# taz.de -- Präsidentschaftswahl in Polen: Linke werden Zünglein an der Waage
       
       > Erst in einer Stichwahl wird Polens neuer Präsident gekürt werden.
       > Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski verfehlte am Sonntag die
       > absolute Mehrheit. Rivale Jaroslaw Kaczynski kam auf 36,7 Prozent.
       
 (IMG) Bild: Parlamentschef Bronislaw Komorowski (l,), liegt deutlich vor seinem nationalkonservativen Herausforderer Jaroslaw Kaczynski (r.).
       
       WARSCHAU apn | Die Polen müssen am 4. Juli in einer Stichwahl ihren neuen
       Präsidenten bestimmen. Nach der ersten Wahlrunde am Sonntag lag
       Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski von der proeuropäischen
       Bürgerplattform knapp in Führung, der 58-Jährige verfehlte laut Prognosen
       aber die absolute Mehrheit. Auf dem zweiten Platz folgte der
       nationalkonservative Politiker Jaroslaw Kaczynski, der Zwillingsbruder des
       tödlich verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski. Die übrigen acht
       Kandidaten landeten weit abgeschlagen.
       
       Nach Auszählung von 94 Prozent der Stimmen kam Komorowski auf 41,2 Prozent,
       Kaczynski auf 36,7 Prozent, wie die Staatliche Wahlkommission am frühen
       Montagmorgen mitteilte. Dritter wurde der Mitte-links-Kandidat Grzegorz
       Napieralski mit knapp 14 Prozent der Stimmen. Prognosen hatten Komorowski
       zwischen 41,2 und 45,7 Prozent und Kaczynski zwischen 33,2 und 35,8 Prozent
       gesehen, die tatsächliche Differenz zwischen beiden Kandidaten war demnach
       geringer als erwartet. Die Wahlbeteiligung wurde mit 54,85 Prozent
       angegeben.
       
       Die Wähler des drittplatzierten Napieralski dürften nun bei der Stichwahl
       zur Zünglein an der Waage werden. Nach Ansicht von Beobachtern dürften
       seine Wähler mehrheitlich zu dem liberalen Komorowski wandern, mit dem sie
       in Fragen wie Gleichberechtigung von Frauen und Rechte für Homosexuelle
       mehr Gemeinsamkeiten haben als mit dem konservativen Kaczynski. Die Wahl
       war wegen des Todes von Präsident Lech Kaczynski notwendig geworden.
       
       Komorowski erklärte am Abend vor Anhängern in Warschau, er sei "glücklich
       und erfüllt", dass er das Vertrauen und die Unterstützung von Millionen
       Polen habe. Dann stellte er einen Bezug zwischen seiner politischen
       Situation und der Fußball-WM in Südafrika her. "Im Leben wie im Fußball ist
       die Verlängerung am schwierigsten. Das dürfen wir nicht vergessen. Lasst
       uns all unsere Kräfte für das große Finale am 4. Juli mobilisieren", sagte
       er.
       
       Kaczynski dankte seinen Anhängern und auch seinen Gegnern, die im Wahlkampf
       auf scharfe Töne verzichtet hatten. Diese Wahl "ist keine normale Wahl
       gewesen, sondern das Ergebnis einer riesigen Katastrophe, eines riesigen
       Unglücks, einer riesigen Tragödie", sagte der Zwillingsbruder des
       verunglückten Staatsoberhaupts.
       
       Komorowski will in fünf Jahren den Euro einführen und die Reform von
       Wirtschaft und Arbeitsmarkt in Polen vorantreiben. Den Afghanistan-Einsatz
       der polnischen Streitkräfte will er beenden. Kaczynski, der am Freitag 61
       Jahre alt wurde, wirbt dagegen für einen starken Staat und katholische
       Werte, einer Reform der Sozialsysteme steht er kritisch gegenüber. Einen
       festen Zeitplan für die Euro-Einführung lehnt er ab.
       
       Überschattet wurde der gesamte Wahlkampf von dem Flugzeugunglück im
       russischen Smolensk, bei dem neben Präsident Lech Kaczynski auch dessen
       Frau und 94 weitere Repräsentanten des polnischen Staates ums Leben kamen,
       und vom jüngsten Hochwasser von Weichsel und Oder. Zur Wahl aufgerufen
       waren gut 30 Millionen Stimmberechtigte.
       
       Polen ist das einzige EU-Land, das die weltweite Finanz- und
       Wirtschaftskrise ohne Rezession durchstanden hat. Der Präsident wird für
       fünf Jahre gewählt. Viele seiner Pflichten sind vorrangig symbolisch. Doch
       hat er das Recht, sein Veto gegen Gesetze einzulegen und hat als
       Oberbefehlshaber der Streitkräfte ein gewichtiges Wort bei
       Auslandseinsätzen mitzureden.
       
       21 Jun 2010
       
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