
der polnischen Bürger genug von einer Politik der Konfrontation, von
blockierten Regierungsentscheidungen, von der Missachtung der Verfassung
durch Lech Kaczynski und seinen Zwillingsbruder Jaroslaw, der als sein
böses Alter Ego wahrgenommen wurde.
Vier Wochen nach dem Absturz trat Jaroslaw Kaczynski als
Präsidentschaftskandidat an, anstelle seines verunglückten Bruders. Seitdem
macht er eine wundersame Wandlung durch: keine Angriffe mehr auf die PO
wegen ihrer laschen Haltung gegenüber postkommunistischen Karrieristen,
stattdessen Sanftmut gegenüber den Feinden von gestern.
Durch die Katastrophe von Smolensk sei das Gemeinschaftsgefühl der Polen
gewachsen, erklärte er in einem Interview: "Dieses Gefühl könnte zu einem
Impuls für eine neue Qualität der Politik werden. Die politischen
Unterschiede dürfen den Aufbau eines modernen Landes nicht länger
blockieren. Denn was uns verbindet, ist Polen. Und Polen ist das
Wichtigste. Polen muss ein moderner Staat sein, der zugleich seine Stärke
aus allem bezieht, was unsere Tradition ausmacht."
Auch Komorowski beschwor im Wahlkampf die Eintracht aller Polen. Sein
Wahlslogan war "Eintracht gestalten". Er berief einen "Rat für nationale
Sicherheit", dem auch Kaczynski angehört. Damit wollte er "ein Klima
schaffen, in dem alle zusammenarbeiten können". Er gibt sich als
geschichtsbewusster Patriot, besucht Museen, spricht mit Militärs und
Veteranen.
Der Kritik der PiS am neoliberalen Kurs der PO, der die Bedürfnisse der
Menschen ignoriere, setzt Komorowski ein entschiedenes Sowohl-als-auch
entgegen: "Ich sehe keinen Widerspruch zwischen der Vision eines liberalen
Staates in der Wirtschaftspolitik und einem solidarischen Staat im
gesellschaftlichen Bereich. Man muss beides verbinden: die Freiheit der
Akteure und des Marktes und die Traditionen der Unabhängigkeit und
Solidarität."
Dieser entpolitisierte Wahlkampf hat in seiner ersten Phase Kaczynski
genutzt. Das erregte Unmut bei vielen Funktionären der PO, von denen einer
- anonym - verlauten ließ: "Unserem fetten regierungsmüden Leib fehlt es an
Energie." Den Eindruck teilten viele Mitglieder des "Ehrenkomitees" für den
Kandidaten Komorowski, dem eine Reihe der bekanntesten polnischen
Intellektuellen angehören.
Sie wollten gegenüber Kaczynski mehr Kante zeigen. So erklärte der
Staatssekretär Wladislaw Bartoszewski: "Sollte Jaroslaw Kaczynski wieder
Einfluss auf die Politik haben, sind wir auf dem besten Weg nach
Griechenland." Und warnte vor einem Präsidenten, der "Erfahrungen als
Kleintierhalter, aber keine Erfahrungen als Vater" habe - eine Anspielung
auf den Katzenfreund und Junggesellen Kaczynski. Die leistete sich auch
Komorowski, als er meinte: "Ich kann dank meiner Familie sagen, dass ich
das Leben kenne."
Das zeugte von der Unsicherheit, gegenüber dem mit Kreide gefütterten
Kaczyinski den richtigen Ton zu treffen. Doch Donald Tusk war nicht
amüsiert und ließ sogar Bartoszewski zurechtweisen, trotz seines hohen
Ansehens und seiner Verdienste.
Das Blatt wendete sich zugunsten Komorowskis, als das Hochwasser kam. So
leichtsinnig man in den Hochwassergebieten an Oder und Weichsel die
Erfahrungen der großen Flut von 1997 verdrängt hatte, so energisch kümmerte
sich jetzt die Regierung Tusk um die Opfer der neuen Flut. Sie zahlte
Soforthilfen aus, bewilligte Beihilfen für die Häuserreparatur, verzichtete
auf die Mehrwertsteuer für Baumaterialien. Und natürlich waren Tusk und
Komorowski (als Marschall des Sejm zugleich amtierender Präsident) ständig
vor Ort - in den Katastrophengebieten wie im Fernsehen. Selbst das von
Kaczynski kontrollierte erste Programm musste diese Präsenz dokumentieren.
Dem gegenüber war Jaroslaw Kaczynski deutlich im Nachteil. Er funktionierte
seinen ersten großen Wahlkampfauftritt in Warschau zu einer
Wohltätigkeitsveranstaltung um, dankte den weiblichen Fans hinter der
Absperrung altpolnisch mit Handküssen und postulierte erneut: "In der Krise
stehen Polen zusammen, denn Solidarität ist unsere große Stärke."
Die große Unbekannte: die polnische Wirtschaft
Bemerkenswerterweise hatte sich Kaczynski gleich nach dem Unglück von
Smolensk - entgegen seiner früheren Konfrontationslinie - bei den Russen
bedankt: "Wir danken für jede Träne, für jede angezündete Kerze, für jedes
bewegende Wort." Jetzt wollte er angesichts der Flut auch Solidarität mit
den viel gescholtenen Deutschen zeigen. Als symbolischer Ort einer
versöhnenden Begegnung war die Oderbrücke zwischen Frankfurt und Slubice
ausersehen. Die Geste musste dann jedoch ausfallen - wegen Hochwassers.
Bis zum 20. Juni, dem Tag des ersten Wahlgangs, ist aber noch eine große
Unbekannte im Spiel, über die weder Komorowski noch Kaczynski sprechen, die
aber dennoch allgegenwärtig ist: die ökonomische Situation Polens. Für
dieses Schweigen gibt es einen staatsrechtlichen Grund: Laut Verfassung
fällt die Innen- wie die Wirtschaft- und Finanzpolitik nicht in den
Kompetenzbereich des Präsidenten, sondern des Ministerpräsidenten Donald
Tusk. Dennoch hat der Präsident auch auf diesen Politikfeldern eine scharfe
Waffe: das Veto, das vom Sejm nur mit 60 Prozent der Stimmen aufgehoben
werden kann.
Während der Regierungszeit von Donald Tusk hat Lech Kaczynski von diesem
Veto reichlich und erfolgreich Gebrauch gemacht, insbesondere bei
Gesetzesvorhaben zu zwei neuralgischen Punkten der polnischen Politik. Zum
Ersten verhinderte er eine Reform des Gesundheitswesens, als Tusk die
chronische Unterfinanzierung des staatlichen Gesundheitssektors mit einer
Teilprivatisierung der Krankenhäuser lindern wollte. Zum Zweiten blockierte
er den Versuch, das Renteneintrittsalter heraufzusetzen.
Sein Bruder Jaroslaw hatte allerdings als Chef einer PiS-Regierung, die er
bis November 2007 leitete, keine solchen sozialstaatlichen Bedenken gehegt.
Als Präsidentschaftskandidat wiederum plädiert er heute für eine Erhöhung
der Staatsausgaben.
Seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 hat sich Polen
erstaunlich gut geschlagen, mit hohen Wachstumsraten in Zeiten allgemeinen
Minuswachstums. Die EU-Komission hat dafür drei Faktoren ausgemacht: die
ausgeglichene Wirtschaftsstruktur, das stabile Bankensystem und die geringe
Verflechtung in die internationalen Finanzmärkte. Allerdings sind seit
einigen Jahren die Staatsschulden kontinuierlich angestiegen. Gegenwärtig
operiert die polnische Regierung mit einem Haushaltsdefizit von 7,3 Prozent
des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die Gesamtverschuldung des Staates ist auf
53,9 Prozent des BIPs angewachsen.
Der Zeitpunkt für den Beitritt Polens zur Eurozone ist damit zu einem
kniffligen Problem geworden. Ursprünglich hatte die PO ihn für 2012
vorgesehen, jetzt soll er bis zur Beilegung der Eurokrise verschoben
werden. Jaroslaw Kaczynski taktiert in dieser Frage vorsichtig, betont aber
das Interesse Polens, nicht für die Schulden anderer EU-Mitglieder
einstehen zu müssen. Schwerer hat es da Tusk, der verspricht, zusätzliche
Mittel für die Aufstockung der privaten Säule des Rentensystems
bereitzustellen und Mittel für das Gesundheitswesen lockerzumachen. Damit
will der Regierungschef dem Kandidaten der PO Schützenhilfe leisten, aber
letztlich wird er um Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen doch nicht
herumkommen.
Gewinnt Komorowski, wird er sein Amt in einer auch für Polen schwierigen
Zeit antreten. Allerdings wird er in diesem Amt bald auf überwiegend
repräsentative Aufgaben beschränkt sein. Die PO plant eine
Verfassungsreform, die sich am Vorbild Österreich orientiert: Direktwahl
bei überwiegend repräsentative Funktionen. Dafür braucht die Regierung
allerdings die Zustimmung der PiS. Doch Kaczynski ist für eine weitere
Stärkung der präsidentiellen Kompetenzen - besonders für den Fall, dass er
das Amt selbst innehat.
Dazu wird es aller Voraussicht nach nicht kommen. Zwar hat Komorowski im
ersten Wahlgang die absolute Mehrheit nicht erreicht, wird es aber wohl 14
Tage später mit der relativen Mehrheit im zweiten Wahlgang schaffen. Es sei
denn, die städtischen Wähler der PO desertieren an den Ostseestrand, denn
der zweite Wahlgang würde bereits in den Hochsommer fallen.
17 Jun 2010
## AUTOREN
(DIR) Christian Semler
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Mehrheit. Rivale Jaroslaw Kaczynski kam auf 36,7 Prozent.